23. September 2008 Obwohl fast sechzehn Jahre vergangen sind, seitdem die Tür von 10 Downing Street hinter der verheulten Eisernen Lady zuschlug, weckt Margaret Thatcher bis heute Animositäten kaum vorstellbaren Ausmaßes, wie sich erst vor kurzem wieder zeigte, als Einzelheiten über die Eventualplanung eines Staatsbegräbnisses durchsickerten.
Im neunzehnten Jahrhundert bekamen der Herzog von Wellington, Lord Palmerston und William Gladstone ein Staatsbegräbnis, aber Winston Churchill ist der einzige Premierminister des zwanzigsten Jahrhunderts, dem diese Ehre erwiesen wurde. Nun soll Sir Malcolm Ross, der siebzehn Jahre lang die Pläne für das zeremonielle Geleit der Königinmutter in seiner Aktentasche bewahrte, Vorbereitungen für ein Staatsbegräbnis der zweiundachtzig Jahre alten Margaret Thatcher koordinieren. Downing Street bestreitet zwar, dass eine Entscheidung gefallen sei, doch blieb der Zeitungsbericht unwidersprochen, der aus gut informierten Quellen zu wissen behauptete, dass die Königin die Aufbahrung des Sarges in einer Kapelle des Palastes von Westminister am Vorabend des Staatsaktes in der Paulskathedrale genehmigt habe.
Angeborene Selbstsucht
Die bloße Vorstellung einer solchen Würdigung vesetzte Leser des linksliberalen Guardian in helle Wut. Sie bestritten die Verdienste der ehemaligen Premierministerin. Weit davon entfernt, die Abwärtsspirale Großbritanniens umgekehrt zu haben, habe Thatcher vielen der heutigen Probleme des Landes durch die angeborene Selbstsucht Vorschub geleistet, die während ihrer Zeit an der Regierung so stark gefördert worden sei, wetterte ein Leser. Da ein Großteil der Bevölkerung Thatcher hasse, solle sie gefälligst auf den Falklandinseln bestattet werden, wo sie offenbar nach wie vor beliebt sei, hieß es in einer anderen Zuschrift. Ein weiterer Briefschreiber tadelte das Blatt für die Überschrift Staatsbegräbnis für Margaret Thatcher geplant, die ihn vorübergehend glauben machte, die Woche habe gut begonnen. Mancher Labour-Abgeordnete soll längst eine Flasche Champagner auf Eis gelegt haben, um in dem Moment, wo die BBC den Tod meldet, den Korken knallen zu lassen. Zu dem Anlass kann er dann eines jener T-Shirts mit der Aufschrift I still hate Thatcher tragen, die auch unter jüngeren Briten beliebt sind.
An Margaret Thatcher indes dürften all diese Schmähreden vorübergegegangen sein. Nach einer Reihe von kleinen Schlaganfällen leidet sie seit mindestens acht Jahren an Demenz, wie ihre Tochter, die Journalistin Carol Thatcher, jetzt in ihrem Erinnerungsband A Swim-on Part in the Goldfish Bowl beschreibt. An schlechten Tagen kann die Frau, die einst ein Gedächtnis wie eine Website hatte, ihre Sätze nicht vollenden, weil ihr deren Anfang bereits entfallen ist. Sie bringt Bosnien und die Falklandinseln durcheinander, denkt, dass sie im mittelenglischen Grantham zu Hause sei, wo sie über dem väterlichen Krämerladen aufwuchs, und sie vergisst, dass ihr geliebter Denis, der vor fünf Jahren starb, nicht mehr lebt. In ihren Erinnerungen schreibt Carol Thatcher: Jedesmal, wenn ihr bewusst wurde, dass sie den Mann verloren hat, mit dem sie mehr als fünfzig Jahre verheiratet war, schaute sie mich traurig an und sagte ,Ach', während ich versuchte, die Fassung zu wahren. ,Waren wir alle da?', pflegte sie mich dann sanft zu fragen.
Einblicke ins Private
Diese Einblicke in das Private der früheren Politikerin machten in aller Welt Schlagzeilen. Der Alzheimer-Verband begrüßte den Vormarsch Carol Thatchers, der großes Echo finden dürfte unter den Angehörigen der etwa siebenhunderttausend Briten, die von einer Form der Demenz befallen sind. Doch ähnlich wie Tilman Jens, nachdem er die Krankheit seines Vaters kundtat, muss auch Carol Thatcher viel Schelte einstecken (siehe: Vaters Vergessen). Sie habe die Mutter um ihre Würde gebracht, schimpften etwa alte Gewährsleute. Auch Ronald Reagans Sohn stimmte in den Chor der Kritiker ein. Im Gegensatz zum ehemaligen amerikanischen Präsidenten, der selbst enthüllte, dass er an Alzheimer leide, habe Thatcher über ihre schwindenden Kräfte geschwiegen.
Dabei war ihr Zustand längst über einen Kreis von Eingeweihten hinaus bekannt. Man braucht nur das aufgedunsene Vogelgesicht unter dem perfekt toupierten Schopf zu sehen und den leeren, mitunter etwas ängstlichen Blick in den schmal gewordenen Augen, um zu erkennen, dass Margaret Thatcher nur ein Schatten ihrer selbst ist, auch wenn sie an guten Tagen noch zu Hochform auflaufen und öffentliche Auftritte wie ein altes Zirkuspferd parieren kann. Selbst ein Beschöniger wie der Fotograf Mario Testino vermochte die Veränderung in unlängst für die britische Vogue gemachten Porträts nicht zu kaschieren.
Das kurze Gedächtnis der Medien
Im Übrigen scheinen auch die Medien, die Carol Thatchers Enthüllungen groß aufmachten, nur ein Kurzzeitgedächtnis zu haben. Vor fünf Jahren berichtete die Journalistin Linda McDougall in der Sunday Times ausführlich über die Tragödie, die das Leben einer Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts übermannt. Sie schilderte die Isolation sowie die Vergesslichkeit und die Verwirrung, die Margaret Thatcher befallen hatten, und verriet, wie besorgt ihr Mann und ihre Tochter um sie seien. Carol war damals außer sich über die Indiskretion und bestritt die Wahrheit der Beschreibung. Zwei Jahre später hatte sie es sich offenbar anders überlegt. Als sie zur Siegerin der Reality-Show Ich bin ein Star - holt mich hier raus gekrönt wurde, plauderte sie unbefangen über das Kurzzeitgedächtnis ihrer Mutter und beschrieb, wie schlecht es um sie bestellt sei.
In Carol Thatchers Buch über ihre Statistenrolle als Tochter der Premierministerin nimmt diese Stelle knapp elfeinhalb von mehr als dreihundert Seiten ein. Auch wenn es sich um kein tiefgründiges Werk handelt, enthalten die heiter und herzlich dahinerzählten und trotzdem bittertraurigen Erinnerungen aufschlussreiche Einblicke in das Leben einer unemanzipierten Frau der alten Schule, die für ihre Arbeit lebte und dennoch wacker versuchte, Beruf und Familie miteinander zu vereinen. Sie buk Geburtstagskuchen, strickte Kleider - und war doch mit den Gedanken woanders.
Erschüttert liest man von ihrem völligen Desinteresse an allem, was außerhalb des Politischen lag - woraus sich wohl auch der tiefe Einbruch erklärt, den sie erlitt, nachdem sie ihr Amt verloren hatte. Ihre treue Assistentin Crawfie ermahnte die Chefin stets, nicht zurückzublicken: Dorthin gehen Sie nicht. Seitdem sie Downing Street verlassen hat, lebt Margaret Thatcher vor allem in der Vergangenheit. Das ändert nichts daran, dass ihr Platz in der Geschichte gesichert ist, wie sie selbst ihrer Tochter am Tag ihres Rücktritts mitteilte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Associated Press