Das nächtliche Rauschen der Bilder

08. Mai 2008 Sind es nicht schon Jahrzehnte? Jedenfalls scheint die Zeit sehr lang, in der wir uns innerlich darauf vorbereiten, dass es mit dem Kino zu Ende geht. Dass die neuen Vertriebswege und Abspielstätten für Filme, verändertes Freizeitverhalten und Wahrnehmungsverschiebungen in einer digitalisierten Welt diesen Ort des öffentlichen Filmeschauens, wie wir ihn kennen, nicht nur von Grund auf erschüttern werden - sondern einreißen, abschaffen, totmachen. Wenn ein Buch mit dem Untertitel "The End of the Reel World" in der Überschrift dann "Zukunft Kino" heißt, ist die Erleichterung deshalb erstmal enorm. Da glaubt noch jemand an die Zukunft. Aber was ist dann zu Ende, und wie kann das, was kommt, immer noch Kino heißen?

Zu Ende, darin sind sich inzwischen fast alle einig, geht die Ära des 35-mm-Films - das ist "the end of the reel world" zugunsten digitaler Aufnahme- und Abspieltechniken. Welche ästhetischen Verluste damit verbunden sein werden, ist in erster Linie eine Frage der Weiterentwicklung digitaler Kameras und dann eine Frage der Sentimentalität - haben Zelluloidbilder heute tatsächlich noch eine spürbar andere Textur als digitale? Wird das so bleiben? Wiegt der Gewinn - dass wir Bilder kühnster Phantastik zu sehen bekommen - die Verluste nicht auf? Wie verändert sich unser Konzept davon, was wir Bild nennen, und was bedeutet das? Und ist das für die Frage von Bedeutung, ob das Kino, jenes Doppelwesen, das gleichzeitig technisches Medium und Ort einer bestimmten Erzählform ist, diese zweite Revolution in seiner Geschichte überstehen wird?

Daniela Klook, die Herausgeberin des originell bebilderten und sorgfältig gestalteten dicken Bandes "Zukunft Kino", hat so ziemlich jeden, der zum Thema etwas zu sagen hat, dazu gebracht, einen Beitrag zu ihrem Buch zu liefern, oder ihn interviewt. Die Informationsfülle - historisch wie technisch - ist immens, und allein für den Beweis, gegen welche Anfechtungen technischer Novitäten (von denen Fernsehen und Video nur die sind, aus denen ihrerseits was wurde), sich das Medium Film als besserer Bildspeicher schon behauptet hat, lohnt die Lektüre. Dass das Kino bei allen Veränderungen nur einen tatsächlich des Namens Revolution würdigen Umsturz zu bewältigen hatte, nämlich die Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm, behauptet übrigens Peter C. Slansky in seinem Abriss zur Geschichte der Kinotechnik, in dem er auch daran erinnert, dass das Fernsehen einst im öffentlichen Raum begann, wohin es mit der Projektion auf Großleinwände zu bestimmten Anlässen ja auch zurückgefunden hat. Vielleicht geht es dem Kino einmal ebenso? Oder sind Internet und Mobiltelefon wirklich die einzigen Orte, an denen Filme in Zukunft ihre Heimat finden?

Vor dieser Frage liegt natürlich die, wie sich die Bilder, die wir sehen, und die Geschichten, die sie erzählen, verändern, und da sei Kulturpessimisten, die auch beim Lesen hart im Nehmen sind, der Beitrag von Georg Seeßlen empfohlen. Er leitet aus seiner philosophischen Tiefenbohrung einige "Erweiterungen des kinematografischen Codes" ab, die teilweise schon Wirklichkeit geworden sind. Zum Schluss prognostiziert er eine Aufhebung der Gattung überhaupt - wenn das Bild verinnerlicht und Teil unserer selbst werde, weil es keine mediale Körpergrenze mehr gibt, keine Spiegelachse, wo auf der einen Seite ein Mensch ist und auf der anderen sein Bild.

Das war die Grundlage von "Matrix", und damit das nicht unsere einzig gültige Vorstellung der Zukunft bleibt, hat sich die Herausgeberin am Ende des Bandes mit einigen Filmemachern unterhalten, die fast alle einen ziemlich pragmatischen Zugang zur Digitalisierung an den Tag legen. Christoph Hochhäusler etwa zeigt sich begeistert von den ästhetischen Möglichkeiten des Digitalen, wenn sie nicht zur rein dekorativen Anwendung führen (was die Filmkamera natürlich auch kann, nur nicht so leicht). Wie immer also kommt es auch bei der Digitalisierung des Kinos drauf an, was man daraus macht: selbstgenügsame Bilder, die so umfassend bearbeitet wurden, dass sie nur noch eine glatte Oberfläche sind, oder das Austesten von Grenzbereichen, wie Hochhäusler es in Michael Manns "Miami Vice" gesehen hat, in dem die Nachtbilder anfangen "zu rauschen". Vor allem aber erinnert er daran, dass das "Bild des Films eben kein Bild sein soll, sondern ein Blick", und das Kino erst in der Anverwandlung dieses technischen Blicks durch den Zuschauer funktioniert.

Die Kunst ist immer nur ein guter Gedanke. Sie kommt nicht davon, ob eine Technik sich verändert - sagt Tom Tykwer, der im Übrigen die Digitalisierung ziemlich gelassen nimmt und von Sprüchen wie dem Greenaways, dass das Kino sich jetzt neu erfinden müsse, nichts hält. Denn das, was wir am Kino lieben, weshalb wir ins Kino gehen - um uns in Geschichten zu begeben -, bleibt von der Digitalisierung unangetastet, auch dann noch, wenn sie in naher Zukunft während der Produktion, beim Drehen, Nachbearbeiten, im Schneideraum und in Verleih und Projektion vollständig die Herrschaft übernommen haben wird.

VERENA LUEKEN

Daniela Kloock (Hrsg.): "Zukunft Kino. The End of the Reel World". Schüren Verlag, Marburg 2008. 340 Seiten, zahlreiche Abb., 49 Euro.



Buchtitel: Zukunft Kino - The End of the Reel World
Buchautor: Kloock, Daniela

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2008, Nr. 107 / Seite 42

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