08. April 2008 BERLIN, 7. April
"Ich will den Hass gegen die Franzosen . . . ich will ihn für immer." Das schrieb Ernst Moritz Arndt, der Privatsekretär des preußischen Reformers Freiherr vom Stein, 1813 im Kontext der Kriege gegen die französische Vorherrschaft in Deutschland. Knapp zweihundert Jahre später erscheinen solche Feststellungen nicht nur unzeitgemäß, sondern fast unwirklich. Denn nun wird der zweite Band des deutsch-französischen Geschichtsbuchs vorgestellt, das für die Oberstufe aller 16 Bundesländer und für die französischen Gymnasien zugelassen ist. Offensichtlich mussten erst die Grenzen zum Nachbarland überwunden werden, um ein länderübergreifendes Geschichtsbuch für die Oberstufe herauszubringen, das auch noch den neuen Bildungsstandards und den Abiturvorgaben der Länder entspricht. Am Mittwoch wird es in Berlin vom französischen Bildungsminister Xavier Darcos und dem Bevollmächtigten für die deutsch-französische Zusammenarbeit, Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), präsentiert.
Das Projekt geht zurück auf eine Bitte des deutsch-französischen Jugendparlaments vom 23. Januar 2003, durch ein deutsch-französisches Geschichtsbuch die Unwissenheit der jüngeren Generation auf beiden Seiten zu mindern. Der zweite Band des insgesamt auf drei Bände angelegten Projekts umfasst die europäische und deutsch-französische Geschichte vom Wiener Kongress bis 1945 (Histoire/Geschichte, Europa und die Welt vom Wiener Kongress bis 1945, Nathan/Klett 2008).
Während der zunächst vorliegende Band so manchen misslichen Fehler aufwies, merkt man diesem Band an, dass er mit größerer Ruhe fertiggestellt und sorgfältig überarbeitet wurde. Das deutsch-französische Autorenteam hat sich längst zusammengefunden und lässt sich nicht mehr unter Druck setzen. Die lange Zeit strittigen Fragen - etwa zur Bedeutung Elsass-Lothringens - spielen heute eine geringere Rolle. Jetzt diskutieren die Historiker und Didaktiker aus beiden Ländern eher über zusätzliche Themen - etwa ein Dossier über die Rolle der Frau. Noch überzeugender als im ersten Band ist es gelungen, auf engstem Raum Geschichte darzustellen, aber auch sozialgeschichtliche Entwicklungen, religionsgeschichtliche und vor allem kulturgeschichtliche stärker zu berücksichtigen.
So findet sich ein eigenes Kapitel über die Ursprünge der modernen Kunst, über Romantik und Impressionismus mit Beispielbildern und den unerlässlichen Begriffserklärungen, von den Dossiers über die Belle Époque, die Kultur der Weimarer Republik und Picasso, die notwendige Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Kontext bringen, ganz zu schweigen. Die Schüler lernen dabei auch, dass die klassische Epoche in Frankreich und Deutschland keineswegs gleichzusetzen ist, denn die französische Klassik bezieht sich auf Literatur und Künste des "grand siècle" in der Regierungszeit Ludwigs XIV. All das findet sich in einem übersichtlichen Kasten unter der Titelzeile "Deutsch-Französischer Perspektivwechsel". Auf engstem Raum werden hier die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Denktraditionen der beiden Länder dargestellt.
In einem eigenen Kapitel über die Schulen in der Dritten Französischen Republik und im deutschen Kaiserreich spiegelt sich eines der wichtigsten Erziehungsziele etwa der École Maternelle bis heute in einem Text von Buisson: "Um jemanden zu einem Republikaner zu machen, muss man den Menschen nehmen . . . und ihm die Vorstellung geben, dass er selbst denken soll . . . Um selbst vernünftig urteilen zu können, ist ein langer und gründlicher Unterricht nötig." Verdienstvoll ist auch das Kapitel zu Staat und Religion und den damit verbundenen unterschiedlichen Entwicklungen (Trennung von Staat und Kirche in Frankreich, in Deutschland jedoch nicht). Eine Karte über die Verteilung der unterschiedlichen Religionen in Europa sowie das Glaubensbekenntnis der Heilsarmee öffnen den Blick auf die Rolle der Religion überhaupt.
Wirkliches Verständnis für die Prägungen des Nachbarlandes geben die zeitgenössischen Quellen zur gegenseitigen Wahrnehmung von Deutschen und Franzosen. Um 1900 und im Grunde bis heute gilt: "Der Franzose nennt mit Selbstgefühl sein Volk la grande nation, und es ist groß, insofern es Sinn für das Große hat. Die Begriffe Vaterland, Ehre, Ruhm (oder richtiger gloire) haben über ein französisches Herz eine wunderbare Macht."
Neu hinzugekommen sind in diesem Band die historiographischen Dossiers, die dem französischen Geschichtsunterricht bisher weitgehend fremd waren. Dazu zählt eine Doppelseite unter der Frage "War die Weimarer Republik zum Scheitern verurteilt?", aber auch über den Faschismus, die Rolle Hitlers im Spiegel der Forschung oder das Dossier zur Entwicklung des Totalitarismus, das in der Arbeitsgruppe heftig diskutiert wurde. Überall finden sich kurze Quellentexte und weitere Literaturhinweise, so dass sich interessierte Leser selbständig weiterbilden können. Die Hinweise beziehen sich keineswegs nur auf Texte, sondern auch auf künstlerische Darstellungen, Filme und Internetseiten. Gleichzeitig werden gezielte europäische Vergleiche ermöglicht - etwa über die Entwicklung des Personenkults um Stalin und sein Regime, die Sowjetherrschaft der dreißiger Jahre. Bilanz-Kapitel fassen die wichtigsten Daten auf engstem Raum zusammen und bieten eine Synopse der Schlüsselbegriffe auf Deutsch, Französisch und Englisch.
Wie im bereits vorliegenden Band spielen Karten eine besondere Rolle, die etwa die Frontverläufe im Ersten und Zweiten Weltkrieg zeigen, aber auch ein gezieltes Lesen und Kommentieren von Karten trainieren. So wird auf einer Doppelseite erläutert, wie Geschichtskarten zu lesen und zu interpretieren sind, um Quellentexte und Darstellung sinnvoll zu ergänzen. Zu den erschreckendsten Darstellungen gehören das System der Konzentrationslager sowie ein Lageplan von Auschwitz. Es ist sinnvoll, der Phase des Widerstands und der Judenvernichtung so breiten Raum zu geben und dabei vor allem Quellen, Zeitzeugen und Bilder sprechen zu lassen. Um möglichen Diskussionen etwa über die Anzahl der Opfer in den verschiedenen Ländern (aufgeteilt nach Zivilisten insgesamt, Soldaten und ermordeten Juden) vorzubeugen, kommen andere Sichtweisen in den Fußnoten zu Wort.
Es ist kein Wunder, dass das Buch im Frühsommer auch in einer koreanischen und einer japanischen Fassung erscheinen wird. Es ist ein Vorbild für die beiden Nachbarstaaten. Auch dort wird es weit über die Schulen hinaus Verbreitung finden.
Buchtitel: Histoire/Geschichte - Europa und die Welt vom Wiener Kongress bis 1945
Buchautor: Klett Verlag
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2008, Nr. 82 / Seite 10