Kokainunfall mit Smoking

Ingo Niermann und Adriano Sack über Drogen und ihre Nutzer

28. März 2007 Alkohol, Haschisch, Pillen, Kokain oder Heroin: Viele Rauschmittel sind heute Teil des gesellschaftlichen Mainstreams und werden so öffentlich wie vulgär konsumiert - nur Frank Zappa macht nicht mit. Unter Drogeneinfluss machen Menschen bekanntlich die seltsamsten Sachen: Sie springen von Dächern, sprechen rückwärts, gehen in Teppiche eingewickelt zur Tankstelle, um dort nach der Jahreszeit zu fragen, fertigen obskure Knetarbeiten an, oder sie treiben Hochleistungssport.

Weitaus öfter jedoch werden im Rauschzustand äußerst langweilige Dinge getan: Manche starren stundenlang nur die Wand an, andere hören idiotische Musik, wieder andere tanzen bedenklich oder machen sich Notizen, die besser unnotiert geblieben wären. So oder so, Drogen scheinen als Thema doch recht geheimnislos und gehören noch vor Sex und Popmusik zum Langweiligsten, worum sich abendliche Kneipenkonversation ranken kann: Jeder kennt irgendeinen unglücklichen Koks-Choleriker, einen verwahrlosten Hasch-Lahmen oder jemanden, dessen Alkoholexperimente den Rahmen des Duldbaren gelegentlich verlassen - und wenn man es selbst ist. Ganz im Ernst: Die biochemischen Vorgänge im nüchternen Hirn der eigenen Eltern sind weitaus interessanter und unvorhersehbarer als die Drogenexzesse irgendwelcher Prominenter oder befreundeter Suchtopfer.

Hinzu kommt, dass dem Drogenkonsum heute in Zeiten öffentlichen Kampfkiffens, karrieristischen Koksens oder Entzugsbeichten von jedermann und Robbie Williams nichts Glamouröses, Romantisches oder gar Antikonformes mehr anhaftet. Stattdessen hat eine Vulgarisierung des Rausches stattgefunden: Selbst Versicherungsvertreter faseln heute von "kicks", und sogenannte Sportgetränke werden in einer Art beworben, als handele es sich um Psychedelika.

Oder sollte es etwa doch noch interessante, unerhörte, am Ende gar bewusstseinserweiternde Informationen zum Thema Drogen geben? Das vollgestopfte Bändchen "Breites Wissen - Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer" von Adriano Sack und Ingo Niermann erweckt durchaus diesen Eindruck. Auf knapp zweihundert Seiten versammelt es Listen, Anekdoten, Tabellen und Porträts rund ums Thema. Das Entscheidende: Gerade weil Rauschmittel heute Teil des gesellschaftlichen Mainstreams geworden sind, ergibt die launige Informationssammlung der beiden Autoren Sinn: Drogen sind mehr Pop, als sie es jemals waren, ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Pop nicht im Sinne von wild, wohlgemerkt. Pop im Sinne von "populär", immer da, jedem bekannt. Pop im Sinne von: Bohlen, dem Wetten-dass-Prominentensofa, Stefan Raab, Monrose, Florian Silbereisen.

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Breites Wissen
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Auch "Breites Wissen" ist purer Pop: Das Buch geht nicht den Weg einer Essaysammlung oder einer rein faktischen Darstellung, stattdessen verfahren die beiden Autoren so, wie man es hierzulande von jenem unglücksseligen Para-Genre namens "Pop-Literatur" kennt: Sie häufen an. Vermeintlich Essentielles wird angereichert mit Abstrusem, Überspitztem und Ungeheuerlichem. Seriöse Informationen treffen auf Nachgeplauder hinlänglich kolportierten Prominentenklatsches, und am Schluss wird das Ganze mit halbwegs unterhaltsamen Albernheiten gestreckt. Und alles, jeder Aspekt bekommt seine Liste: Die Drogen-Referenzen im "Beatles"-Werk, "Simpsons"-Folgen mit Drogenbezug, deutsches Liedgut über Alkohol, Kokainstreckmittel, berühmte Entzugskliniken, literarische Drogenklassiker, Hitlers Drogen, blöde Drogenfilme, Statistiken über Drogentote, Drogen aus der Apotheke, Tiere auf Drogen, Falttechniken für Joints und Kokainbriefchen, die zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker und so weiter. Dazwischen gibt es die üblichen Anekdötchen: Helmut Bergers kokainbedingter Verdauungsunfall im weißen Smoking, Brian Wilsons Sandkasten im Wohnzimmer und Christoph Daums selbstgeforderter Haartest.

Manchmal wird das Buch auch richtig lustig. Zum Beispiel, wenn im Kapitel "Was Kokain bewirkt" kommentarlos ein Falco-Songtext abgedruckt wird: "The MEGA, the SCORE/Desto MONO de CHROME/ATMO de FORCE/Is the Atmo at home/It's got to be higher, the goal/Desto schwerer Beruf - SAY!" Das steht da wirklich. Unter der Überschrift "Drogenfreie Musiker" folgt kurz und knapp wiederum nur ein einziger Name: Frank Zappa.

Wie öde die ganze Geschichte mit den Drogen aber auch inzwischen geworden ist, zeigen die Autoren eher unfreiwillig in ihrem dem Hauptteil angehängten "Toxikologischen Manifest". Hier heißt es: "Drogen sind wie Urlaub. Die meisten, die heute illegale Drogen nehmen, berauschen sich weder, um Gott zu finden, noch um sich der Gesellschaft zu verweigern. Sie ballern sich einfach gelegentlich weg, um abzuschalten oder um endlich mal richtig aufzudrehen. Das Geld, mit dem sie am Freitagabend Drogen kaufen, haben sie sich in der vorangegangenen Woche hart verdient."

Letztlich sagt uns "Breites Wissen" dies: Drogen sind überall, jeder nahm oder nimmt sie (außer Frank Zappa), und entsprechend sollte man mit ihnen umgehen. Das jedoch glaubte man eigentlich zu wissen, und spannender wird das Thema Drogen auch durch dieses Büchlein nicht. Doch sei's drum: Die Darreichungsform ist einigermaßen kurzweilig, zumindest solange man keine Hass-Reflexe gegenüber den Plänkeleien der hiesigen Pop-Literatur hegt.

Kichernden Kiffer-Runden in der Provinz wird "Breites Wissen" manch heiteren Moment bereiten, und als Geschenkidee mag es auch in manchen Fällen seinen Zweck erfüllen ("Für Stefan hab ich schon dieses Buch, der nimmt doch so viel Drogen!"). Von Rauschgift selbst allerdings sollte man die Finger lassen, sonst ergeht es einem am Ende noch wie dem Dichter Tennessee Williams, der an einer Nasenspraykappe erstickte, die ihm beim Freisprühen seiner Nebenhöhlen in den Mund gefallen war. Warum hat er sie nicht ausgespuckt, wird mancher fragen. Vermutlich, weil zum Unfallzeitpunkt seine Reflexe nicht ganz intakt waren. Und warum? Wegen der gottverdammten Drogen!

ERIC PFEIL.

Ingo Niermann, Adriano Sack: "Breites Wissen". Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer. Eichborn Berlin Verlag, Berlin 2007. 192 S., br., 14,90 [Euro].

Buchtitel: Breites Wissen
Buchautor: Niermann, Ingo

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2007, Nr. 74 / Seite 34

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