Von Ernst Horst
25. Juli 2008 Ein Investment-Analyst und ein Dominikaner-Frater - am Stammtisch würden wir vermutlich ein Pfaffe und eine Heuschrecke sagen - schreiben gemeinsam ein Buch, besser gesagt, einen religiösen Text. Listig haben die Autoren aber den katholisch-christlichen Inhalt weitgehend weggelassen und vertrauen darauf, dass wir ihn an seinen Früchten erkennen. Der Heiland bekommt erst ganz am Schluss das Wort. Er formuliert das Fazit: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, damit sie es in Fülle haben.
Die Individualismus-Falle heißt dieses Taschenbuch von Wolfgang Kiener und Frater Johannes Weise. Was ist Individualismus? In einem Artikel einer großen Wochenzeitung äußerte sich neulich ein gewisser Horst aus Offenbach, der gerade fröhlich mit einer Gruppe nackt durch das Sauerland wanderte. Er sagte, er sei ein Individualist. Kiener und Weise haben allerdings etwas anderes im Blick. Individualismus im Sinne des Buchs bedeutet, zu wenige und zu oberflächliche Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Der Mensch ist schließlich kein Eisbär, er gehört einer sozialen Spezies an, und ohne ausreichende Interaktion verkümmert er und wird unglücklich.
Sanfter Konservatismus
Man muss aber auch sagen, dass Kiener und Weise den Individualismus im Sinne von Horst aus Offenbach nicht explizit ablehnen, aber sie propagieren ihn auch nicht. Sie machen zahlreiche Vorschläge, was man tun kann, um die Lebensfreude zu steigern. Sie preisen Tätigkeiten wie gemeinsames Singen, Tanzen und Kochen oder den abendlichen Gang in den Biergarten. Das sind massenkompatible Beschäftigungen. Originellere Alternativen wie den Nacktmarsch durchs Sauerland ignorieren sie. Kiener und Weise sind Konservative, aber sie sind sanfte Konservative. Wer die Sache anders sieht als sie, der wird beim Lesen keine Schuldgefühle bekommen.
Die beiden Autoren kennen die Welt. Sie haben lange in anderen Kulturen gelebt und Bücher von Margaret Mead und Erich Fromm gelesen. Solches Wissen verwenden sie, um ein Ranking, wie man heute sagt, der Lebensqualität zu erstellen. An der Spitze stehen Lateinamerika und Spanien, im Parterre findet man Frankreich und Amerika. Es scheint, als ginge es den Menschen in katholischen Ländern besser als denen in protestantisch-calvinistischen. Dabei ist das Entscheidende nicht die Theologie, nicht das Unfehlbarkeitsdogma und die unbefleckte Empfängnis, erfahren wir, sondern die Kultur.
Es sind die fröhlichen Rituale und Feste, die den Unterschied ausmachen, vom Tanz in Argentinien und Karneval in Brasilien bis zum Oktoberfest in Bayern. Frankreich ist zwar katholisch, aber nicht typisch katholisch. Hier hat die Revolution zu sehr die Gleichheit auf Kosten der Brüderlichkeit gestärkt. Umgekehrt musste man in Ländern des weiland Ostblocks wie Russland verstärkt miteinander kooperieren, um zu überleben. Das ist immer noch zu spüren. Eine gewisse materielle Grundversorgung sei notwendig, aber alles, was darüber hinausgehe, mache uns auch nicht viel glücklicher, heißt es.
Weniger Geld, mehr Entschlusskraft
Wenn ein Leser meint, dass hier gewisse Ideale des Ordenslebens durchschimmern, dann täuscht er sich wohl nicht. Wie hält man es mit der Religion? Die tanzenden Derwische, die Zen-Mönche, die Amish in Pennsylvania, um nur ein paar Beispiele zu nennen, sie alle treiben manches, wovon man etwas lernen kann. Auch und gerade als Atheist oder Agnostiker. Kieners und Weises Vorschläge, wie man das Leben angenehmer gestalten kann, unterscheiden sich von anderen religionsnahen Wellness-Angeboten dadurch, dass sie mehr Entschlusskraft als Geld erfordern. Es ist besser, am Ort regelmäßig im Kirchenchor zu singen, als mit dem Sechszylinder hundert Kilometer weit zu einem exklusiven Meditationswochenende an einem wunderschönen See zu fahren.
Das Leitmotiv des Buches ist das Fernsehen. Wer zu viel fernsieht, den verwandelt der Kasten in einen Zombie wie die Märchenhexe den Prinzen in einen Frosch. Dabei kann sich ein Leben ohne Fernsehen heute kaum noch jemand vorstellen. Wenn man den Untersuchungen der Soziologen aber trauen darf, dann macht uns Fernsehen unglücklicher als kein Fernsehen. Warum also tun wir uns das an? Diese Frage kann man nicht oft genug wiederholen. Das ist sicher nicht originell, aber vernünftig.
Zwang zur Gemeinschaft
Was nicht ganz einleuchtet, sind die Alternativen zum Leben vor dem Flachbildschirm, die die Autoren anbieten. Sie plädieren stets für das intensive Gemeinschaftserlebnis in einer etwas größeren, aber nicht anonymen Gruppe. Das kommt einem etwas einseitig vor und zu wenig auf die unterschiedlichen Naturen der Menschen ausgerichtet. Hauptsächlich solitäre Beschäftigungen wie Bücher lesen, Briefe schreiben, Hunde züchten und im Garten arbeiten machen manchen von uns vielleicht ja auch glücklich.
Verknüpft mit dem Thema Fernsehen ist das Thema Amerika. Die Vereinigten Staaten stellen für die Autoren unter den ihnen näher bekannten Ländern den Gipfel der sozialen Unwirtlichkeit dar. Der durchschnittliche Amerikaner verbringt drei Stunden am Tag vor der Glotze. (Man hätte allerdings auch gerne so eine Statistik für das vielgelobte Südamerika gelesen, wo Frater Johannes als Seelsorger tätig war. Verschweigt er uns hier etwas?) In Amerika ist Nacktheit in den allgemein zugänglichen Kanälen zwar absolut tabu, aber das Angebot an Gewaltszenen spiegele das hohe Aggressionsniveau der Gesellschaft wider. Die Autoren vermuten, dass das ausgeprägte amerikanische Desinteresse an Arbeitszeitverkürzung darauf beruht, dass Amerikaner immer noch lieber arbeiten als fernsehen. Das andere zweifelhafte Mittel gegen die Langeweile heißt Shopping.
Damit verbringen die Amerikaner drei- bis viermal so viel Zeit wie wir Westeuropäer. Ob sich Goethe mit seinem Urteil Amerika, du hast es besser wohl nicht vertan hat? Natürlich sind das alles Klischees. Aber das heißt nicht, dass da gar nichts Wahres dran ist. Kulturen sind unterschiedlich, in manchen ist die Lebensqualität, wie auch immer man sie definiert, höher als in anderen. Es ist also sinnvoll, einige Verhaltensweisen aus diesen glücklichen Regionen auszuprobieren. Kiener und Weise sind herumgekommen in der Welt, die sie nicht überall als Jammertal empfunden haben, und sie lassen uns teilhaben an ihren Erfahrungen. Es schadet nicht, über den ein oder anderen Ratschlag nachzudenken.
Wolfgang Kiener, Frater Johannes Weise: Die Individualismus-Falle. Warum die Lebensfreude schwindet und wie wir das ändern können. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 260 S., br., 14,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa