Alan Hess über Oscar Niemeyers Häuser

06. September 2006 Villen sind von jeher eine verlockende Aufgabe für ehrgeizige Baumeister. Frei von übergroßen Zwängen der Funktion lassen sich Wohnhäuser gutwilliger und großzügiger Bauherren unschwer zu Visitenkarten ihrer Architekten machen. Sie können Kühnes erproben, Größeres ankündigen, zuspitzen, was bei Schulen, Büros oder Fabriken notwendig von den Nutzungsforderungen gemildert wird.

Fast alle Granden des Jahrhunderts haben sich an solchen Häusern erprobt; ohne die Villen von Mies oder Le Corbusier, Loos oder Frank Lloyd Wright ist die klassische Moderne nicht zu denken. Auch Oscar Niemeyer (der Mann oben im Bild), der große alte Mann der brasilianischen Architektur, der letzte der Heroen der Moderne, 1907 geboren, hat zahllose Wohnhäuser gebaut. Häufig standen sie, wohl nicht ganz zu Unrecht, im Schatten seiner spektakulären Großprojekte, seiner gestischen Monumente, der neuen Hauptstadt Brasilia zumal.

In einem voluminösen Band zeigen der amerikanische Architekturkritiker Alan Hess und der Fotograf Alan Weintraub nun Niemeyers Privathäuser in chronologischer Folge, entstanden seit Ende der dreißiger Jahre bis in die Gegenwart. Nicht alle von ihnen mag man als Villen bezeichnen, gerade die frühen sind kaum mehr als Einfamilienhäuser, mit einem kleinen Garten und einer Aussicht als dem schönsten Luxus. Einmal mehr aber erweist sich Niemeyer als einfallsreicher und elastischer Architekt, der Einflüsse von Le Corbusier genauso zu verwerten weiß wie Elemente der traditionellen brasilianischen "fazenda". Organisch geschwungene Formen, etwa bei seinem eigenen Haus in Canoas unweit von Rio, wechseln ab mit strengen Geometrien, es gibt Ziegeldächer, Flachdächer, expressive Hängekonstruktionen. Als Architekt arbeite er für jeden Auftraggeber, hat Niemeyer, Mitglied der Brasilianischen Kommunistischen Partei, gelegentlich zum Entsetzen seiner linken Freunde gesagt, und diese Entschlossenheit, sich durch nichts und niemanden vom Bauen abhalten zu lassen, definiert auch seine stilistische Wandlungsfähigkeit.

Es ist ein Vorzug des Bandes, daß die süffigen Aufnahmen von Alan Weintraub allesamt in jüngster Zeit entstanden sind, ergänzt nur um wenige historische Bilder aus den Entstehungsjahren der Bauten. So sieht der Betrachter nicht staubfrei abgeschleckte Präsentationsfotos, Idealbilder, wie sie Architekten lieben, sondern bekommt einen Eindruck, wie die Häuser heute aussehen, wie sie gealtert sind, wie Sonne und Regen und der Gestaltungswille ihrer Bewohner sie verändert haben. Manche wurden mit gedrechselten Holzgeländern oder schmiedeeisernen Lampen verschönt, an anderen bröckeln Putz und Beton; eines, das 1953 in São Paulo entstandene Haus Pignatari, eine von Niemeyers größten Villen, ist längst eine Ruine. Das ist der Lauf der Dinge, entspricht aber auch der Entwurfsphilosophie des brasilianischen Architekten, der seine Häuser stets in die üppige Natur seiner Heimat komponiert hat, statt sie, abstrakten Schreinen gleich, als Artefakte dagegenzustellen, wie es die Klassiker der westlichen Moderne getan haben. Das Konzept, der Band zeigt es, geht prächtig auf.

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Oscar Niemeyer - Häuser
von Hess, Alan
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HEINRICH WEFING

Alan Hess: "Oscar Niemeyer - Häuser". Mit Fotos von Alan Weintraub. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006. 232 S., geb., 79,90 [Euro].

Buchtitel: Oscar Niemeyer - Häuser
Buchautor: Hess, Alan

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2006, Nr. 207 / Seite 40

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