03. Juni 2003 Ein junger Mann liegt am hellichten Tag auf dem Teppich seines Arbeitszimmers, einen Kopfhörer der Marke Sennheiser auf den Ohren, und schläft ein, obwohl er sehr laute Musik hört. "Ich merkte, wie nach und nach alle Gedanken verschwanden, sich alle Bilder verflüchtigten, alle Gefühle aufhörten, ich nahm wahr, daß ein Gegenstand nach dem anderen mein Bewußtsein verließ und nur der nackte Sound zweier elektrischer Gitarren, einer Baßgitarre und eines Schlagzeugs, die Essenz des Rock 'n' Roll übrigblieb, ich spürte, wie ich mich von allem Festen löste, wie ich leer wurde, bis ich am Ende bloß noch die Leere spürte."
Leute, die den Rock 'n' Roll für eine aufregende Sache halten, werden womöglich stutzig werden bei diesen Zeilen, mit denen Navid Kermani, ein früherer Mitarbeiter dieser Zeitung, eines seiner sehr persönlichen Neil-Young-Erlebnisse beschreibt. Daß Kermani sich dazu in etwa der gleichen Worte bedient, mit denen der kanadische Rockmusiker in einem 1975 dem Journalisten Cameron Crow gewährten Interview für das Musikmagazin "Rolling Stone" seine Epilepsie beschrieben hat, deutet auf eine Identifikationsbereitschaft, die im Falle dieses Musikers keineswegs ungewöhnlich ist. Unvermindert, ja, mit zunehmendem Alter eher noch mehr genießt Neil Young eine Wertschätzung, die auch in intellektuellen Kreisen üblich ist.
Kermani wählt für seine autobiographische Erzählung einen sehr charmanten Kniff, der zunächst verdeckt, worum es eigentlich geht: die Befassung mit einem Musiker, der bereits vielen den Soundtrack zu ihrem Leben geliefert hat. Kermani stellt nämlich eines Tages fest, daß sich seine erst wenige Monate alte, unter Blähungen leidende und deswegen andauernd brüllende Tochter nur von Neil-Young-Platten besänftigen läßt. Man ermesse, was das für eine Mutter heißt, die dieser Musik nicht im selben Maße zugetan ist! Aber hier erzählt ein Eigenbrötler, der auf etwaige Abneigungen keine Rücksicht zu nehmen hat. Er teilt die alles verzehrende Liebe zur Rockmusik, die Neil Young 1979 mit dem Song "My My, Hey Hey" besungen hat, und vermag den etwas ungereimt wirkenden Titel, für den es im Buch eine einleuchtende Erklärung gibt, in einem sehr existentiellen Sinne einzulösen.
Dabei ist es natürlich eine reine Geschmacksfrage, ob man es dabei eher mit dem frühen, künstlerisch sicherlich wertvolleren oder mit dem späten Werk hält. Die eigentlich nur mit Blindheit zu erklärende Bewunderung mancher Anhänger, die noch das Mißratene, von dem es auch bei Neil Young leider eine Menge gibt, zum Ausdruck künstlerischer Konsequenz erklären, macht Kermani zum Glück nicht mit. Es gibt aus den vergangenen dreißig Jahren Platten, deren vielleicht vorsätzliche, vielleicht aber auch unbeabsichtigte dilettantische Machart schlicht empörend ist; vor allem die übertrieben vielen Live-Aufnahmen seit den neunziger Jahren gehören dazu. Navid Kermani wählt nicht nur hier klug aus und beschränkt sich auf wenige Titel, die dem Uneingeweihten wie bloßer Lärm vorkommen mögen, aus denen der Kenner aber die stärksten Reize zieht. Worauf es aber ankommt bei diesem Buch, das sind Kermanis einfühlsame, so präzise wie phantasievolle Analysen und Interpretationen von Liedern aus der ganz frühen Zeit wie "The Last Trip To Tulsa", "Down By The River" oder "Cowgirl In The Sand", dazu weiterer uramerikanischer Großtaten wie "Cortez The Killer" und "Pocahontas". Man liest es und denkt sich, vielleicht zum ersten Mal in vielen Jahren eigener Neil-Young-Bewunderung: So muß man es machen!
Es war der Musikkritiker Karl Bruckmaier, der in seinem "Soundcheck" von 1999 darauf hingewiesen hat, die wahre Anhängerschaft beweise sich in der Wertschätzung für Neil Youngs opus magnum "Harvest" von 1972 und nicht im vierten Meter Bootleg-Platten mit seltenen, aber indiskutablen Aufnahmen. Kermani ist von dieser, sagen wir: Krankheit mancher Neil-Young-Anhänger, die das Kommerzielle verabscheuen, nicht immer ganz frei. Aber er ist mit heißem, traurigem Herzen dabei. Das zählt.
EDO REENTS
Navid Kermani: "Das Buch der von Neil Young Getöteten". Ammann Verlag, Zürich 2002. 175 S., geb., 17,90 [Euro].
Buchtitel: Das Buch der von Neil Young Getöteten
Buchautor: Kermani, Navid
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.2003, Nr. 127 / Seite 34