Erlebnisse im Lift

Eine Sekretärin plaudert

Von Melanie Mühl

09. November 2007 Menschenleere Aufzüge haben etwas Beruhigendes, besonders am frühen Morgen. Jeder, der ehrlich ist, wird zugeben, dass man auf dem Wege zu seinem Schreibtisch im vierten, zehnten oder fünfzehnten Stock am allerliebsten ganz für sich alleine ist. Die Fahrt mit dem Lift ist die letzte Möglichkeit, sich und seine Gedanken noch einen Augenblick zu sortieren.Leider hat man in der Regel Pech und steht zusammengekauert in einer der Aufzugsecken.

Menschen steigen zu und wieder aus, manche grüßen, andere starren an die Decke, fingern demonstrativ an ihrem Handy oder scharren mit den Schuhen. Es gibt auch die Small Talker, die Sätze sagen wie "Mensch, ganz schön frisch für die Jahreszeit, finden Sie nicht auch?" und dazu reizend lächeln. "Ja, Sie haben ganz recht", antwortet man dann und lächelt ebenso reizend. Die Kunst besteht darin, sich in kolloquialem Ton über Nichtigkeiten auszutauschen - und sich dabei nicht anmerken zu lassen, dass man weiß, dass auch der andere weiß, in welcher Zwangslage alle stecken. Richtig unangenehm wird die Sache aber erst, wenn jemand derart naherückt, dass man seine Ohrläppchen und Nasenhaare studieren kann und riecht, ob er ein Mettbrötchen gefrühstückt und eine Tasse Kaffee getrunken hat.

Katharina Münk (Pseudonym) ist Vorstandssekretärin in einer großen deutschen Firma und fährt liebend gern Aufzug. Das muss sie auch, denn sie steht vierzig Minuten pro Woche in einem Lift (inklusive Wartezeit) mit hellgrauem Noppenfußboden. Das liegt daran, dass sie im achtzehnten Stock arbeitet, im "Roof Top", wo die Schritte und Stimmen gedämpft sind und über allem das Wort "executive" schwebt. Außerdem wird sie auf dem Weg nach oben meist drei- bis viermal ausgebremst. So hat die Bestsellerautorin ("Und morgen bringe ich ihn um!") aus der Liftwelt eine Menge zu erzählen.

Jede Fahrt eine Qual

Wer einen Aufzug betritt, betritt eine Bühne. Wer ist Feind, wer Freund? Überall lauern Fettnäpfchen, schon ein einziger unachtsam dahingenuschelter Satz kann Karrieren zerstören. Nicht jeder kann mit der ganz speziellen Situation umgehen, eine Fahrgemeinschaft als Schicksalsgemeinschaft zu erleben und dennoch in Stille ausharren zu sollen. Manch einen überfordert das, und es kommt zu Übersprungshandlungen. Da gibt es zum Beispiel die Fraktion der "Türstop-Drücker" (Frau Münk) und die "Ist mir doch egal ob der noch mitkommt"-Typen oder jene, die einen Zwischenspurt einlegen, um sich durch die schließende Aufzugstüre zu schieben. Ziemlich ungeschickt auch Frau Münks Chef Herr Krämer, der unter einer Höhen- und Liftphobie leidet und Menschen (besondere jene, die ihm hierarchisch nicht das Wasser reichen können) meidet. Jede Fahrt ist für ihn eine Qual, jedes freundliche Wort eine Zumutung. Herr Krämer wünscht sich einen "Executive Lift", der ohne Zwischenstopp nach oben rauscht und ihn dort unbeschadet in die Vorstandswelt entlässt.

Vielleicht weil er weiß, dass Firmenaufzüge vermintes Territorium sind und sozialen Regeln gehorchen, die nicht von ihm selbst aufgestellt wurden. Wer wo steht, ist längst kein Zufall, lesen wir. "Der zuerst Eingetretene nimmt die Ecke neben der Kontrolltafel oder eine der hinteren Ecken ein, der nächste steuert in der Regel die Ecke an, die der bereits besetzten Ecke diagonal gegenüberliegt. Der dritte und der vierte Mitfahrende nehmen die verbleibenden Ecken ein, der fünfte die Mitte der Wand."

Für Chefsekretärinnen sind Liftaufenthalte besonders heikel, denn wie ein exotisches Tier ziehen sie alle Blicke auf sich. Entgleiste Gesichtszüge können sie sich nicht leisten. Jede strenge Miene wird interpretiert und sofort auf die Laune des Chefs übertragen. Sind die Quartalszahlen etwa miserabel? Muss man um die nächste Gehaltserhöhung bangen?Unbedingt zu vermeiden sind auch gemeinsame Fahrten mit dem Vorgesetzten. Denn wirklich fatal ist die Lage, erfahren wir, wenn der Chef selbst zusteigt und seine Sekretärin im Aufzug entdeckt, während er sie bereits am Arbeitsplatz wähnt.

Der Manager demontiert

Das demontiere nämlich den Manager vor den Mitarbeitern, schreibt Münk. In dieser Sekunde sei allen im Lift klar, dass der Kaffee noch nicht gekocht ist, sich die E-Mails unsortiert im Posteingang stapeln und der Vorstandsvorsitzende seine Sekretärin nicht im Griff hat. "Tja, wir können den Tag spät mit unseren Chefs beschließen, aber um Gottes willen nicht zeitgleich mit ihnen beginnen."Doch dieses Missgeschick ist nichts gegen die Liftfahrten in der Weihnachtszeit, die viele nutzen, um mit unbewegtem Gesicht Kundengeschenke nach draußen zu schleppen und sie auf diskrete Weise privaten Zwecken zuzuführen. "Da beult sich das Leder, da ist von Zwei-Tages-Reisen die Rede, und im scheppernden Kabinenrollkoffer liegen statt der Wechselwäsche sechs Flaschen Bordeaux neben dem Öl-und-Essig-Set für die Gattin daheim." All dies liest man gerne und überlegt sich, ob man morgen vielleicht doch die Treppe nehmen sollte.

Katharina Münk: „Höhenflüge und Höllenfahrten“. Was eine Chefsekretärin im Fahrstuhl erlebt. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007. 176 S., br., 14,95 €



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2007, Nr. 257 / Seite 43
Bildmaterial: fotolia.com

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