11. Mai 2008 Sind wir schon wieder so weit? Lautet der Name, den jede Gegenwart braucht, um darin zu spiegeln, was los ist in der Kunst und dem sogenannten Rest des Lebens, am Ende wieder (oder sogar immer noch) ausgerechnet: Jeff - Gehen die Achtziger nie vorbei - Koons?
Es gibt ein paar Indizien, die wir hier diskutieren müssen, weil es, wenn es um Jeff Koons geht, eben vor allem um die Gegenwart gehen muss, die von den polierten Oberflächen reflektiert wird - und darum, was die heute noch so taugt.
Zunächst einmal ist Jeff Koons zwar der Name eines Künstlers, der, nur zur Erinnerung, sein Startkapital als Broker an der Wall Street verdiente, der mit Staubsaugern, schwimmenden Basketbällen und Metallkaninchen berühmt wurde; der dann eine Ehe mit der Pornofigur Cicciolina einging und deren Vollzug zu Kunstwerken adelte, die auch kunstfernste Schichten erreichten, und an deren Frucht schließlich, einem langjährigen, lähmenden Sorgerechtsstreitfall mit dem schönen Namen Ludwig, nahezu bankrottging. Koons war auch dadurch Ende der Neunziger der Inbegriff eines Künstlers, der weg vom Fenster ist. Der gesunkene Stern. Der Künstler, bei dessen Namen auch die größten Laien sofort ein opulentes Bild von der vermeintlichen Verkommenheit des Kunstbetriebs vor Augen hatten und die Insider mit den Augen rollten.
Genau zu dieser Zeit und in ungefähr dieser Funktion taucht "Jeff Koons" - und von hier an müssen wir einen kleinen Umweg durch das deutsche Kulturunterholz nehmen - dann plötzlich auf dem Titel eines Theaterstücks von Rainald Goetz auf, in welchem es allerdings dann zu ungefähr 99,8 Prozent überhaupt kein bisschen um Koons geht, sondern um die weiteren Zusammenhänge und Zusammenklänge von Techno, Drogen, Sex, Kunst und sogenannter "Restrealität", also ungefähr die erlebbare Gegenwart des Erscheinungsjahres 1998, die man sich hier aber nicht als betäubungsmittelbeschleunigten Freizeitspaß vorstellen darf, sondern als feierlichen Ernst des Lebens, als eine mühsame und anspruchsvolle Form der Geistesgegenwart, die Goetz einem aufnötigt, indem er noch jedes an der Theke gelallte "Jaja", "Nein" und "Weiß nicht" bitterernst nimmt und mit maximaler Relevanz volllädt, was, wenn im Theater das Dahingelaberte nach seiner akkuraten Verschriftlichung nun wiederum aufgesagt wird, ein derartiges Gepumpe zwischen "Low" und "High" darstellt, dass Jeff Koons dann doch wiederum ganz nahe ist. Das Stück ist um die Jahrtausendwende dann auch oft gespielt worden, denn dort gehörte es ja auch hin.
Nun hatte aber die Hamburger Regisseurin Angela Richter am Freitagabend im Berliner Hebbel-Theater einmal überprüfen wollen, wie das Stück heute, zehn Jahre danach, noch in die Zeit passt. Und schon das Beziehungsgefüge rund um diesen Abend war dermaßen komplex, dass das Theater sozusagen schon vor dem Theater begann, nämlich auf dem Bürgersteig, als dort der Dichter angeradelt kam. Jetzt ins Theater zu müssen, das sei natürlich "die Höchststrafe", klagte Goetz, lieber hätte er weiter auf dem Bett gelegen und Kempowski gelesen. Dann grüßte er eckig zu Daniel Richter, dem Maler, hinüber. Den hatte Goetz um die Jahreswende in seinem Internettagebuch noch als "banalen, mitläuferischen, platitudenhaften Typ" beschimpft, der von seiner "öffentlich ausgebadeten Elternschaft offenbar auch geistig stark mitgenommen sei". Worte, die vor zehn Jahren so auch über Koons gefallen sein könnten, der bis heute offenbar noch die Maßstäbe für die Künstlerbeschimpfung setzt. Verblüffenderweise gilt das sogar auch für die Replik, die Richter gibt, wenn man ihn auf Goetz anspricht: "Der Mann hat zehn Jahre nichts gemacht!" Dazu ein mitleidiges Schulterzucken. Das Pikante an der Konstellation: Daniel Richter ist der Ehemann der Regisseurin. Und wenn man jetzt so ein richtiger Theaterkritiker wäre und zu überwachen hätte, ob dem Originaltext nicht von der Regisseurin irgendwo Gewalt angetan wurde, dann könnte man vermelden, dass es an der Texttreue nichts zu bemängeln gab; als richtiger Theaterkritiker wäre man angesichts dieses Textes dann vermutlich aber auch nicht glücklicher, denn das ist ja alles eher so ein großes undramatisches rhythmisches Rauschen ohne Plot und Pointen, das irgendwie auf die Sprecher verteilt werden darf.
Unter denen ragt nun besonders Yuri Englert heraus, der hinter seiner riesigen Jarvis-Cocker-Brille wie eine homosexuelle Verdopplung von, nun ja: Daniel Richter wirkt, aber auch den Text und das Gehabe von Bob Ross, dem Bildchenmaler aus dem Fernsehen, gut draufhat. Und neben ihm Eva Löbau als Jonathan Meese. Später wird noch eine weitere Frau als Jonathan Meese über die Bühne berserkern, zur Zarathustra-Fanfare in der Stanley-Kubrick-Version (die Musik hatte der kunstsinnige Sänger der Band Tocotronic ausgewählt) mit einem Hitlergruß den Vorhang hochgehen lassen und Meeses ewige Rede von der Revolution und der Kunst anstimmen, in der alle, die bis dahin noch nicht abgeschaltet haben, den Schlüsselsatz vernehmen können, wonach "Nostalgie die absolute Todsünde" ist.
Das ist im Grunde auch nichts anderes als das, was auch Rimbaud, Koons und ganz besonders Rainald Goetz selber ja immer gepredigt haben. Und es ist absolut schlüssig: Jonathan Meese ist heute ziemlich exakt das, was Jeff Koons v0r zehn Jahren war: der Erzkünstler, von dem sogar die Leser der "B. Z.", die ihn beim Blättern nach den Puff-Anzeigen kennenlernen durften, behaupten können, dass er ihnen allmählich auf den Wecker gehe mit seiner Leier. Den Galeristen von Meese, der gleichzeitig auch der von Richter ist, kann das eigentlich nur freuen: Seine Jungs hätten noch gar keine Krise durchmachen müssen, die müssten erst mal ordentlich abstürzen und sich wieder hocharbeiten, hatte er dieser Zeitung gegenüber einmal erklärt, erst dann könne man sagen, ob sie wirklich starke Künstler seien.
Dass ausgerechnet die Inszenierung eines alten Goetz-Textes da für Optimismus sorgen könnte, hätte man vielleicht nicht unbedingt gedacht; aber wenn man sich das so anschaute, an diesem Freitagabend in Berlin, und wenn man seine Gedanken aus dem Theater in den Kunstbetrieb zurückmäandern ließ, dann hatte man den sonderbaren Eindruck, dass der Titel das Stück sozusagen überrundet hatte. Über dem pochenden Präsens der Club-und-Drogen-Szenen hing der Mehltau der Nostalgie. Das war der historisierende Teil. Das ginge so nicht mehr. Weil Leute, die zum "Bum-Tscha" des Techno-Basses "lustig-schon irgendwie oder?-schon" sagen, nicht gegenwärtig sind, sondern irgendwie hängengeblieben in der Rille. Man könnte direkt melancholisch darüber werden, aber so etwas wie Vergangenheitsseligkeit oder Melancholie war vermutlich eher nicht der Sinn der Sache. Heutig ist es immer sofort da, wo die Kunst ins Spiel kommt.
Wenn man aber heute in der Kunst nach oben schaut und nach den Fixpunkten sucht, dann sieht man da: Jeff Koons.
Man sieht ihn diesen Sommer über auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York, wo sich in seinen Hochglanzhündchen der Betrachter, der Central Park und eine begeisterte Kunstkritik begegnen. Sie stammen aus der Serie, an der Koons verbissen herumgewerkelt hat, während er als "out" galt. Heute darf sich Jeff Koons als teuerster lebender Künstler bezeichnen. Sein telekompinkes "Hanging Heart", ebenfalls aus dieser Serie, war der Auktionsrekord des Herbstes bei Sotheby's in New York: der Zuschlagspreis betrug 21 Millionen Dollar. Entsprechend hoffnungsvoll blickt nun auch das Auktionshaus Phillips de Pury dem kommenden Donnerstag entgegen, wenn in New York das oben abgebildete Selbstporträt von 1991 versteigert wird: Titelbild des Katalogs, mehrseitige Einordnung in die Kunstgeschichte zwischen Caligula-Büsten und Berninis "Heiliger Theresa" sowie ein Schätzpreis von vorsichtigen sechs bis acht Millionen Dollar - und dafür gibt es noch nicht einmal die Exklusivität eines Unikats; wie bei dem Geschenkherzen existieren auch hiervon noch zwei weitere Exemplare, denn Koons mag zwar der teuerste aller Künstlerfürsten sein, er ist aber gleichzeitig auch der mit den demokratischsten Impulsen. Deshalb gibt es für alle, die sich diese Preise nicht leisten können, aber trotzdem an dem Sammlerstolz teilhaben wollen, den Koons stiftet, vom Taschen-Verlag das monumentale Werkverzeichnis, sensationell gut gemacht und mit Texten kommentiert, die in ihrer angenehmen Unsperrigkeit selbst schon etwas eminent Jeff-Koons-haftes haben, für schlanke 1250 Euro. Das ist selbst für ein derart prachtvolles Buch natürlich üppig, für ein limitiertes Sammlerstück mit der Aufschrift Koons dagegen aber geradezu günstig. Und es gibt nur 1600 numerierte Exemplare, plus, damit es noch kunsthafter wird, "200 artist's proofs", also Probeabzüge, was offenbar die Wertigkeit selbstgemachter Kupferstiche evozieren soll.
Fortsetzung auf Seite 27.
Vielleicht, wer weiß, ist es mehr als ein Zufall, dass Koons' glorioses Comeback auf dem Kunstmarkt etwa mit der Zeit nach dem 11. September 2001 einsetzt, als es mit der Welt, die Goetz in seinem Stück so mimetisch feiert, allmählich zu Ende ging. Es gleicht ein bisschen dem Umstieg der Börsenanleger von Internet- in Chemieaktien. Vielleicht haben die recht, die meinen, dass der legitime Nachfolger Warhols am Ende eben doch nicht Damien Hirst heißt, und schon gar nicht Terence Koh, sondern Jeff Koons, der in der Kunst etwa die Rolle spielt, die in den "Desperate Housewives" die Bree innehat: Hier schimmeln keine Fische, hier riecht kein Sperma. Hier glänzt alles, und hier wird eisern gelächelt.
Und womöglich liegen auch die nicht ganz falsch, die darauf hinweisen, dass schon das 21-Millionen-Herzchen an einen ukrainischen Milliardär ging und dass nicht nur die neuen Sammlerkreise im näheren und ferneren Osten der Welt generell eine gewisse materielle Beständigkeit und Werthaltigkeit schätzen. Und dass diese Kunst erstaunlich viel gute Laune und nur ein bisschen schlechtes Gewissen macht, das schadet sicher auch nicht.
Es könnte also sein, dass Jeff Koons, der inzwischen in Rentnerblousons herumläuft, der paradigmatische Künstler für konservative Zeiten wie diese ist. Dann hätte Angela Richter recht, wenn sie sagt, es bringe nichts, in diesem Zusammenhang Agamben und Badiou zu lesen. Dann wäre der Grundlagentext für die Kunst dieser Zeit eher Sennetts Eloge auf das "Handwerk".
PETER RICHTER.
"Jeff Koons on the Roof", Metropolitan Museum, New York, bis 26. Oktober.
"Jeff Koons", Taschen-Verlag, 1250 Euro.
"Jeff Koons" von Rainald Goetz am HAU1, Berlin, weitere Aufführungen heute und Montag
Buchtitel: Jeff Koons
Buchautor: Taschen-Verlag
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.05.2008, Nr. 19 / Seite 25
