19. September 2004 Sie wurde auf diesen Reisen mit allem beschossen, was die moderne Waffentechnik hergibt, aber sie schreibt voller Bestürzung über einen Hund: "Zum ersten Mal im Leben bin ich von einem Hund gebissen worden."
Dieser Hund gehörte Alberto, einem Bewohner der Favelas von Nicaragua, wo es keine Straßennamen, keine Adressen und kein Recht gibt. Sie hatte Alberto begleitet, den ganzen langen Weg von der Fabrik nach Hause, wo sich längst kein Transportmittel mehr hinwagt, und da stand sie, vor der leeren Wellblechhütte, in der er mit neun Kindern haust, und unterhielt sich, dann kam der Hund und biß zu. Es war eine ungewohnte Situation für das Tier: Noch nie war jemand zu Besuch gekommen. "Wendekreis des Elends" nennt Carolin Emcke das: Die Elenden besuchen sich höchstens untereinander.
Um diesen Wendekreis zu durchbrechen, reist sie. Als Auslandsreporterin für den "Spiegel" fährt die 37jährige promovierte Philosophin an Orte, aus denen die, die es noch können, flüchten. Sie gehorcht keiner Weisung aus der Chefredaktion, im Gegenteil. "Das ist so ein Ritual geworden: Ich sage, wo ich hinfahren möchte, und die Ressortleitung lehnt es mit Verweis auf die Sicherheitslage ab. Dann stelle ich den Antrag eben so lange, bis sie ihn genehmigen."
Ihre Ziele sind nicht nur die Brennpunkte, auf die sich gerade das Interesse der Öffentlichkeit konzentriert, sondern auch Gebiete, die vielleicht noch interessant werden oder die völlig vergessen sind, die sich querlegen zu den großen Konfliktlinien der Zeit, zum Islamismus oder der Globalisierung: die Vorstädte von Bukarest, der Libanon, Kolumbien.
Was sie auf diesen Reisen erlebt, fließt in ihre "Spiegel"-Artikel ein, aber eben nur zum Teil. Für den anderen, subjektiven, emotionalen Teil, die Schilderung der Verzögerungen und Zufälligkeiten der Recherche, der Geräusche und Gerüche, Ängste und Sympathien, braucht sie ein anderes Medium, und das wurden die Briefe, die sie nach solchen Reisen an ihre Freunde in aller Welt schreibt. "Die Briefe entstanden aus einem Mangel. Ich hatte nicht das Gefühl, daß ich es in meinen Artikeln schon ausreichend beschrieben hatte: Was Krieg ist."
Chaos und Willkür
Aus diesen Briefen entstand nun ein Buch, und es gehört, weil es den Blick auf die weite, wüste Welt öffnet und dabei zugleich die kulturellen, persönlichen Bedingtheiten dieses Blicks erzählt, zu den wichtigsten Büchern des Jahres.
Es ist oft auch ziemlich witzig. Das erstaunliche ist: Es geht um den Irak, um das Kosovo, um Nicaragua, um Pakistan und Afghanistan, um Bukarest und New York, aber die Fragen, die Carolin Emcke dazu formuliert, sind nicht die, die wir aus den Nachrichten kennen: ob der Krieg gerechtfertigt war, was Globalisierung kostet und was sie bringt und wie man mit dem Islam ins Vernehmen kommen soll. Es sind mehr solche Fragen: Wenn man im Nachkriegs-Kosovo vor der Leiche eines eben ermordeten Serben steht und Umstehende einem eine Kerze als Zeichen der Trauer in die Hand drücken wollen, nimmt man die dann, auch wenn man den Toten gar nicht kannte und die Möglichkeit besteht, daß der Ermordete ein Kriegsverbrecher war?
Wenn man in Kurdistan unterwegs ist und mit einer kurdischen Armee-Einheit unter schweren Beschuß der Iraker gerät und hinter einem kleinen Erdwall ausharren muß, während die Kugeln einem um die Ohren pfeifen, darf man sich dann wünschen, daß einer der kurdischen Kämpfer so viele irakische Soldaten wie möglich erschießt, damit der Beschuß aufhört, auch wenn man damit den Tod ganz unbekannter Menschen wünscht?
Ist es okay, einen kleinen Jungen aus den Elendsvierteln von Bukarest, der einem für elf Dollar angeboten wird, nicht zu kaufen?
Diese Fragen ergeben sich in Situationen, deren Beschreibung sich nur schwer in die rationale Struktur von Magazintexten integrieren läßt. "Solche Reisen sind auf Zufälle angewiesen, sind nicht planbar und nicht kontrollierbar." So gewissenhaft die Vorbereitung auch sein mag, so umsichtig jede einzelne Entscheidung war - in Kriegsgebieten herrscht immer Chaos, wütet Willkür. Wer hätte damit rechnen können, daß die Kolonne des Kurdenführers Wagih Barsani, den Emcke tagelang begleitet hat, von der befreundeten amerikanischen Luftwaffe vernichtet wird, kleines Versehen - nur durch einen Zufall ist sie an diesem Sonntag nicht dabei. "Mein Leben liegt nicht in meiner Hand", schreibt sie.
Aber es ist doch bezeichnend, daß sie, wenn Zivilisten aus einer Region herausströmen, aus Kaschmir beispielsweise, mit einem Fotografen in die entgegengesetzte Richtung fährt, hinein. Sie bereut es nicht: Sie begegnet einem Alten, der in Tränen aufgelöst ist und hemmungslos weinen kann, nur weil er endlich mal einem Fremden erzählen kann, was ihm angetan wurde, weil endlich mal jemand aus der Welt gekommen ist.
Den Opfern von Krieg und Elend eine Stimme geben, hinfahren, zu Besuch kommen zum Erstaunen der Hunde, das treibt sie an. Die Opfer vergessen das Grauen nicht, das sie erlebt haben, sagt Emcke, aber sie hören auf, darüber zu sprechen, weil sie das Vertrauen verloren haben, daß sich die Welt für ihr Leid interessiert - und dem kann man versuchen entgegenzuwirken.
Zuhören und reden
Es aufschreiben, es abbilden, das Opfer wieder aufnehmen in die Welt der Kommunikation, das ist das philosophische Thema, das Emcke umtreibt: Zeugenschaft. Sie ist verblüfft, wie präzise die Opfer von Gewalt und Vertreibungen die Handlungen zu rekonstruieren vermögen, wie exakt die Orts- und Zeitangaben sind, wenn nur mal jemand kommt und hinhört. Stumm ist nur die Gewalt, der Satz von Hannah Arendt ist das Motto des Buchs.
Um sich ein wenig auszuruhen, machte Carolin Emcke mal Ferien in New York. Es war am 11. September 2001. Daß sie also als Augenzeugin der Anschläge fungieren kann, sorgt gerade in islamischen Ländern immer wieder für stundenlange Diskussionen. Daß die Juden dahinterstecken, ist ein Topos, mit dem ihr fast jeder kommt. Dann hilft nur eines: Hinsetzen und reden, stundenlang. Auch wenn es wieder heißt, die Deutschen seien doch ganz okay, das seien doch alles Antisemiten, Verbündete im Kampf gegen Israel. Wieder hinsetzen, wieder reden. Von diesen Gesprächen wird man sich weitererzählen, dort, wo es noch diese Kultur gibt des nichtinstrumentellen Gesprächs, wo man einfach so redet. Was soll man auch sonst tun?
Es ist nicht so, daß die Reisen nur Beschwernis und Gefahr sind. Da sind die Gastfreundschaft, unerwartete Begegnungen, eine Lust am Feiern, gerade, wenn es nichts zu feiern gibt, und auch davon berichten die Briefe.
Medien, weiß sie, haben wirklich ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie aus Krisengebieten berichten. Das Publikum mißtraut den Nachrichten, zum Teil ist so was auch ein Schutzmechanismus, den Emcke auch an sich selbst beobachtet hat und den sie im Buch beschreibt. Wenn ein Zeuge allzu unfaßbare Dinge berichtet, fängt man erst einmal an, an seiner Glaubwürdigkeit zu zweifeln. So wie man die ersten Polen, die die Ermordung von Juden in Lkws beobachtet haben, für geisteskrank hielt. Der Holocaust ist der rote Faden des Buchs, manchmal so eingewoben, daß man ihn nur ahnt, manchmal klar zutage liegend. "Nötig und lehrreich" nennt sie die Prägung auch ihrer Generation durch den Umgang mit dem Holocaust, nach wie vor, trotz Walser und Sloterdijk.
Für die und für uns
Neutralität kann es darum nicht geben in der Berichterstattung über Kriege, zumal wenn sie mit ethnischer oder religiöser Verfolgung einhergehen. Aber Unabhängigkeit. Darum ist das Prinzip des embedded journalism so fatal: "Das ist ein psychologischer Effekt: Wenn du mit einer Armee-Einheit unterwegs bist und beschossen wirst, dann stiftet das Verbundenheit. Da kann man sich noch so sehr neutral erklären, man fühlt dann mit der eigenen Einheit." Eine Form des Stockholm-Syndroms.
Carolin Emcke gehört, wie der ermordete Daniel Pearl und andere mehr, zu jener neuen Generation von Journalisten, die Bernard-Henri Lévy als praktische Philosophen bezeichnet, die die Komplexität der Welt erhöhen, statt sie zu reduzieren, die die Stimmen der Stummen aufzuzeichnen versuchen und dort präzise sind, wo Wissenschaft und Politik nur noch Formeln zu bieten haben.
Man muß sich wünschen, daß solche Texte nicht allein Briefen anvertraut würden, sondern daß sie ihren Platz hätten in den Zeitungen und Magazinen, denn sie sind ein doppeltes Glück: Nicht allein für die Menschen, die hier zu Wort kommen, die vergessen wären von der Welt, sondern für uns: Stimmen zu hören von Menschen, deren größte Sorge nicht die Zukunft der bundesdeutschen Rentenversicherung ist. "Von den Kriegen" ist, wo die Autorin über ihre kulturelle Heimat reflektiert, auch ein Buch über Deutschland, über ein Land, das durch eigene Schuld auch einmal aus der Welt gefallen war und nun den langen Weg zurück suchen muß.
NILS MINKMAR
Carolin Emcke: "Von den Kriegen. Briefe an Freunde", S. Fischer Verlag, 18,90 Euro.
Buchtitel: Von den Kriegen - Briefe an Freunde
Buchautor: Emcke, Carolin
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.09.2004, Nr. 38 / Seite 33
