Von Melanie Mühl
04. Februar 2008 Stellen Sie sich vor, der Mann Ihres Herzens entdeckt eines Tages plötzlich seine Leidenschaft fürs Angeln. Er kauft sich also eine komplette Ausrüstung und fährt bestens gelaunt los, um einen dicken Fisch an Land zu ziehen. Seine Begeisterung verwundert Sie zwar ein bisschen, weil das Angeln, wie gesagt, in Ihrer Beziehung bisher keine Rolle spielte, aber Sie freuen sich auch für Ihren Liebsten.
Spätabends kehrt er wieder nach Hause zurück, in seinen Augen ein Funkeln, das man sonst nur bei kleinen Jungs sieht, die mit einer Carrera-Rennbahn spielen. Jetzt sind Sie doch ziemlich verstört, zumal der Hobbyangler einen Hecht in der Hand hält, irgendetwas von einem Tierpräparator murmelt und davon, wie toll dieser Hechtkopf die gemeinsame Wohnung zieren wird. Tatsächlich ist der präparierte Hechtkopf ein paar Tage später auf ein Holzbrett montiert. Wo soll er hängen? Im Wohnzimmer? Oder im Flur? Sie hassen diesen Hecht - und zürnen Ihrem Mann.
Messerscharfer Beobachter
Diese Geschichte ist nicht erfunden. Nachlesen kann man sie in dem neuen Buch des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann, der sich seit vielen Jahren mit den Tücken und Mechanismen von Paarbeziehungen beschäftigt (Schmutzige Wäsche, Singlefrau und Märchenprinz) und ein messerscharfer Beobachter ist. Das Buch heißt Was sich liebt, das nervt sich und ist an manchen Stellen so komisch, dass man laut lacht. Kaufmann seziert Schicht für Schicht unseren Beziehungsärger und legt seinen Finger tief in die Wunde. Jeder, der dieses Buch liest, wird sich selbst besser kennenlernen - und vielleicht sogar erschrecken.
Die Befragungstechnik des Soziologen unterscheidet sich dieses Mal von all seinen bisherigen Projekten, bei denen er stets auf sein Tonband und den Blick in die Augen des Gegenübers vertraute. Dieses Mal rief Kaufmann in der französischen, belgischen und schweizerischen Presse dazu auf, mit ihm in E-Mail-Kontakt zu treten und dem Beziehungsärger Luft zu machen. Er bekam jede Menge elektronische Post, fast ausschließlich von Frauen, was die Vermutung nahelegt, dass Männer besser gegen Ärger gewappnet sind oder ihn zumindest anders empfinden und artikulieren.
Jede Menge Zündstoff
Am Anfang der Beziehung ist von Ärger natürlich keine Spur, die pure Verliebtheit, der allererste Kuss verzaubert jeden. Weit weg scheinen in dieser realitätsfernen Zeit die Liebesfallen des Alltags. Entzückt beobachtet man, wie der andere schnarcht und morgens ungelenk sein Brötchen schmiert, während sich der Kissenabdruck deutlich über die linke Wange zieht. Dieser entrückte Zustand hält nur kurz an, meist folgt der tiefe Fall. Wenn zwei Menschen Stuhl und Tisch miteinander teilen, prallen hochkomplexe Alltagswelten aufeinander und sorgen für jede Menge Zündstoff.
Die Liebenden streben nach Nähe und verteidigen gleichzeitig ganze Mikroterritorien gegen die Vergemeinschaftung des Lebens. Einer der beiden, stellt Kaufmann fest, versuche stets, dem anderen sein kulturelles Ideal aufzudrängen, zum Beispiel sein Ordnungsempfinden. Das sorgt für Ärger und chronische Gereiztheit. Das tägliche Miteinander wird zum erbitterten Kampf, das Zuhause verwandelt sich in einen Kriegsschauplatz. Ohne Blessuren kommt keiner davon.
Protokolle der Verzweiflung
Jede E-Mail liest sich wie ein Protokoll der Verzweiflung: Mein Freund isst sehr schnell, hebt kaum den Kopf zwischen den Bissen. Es kommt vor, dass er mit den Fingern ein bisschen nachschiebt, dass er seine Gabel hält, wie Kinder es tun, wenn sie anfangen zu lernen, damit zu essen. Er leckt oft das Messer ab. Er spießt mit dem Messer Käse auf und steckt es in den Mund. Er macht Geräusche beim Schlucken von Flüssigkeiten, er bläst systematisch auf warmes Essen, auch wenn es nicht mehr heiß ist. Er schlürft die Nahrung mehr ein, als dass er sie isst. Ich fühle mich einsam. Die kleinste Marotte kann einen wahnsinnig machen: die Art, wie er sich räuspert, bevor er ins Waschbecken spuckt, wenn er isst und sein Kiefer leise knackt, dass er Scheiben und weiße Wände immer mit seinen Händen betatscht und so viel Essen in seinen Mund schaufelt, dass dieser völlig entstellt ist.
Kaufmanns Buch ist voll von Sätzen wie diesen. Sie dokumentieren das ständige Brodeln unter der Beziehungsoberfläche. Sie zeigen, was es bedeutet, wenn der kritische Blick auf den Partner phobische Dimensionen annimmt. Solche Momente offenbaren den kulturellen Graben zwischen beiden Lagern. Der Ehepartner, so Kaufmanns These, bleibt immer ein Fremder, obwohl täglich an der Schaffung der Einheit gearbeitet wird. Ärger, so absurd er auch scheinen mag, ist nie bedeutungslos. An seiner Heftigkeit und Häufigkeit lässt sich ablesen, wie erfolgreich die Partner an einem funktionierenden häuslichen System basteln. Und in welchem Maße sie bereit sind, sich anzupassen (oder, brutal gesagt, abzustumpfen, also blind zu werden für die Schrullen des Partners). Frauen zimmern liebend gerne an der Beziehungsarchitektur herum. Sie neigen dazu, die Harmonie ständig zu befragen. Sie suchen den Austausch. Der Mann hingegen, schreibt Kaufmann, flüchte selbst vor den kleinsten Schwierigkeiten, körperlich oder heimlich in Gedanken. Er richtet sich in seiner Nische ein.
Sexuelle Selbstsabotage
Das Waffenarsenal, aus dem sich die kriegerischen Parteien bedienen, ist unerschöpflich. Eine äußerst beliebte Taktik, den anderen mit seinem Groll zu konfrontieren (und ihn zu ärgern!), ist das Vor-sich-hin-Brummeln. Auch das Schmollen, das völlige Abkapseln von der gemeinsamen Welt, kann sehr wirkungsvoll sein. Ziemlich perfide sind heimliche Rachen wie die sexuelle Selbstsabotage. Die verstimmte Frau setzt einfach einen abweisenden Blick auf, wenn der Partner versucht, sie zu verführen.
Kaufmann ist ein Meister des Konkreten. Er begibt sich mitten hinein in die Welt des scheinbar Banalen und entschlüsselt so die Rätsel des modernen Liebeslebens. Es geht ihm immer um das große Ganze, um den Bauplan des Menschen, um die Frage, wie wir funktionieren.
Ärger ist lebensnotwendig
Die gute Nachricht seines Buches lautet: Ärger ist für jede Partnerschaft lebensnotwendig, er ist das Öl im Getriebe. Ohne Ärger kämen wir, beziehungstechnisch gesehen, nämlich nicht vom Fleck. Die Kunst, mit ihm umzugehen, macht die Partner zu verliebten Komplizen, und jede bestandene Probe schweißt die Gruppe zusammen. Wir können also aufatmen.
Natürlich kostet es Überwindung, über den eigenen Schatten zu springen. Reflexhaft greifen wir deshalb auf ein Reservoir an Versöhnungtaktiken zurück. Die Personen, die Kaufmann befragt hat, wenden alle eine ähnliche Strategie an, um ihren Groll in Schach zu halten. Wer verstimmt ist, flüchtet meistens und schafft so eine räumliche Distanz. Nach einer gewissen Zeit lässt der Ärger ganz automatisch nach, und das analytische Denken gewinnt wieder die Oberhand. Eine erstaunliche therapeutische Wirkung entfaltet oft auch das Benutzen von alltäglichen Gegenständen. Einen Topf zu spülen kann ungemein beruhigend sein.
Ach ja, der Hecht. Er wanderte von Zimmer zu Zimmer, so ging das jahrelang. Marie-Anne ärgerte sich im Stillen. Bis zu jenem Tag, als ihr Mann sich vom Küchentisch erhob und sagte: Ich werde meinen Hecht mit in die Werkstatt nehmen. Eine gute Idee.
Jean-Claude Kaufmann: Was sich liebt, das nervt sich. Aus dem Französischen von Anke Beck. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008. 279 S., br., 19,90 Euro.
Text: F.A.Z., 04.02.2008, Nr. 29 / Seite 37
Bildmaterial: UIP/Cinetext
