14. März 2005 In einem Leipziger Antiquariat des Jahres 1865 sorgte eine leise Stimme dafür, daß der Student der klassischen Philologie Friedrich Nietzsche ganz gegen seine Gewohnheit ein ihm völlig fremdes Buch erstand: "Ich weiß nicht, welcher Dämon mir zuflüsterte: ,Nimm dir dies Buch mit nach Hause.'" Ein Dämon mußte es rückblickend schon gewesen sein, der die Bekanntschaft mit Schopenhauer und mit seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" vermittelt hatte. Schließlich ging es nicht um irgendeine bedeutende Etappe auf dem Bildungsweg, sondern um "Krankheit und Heilung, Verbannung und Zufluchtsort, Hölle und Himmel". Schopenhauer las man nicht einfach, sondern man fand sich zu ihm bekehrt, zu neuem Leben erweckt, einer Gemeinde von Jüngern zugehörig, die mehr als nur Leser waren, wie Nietzsche einige Jahre später über den "Erzieher" Schopenhauer schrieb, "nämlich seine Söhne und Zöglinge".
Auf Erweckungen lief es hinaus. Das entsprach einem Grundton von Schopenhauers "System", der auf Erlösung gestimmt ist, auf die Ablösung vom blinden Treiben des Willens und den Aufstieg zur reinen Schau. Das setzte auf einen Begriff von Weltweisheit und metaphysische Erhöhung, die in der Philosophie ausgespielt hatten, ob nun bei dem von Schopenhauer verehrten Kant oder bei dem von ihm verteufelten Hegel. Doch solche "Unzeitgemäßheit" war zum Zeitpunkt von Nietzsches Begeisterung, fünf Jahre nach Schopenhauers Tod, schon dabei, in eine nachhaltig wirksame Modernität umzuschlagen - abseits der akademischen Einhegungen und nicht zuletzt auf dem Terrain einer zur letzten metaphysischen Bastion promovierten Kunstanschauung. Der alte Schopenhauer hat diese Anfänge seines Ruhms kommentiert. Es war die Bestätigung jener Selbstversicherung des Durchbruchs, an die er sich über Jahrzehnte hatte halten müssen: "Meine Zeit wird und muß kommen, und je später, desto glänzender." Auch wenn das heißen mochte, vielleicht erst postum: Das Bewußtsein, als der echte Vollender Kants für die wahre Philosophie einzustehen, erhielt dadurch nur seinen letzten Schliff.
Die ausbleibende Wirkung seines Werks ließ Schopenhauer bis ins hohe Alter hinein kaum eine andere Möglichkeit, als sich zum verkannten großen Gegenspieler zu erklären, sei es der Universitätsphilosophie, sei es der "Gesunkenheit des Zeitalters" insgesamt. Über das Geschick seiner zu Lebzeiten veröffentlichten Bücher, sein Selbstbild und seinen Umgang mit der so lange aufgeschobenen Wirkung erfährt man das meiste in seinem Briefwechsel mit dem Verlag Brockhaus, wo "Die Welt als Wille und Vorstellung" 1818 (mit der Jahresangabe 1819) erschien. Diese Briefe haben eine lange Editionsgeschichte; zuletzt wurden sie von Ludger Lütkehaus in einer handlichen Ausgabe veröffentlicht. Alfred Estermann, langjähriger Leiter des Frankfurter Schopenhauer-Archivs, hat auf Grundlage einer um einige Funde arrondierten und durchgesehenen Sammlung der Briefe einen Parcours durch die von 1818 bis zum Tod Schopenhauers 1860 sich ziehende Korrespondenz vorgelegt. Er bewältigt ihn kenntnisreich und elegant, indem er Zitate aus den Briefen und aus den Briefkonzepten mit Erläuterungen zu einer Geschichte von "Schopenhauers Kampf um sein Werk" verknüpft.
Daß Schopenhauer bei diesem Kampf auf seinen Verleger angewiesen war, wußte er. Zu Geschmeidigkeit und Verständnis im Umgang mit diesen soliden Geschäftsleuten, drei Generationen von Brockhaus als Leitern des Unternehmens, hat ihn das nicht verführt. Es ging um das wahre philosophische System, das in "groß Oktavo mit höchstens 30 Zeilen auf der Seite", mit scharfen deutschen Lettern und fehlerfrei bis zu genau bestimmten Terminen zu drucken war. Das Buch sollte makellos einer Welt entgegentreten, die auf solches Ereignis nicht gefaßt sein konnte. Wehe, er glaubte Anlaß zu haben, daß dabei nicht alles nach seinen Vorstellungen geschah. Friedrich Arnold Brockhaus hätte ahnen müssen, was und wen er sich da einhandelte. Aber erst einige Briefe und unglaubliche Grobheiten Schopenhauers später weiß er, mit welchem "Kettenhund" von Autor er es zu tun hat. Brockhaus' letzte beide Briefe, mit denen er die Korrespondenz kurz vor Erscheinen des Buchs abbricht, können sich sehen lassen.
Schopenhauers ungeschickte Hochfahrendheit ist bei diesem Auftakt noch durch keine Enttäuschung gedämpft. Doch es tritt ein, was Brockhaus zuletzt, nicht ohne Ingrimm, als Möglichkeit hingestellt hatte, daß er an diesem Buch vor allem Makulatur gedruckt haben werde. Von den 750 Stück werden gegen 600 eingestampft, und noch 1843 sind neun Exemplare vorrätig; erst 1853 ist die erste Auflage vergriffen.
Vor diesem Hintergrund geht es 1843 in die nächste Runde der Auseinandersetzungen, um die zweite, zweibändige und stark erweiterte Ausgabe der "Welt als Wille und Vorstellung". Schopenhauer weiß um seine schwache Ausgangsposition, doch wehrt er sich verbissen gegen den Verlagsvorschlag, die neue Auflage zum Teil auf Kosten des Autors zu drucken. Ein Geschenk an das Publikum: ja, das will heißen ohne Honorar, "aber für mein Geschenk noch obendrein bezahlen, das will und werde ich nicht". Tatsächlich lenkt der Verlag ein; die zwei Bände erscheinen 1844.
Was Friedrich Brockhaus von der Selbstdarstellung seines Autors hielt, ist seinen Geschäftsbriefen nicht zu entnehmen. Er wird sich an die Verkaufszahlen gehalten haben - und die waren miserabel. Schopenhauer hatte dafür seine eigene Erklärung parat, nämlich das "planmäßig durchgeführte Sekretieren", also Verschweigen seiner Schriften durch die Universitätsphilosophen, die "wohl wußten, daß meine Philosophie dem Publiko den Geschmack an der Ihrigen benehmen muß". Das war etwas heikel, denn schließlich konnte es auf die mit Invektiven eingedeckten "Kathederhelden" - allen voran Hegel, Fichte und Schelling als die großen Verräter an Kant - doch kaum ankommen, um der wahren Philosophie zum Durchbruch zu verhelfen. Das Publikum auf der anderen Seite war für den scharf blickenden Zeitgenossen auch nicht gerade eine verbürgte Instanz. Weshalb die Option für die dereinst erst kommende Zeit der "freudigen Bewillkommnung" die überzeugendste Variante war.
Zu erwarten, daß die sich anbahnende Popularität Schopenhauer in Verlegenheit gebracht hätte, würde dem Philosophen etwas zu viel abverlangen. Aus den Briefen an Eduard Brockhaus, der 1858 um eine dritte Auflage des Hauptwerks bei ihm einkommt, spricht die späte Genugtuung. Im Scharmützel um das Honorar fallen Sätze, an denen der späte Nietzsche Maß hätte nehmen können: "Aber meine Werke haben eingeschlagen, und daß es kracht. Ganz Europa kennt sie . . . Und es wird noch viel besser kommen: noch sehr viele Jahre hindurch wird mein Ruhm wachsen, und zwar nach den Gesetzen einer Feuersbrunst." Brockhaus ging über solche Ausbrüche hinweg, zahlte das Honorar und druckte.
Was folgt, ist der Versuch, eine Gesamtausgabe seiner Schriften bei Brockhaus zustande zu bringen. Darüber verstirbt Schopenhauer. Das Postskriptum seines letzten Briefs an den Verlag muß als höchstes Lob gelten. Der penible und nie ganz zufriedenzustellende Korrekturleser, der Druckfehler nicht verschmerzte, notierte: "Ausgelesen: Keinen Fehler gefunden." Die Schlußvignette, die Alfred Estermann für seinen Parcours wählt, hat auch einiges für sich. Sie geht auf den Bericht eines Besuchers zurück, der Schopenhauer kurz vor seinem Tod bei der Lektüre in den "Curiosities of Literature" von Isaac D'Israelis angetroffen hatte. Aufgeschlagen gewesen sei das Kapitel "Secret history of authors who have ruined their booksellers". Mit Brockhaus war das nicht zu schaffen gewesen.
HELMUT MAYER
Alfred Estermann: "Schopenhauers Kampf um sein Werk". Der Philosoph und seine Verleger. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005. 256 S., geb., 24,80 [Euro].
Buchtitel: Schopenhauers Kampf um sein Werk
Buchautor: Estermann, Alfred
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2005, Nr. 61 / Seite 40