Erst das Fressen, dann die Moral

Die Schweiz 1914 bis 1918 Von Hans-Erich Volkmann

15. Oktober 2008 Folgt man einem renommierten Schweizer Archivar, dann haben die Eidgenossen während des Zweiten Weltkrieges sechs Tage für die Nazis gearbeitet und am Sonntag für die Westalliierten gebetet. Damals wurde die neutrale Schweiz zwangsläufig integraler Bestandteil des deutschen Großwirtschaftsraumes. Ihre Industrie profitierte von der deutschen Kriegskonjunktur, ihre Banken vom Gold der Arisierung und von Vermögensflucht. Im Ersten Weltkrieg situierte sich die Schweiz hingegen zwischen den Fronten der Feindmächte und pflegte zu beiden Kriegsparteien intensive Wirtschaftsbeziehungen. Dieses Beziehungsgeflecht legen Schweizer Autoren in sechzehn Studien frei. Ihre Forschungsergebnisse über geschäftliches Gebaren, betriebliche Entwicklung und politisches Verhalten unterschiedlicher industrieller Branchen sowie von Bank- und Versicherungshäusern sind eingeflossen in die Einführung der Herausgeber und dort in einen politischen und gesamtökonomischen Kontext gestellt.

Unter den außen- und innenpolitischen Zwängen sowie der Kontrolle des Exports durch Entente und Mittelmächte gab sich eidgenössisches Unternehmertum entschlossen, nicht nur die Firmenexistenz in kommende Friedenszeiten hinüberzuretten, sondern zwischenzeitlich auch optimale Gewinne zu erzielen. Sieht man von den Schwierigkeiten bei Kriegsbeginn und Kriegsende ab, dann zählten Schweizer Industrie, Banken und Versicherungen zu den wirtschaftlichen Gewinnern dieses militärischen Konfliktes. Eine aufschlussreiche Komparatistik bescheinigt dies auch anderen Neutralen, denn Skandinavien und Holland zählten gleichfalls zu den Profiteuren, zum Beispiel bei der Vergabe von Krediten an Kontrahenten und durch Zuflüsse ausländischer Vermögenswerte. Aber nur der Schweiz gelang es, sich als bedeutender Finanzplatz zu etablieren. Doch als der auf dem Schlachtfeld zögerliche Kriegsgott die Feindmächte bewog, den Sieg immer stärker mit Hilfe wirtschaftlicher Kampfmaßnahmen zu suchen, sackte auch der Schweizer Außenhandel merklich ab. Dies ist aber kein Indiz für die Situation der Unternehmen schlechthin, wie anhand der exportorientierten Nahrungsmittelbranche exemplifiziert wird. Diese musste sich an den Inlandsbedürfnissen ausrichten, die sich aus einer notwendigen Umstrukturierung im Agrarsektor von der Weidewirtschaft zum Ackerbau ergaben. Dadurch verlor Nestlé & Anglo-Swiss zunächst die Marktführung als Kondensmilchlieferant, konnte sich aber durch Produktionsumstellung und -verlagerung in die Vereinigten Staaten zum multinationalen Konzern entwickeln.

Auch im Versicherungswesen wusste man erste Geschäftseinbrüche rasch auszugleichen. So beerbte die Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft kriegsbedingt beziehungsweise revolutionsbedingt die ausfallende deutsche und russische Konkurrenz, die 1914 rund 40 Prozent des entsprechenden Geschäftes in den Vereinigten Staaten abgewickelt hatte. Wie eine Studie belegt, ließ ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis auch die seit 1912 in Amerika agierende Zürich Versicherung expandieren, die 1915 die Hispania übernahm und damit ihre internationale Position festigte. Den seit dem Ersten Weltkrieg wachsenden guten Ruf - dies lässt ein Blick auf das Geld- und Währungssystem erkennen - verdankt das eidgenössische Bankwesen dem Umstand, dass sich der Schweizer Franken als "armer Verwandter des französischen Franc" zur stabilen Währungsreserve und zum internationalen Zahlungsmittel entwickelte. Die Einführung des Bankgeheimnisses 1934 wertete die Funktion der Schweiz als Finanzdrehscheibe und Wirtschaftsstandort weltweit auf.

Diese Ergebnisse des Sammelbandes werden durch ein weiteres Fazit ergänzt: Wenn Schweizer Unternehmer gute Beziehungen zu allen Feindmächten unterhielten, auch über den Verkauf von Kriegsmaterial, dann traten politische Skrupel hinter Geschäftsinteressen zurück. "Generell fällt immer wieder die pragmatische, am wirtschaftlichen Erfolg - und nicht an politischen Differenzen und patriotischen Überlegungen - orientierte Führung der Unternehmen auf." Dies ist eine vornehm zurückhaltende Aussage, die Bertolt Brecht so formuliert hätte: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Deshalb hat es die Autoren wenig erstaunt, in Firmenakten auf nur geringe Spuren politischer Reflexion unternehmerischen Handelns zu stoßen, und wenn doch, dann spiegelten sie tendenziell prodeutsche Sentiments in der Ostschweiz und frankophile in der Westschweiz wider. Wohl aber hätte man die gesichteten Unterlagen mit dezidierten politischen Fragen konfrontieren können. So bleibt es überwiegend bei fachlich sehr fundierten Darstellungen mit betriebswirtschaftlich-kaufmännischem Ansatz. Da es sich um Extrakte aus größeren Forschungsprojekten handelt, steht zu erwarten, dass diese eine stärkere politikhistorische Einordnung erfahren.

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Buchtitel: Der vergessene Wirtschaftskrieg - Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg
Buchautor: Rossfeld, Roman

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, Nr. 241 / Seite L34

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