22. März 2007 Dieses Buch lehrt uns viel über unser Nachbarland im Osten und mancherlei über unser eigenes. Dabei ist es weder klassischer Reiseführer noch fachjournalistische Landeskunde; Namen wie Chopin oder Maria Sklodowska-Curie sucht man vergebens. Auch die Vergangenheit mit Krieg, Flucht und Vertreibung spielt nur am Rande eine Rolle. Adam Soboczynski, vor gut dreißig Jahren im polnischen Torun geboren, im Alter von sechs mit Vater und Mutter nach Koblenz übergesiedelt und heute als Journalist in Berlin tätig, schreibt über sich, seine Eltern, seine Familie in Polen. Es ist eine neue Stimme in der komplizierten deutsch-polnischen Geschichte, und sie spricht auch für viele, die bislang stumm waren - jene Hunderttausende, die dem Kriegsrecht und der Armut als Aussiedler entkamen und von denen die polnische Außenministerin Fotyga nun behauptet, sie seien bei uns bis heute staatlichem "Assimilierungsdruck" ausgesetzt. Soboczynski hingegen weiß, dass der Druck selbst auferlegt war: "Sie haben sich einfach unsichtbar gemacht." Der Autor berichtet, wie sich seine Eltern so entschlossen wie irritiert in den rheinischen Karneval stürzten, wie zahllose Polinnen mit dem Putzlappen das "verblasste Bild der deutschen Trümmerfrau" wiederbelebten, wie er selbst seinen Akzent und seinen Namen lange als Last empfand - bis er sich entschloss, das Land seiner Kindheit neu zu entdecken. Für den Leser ist das ein Glücksfall: Soboczynski vereint die Leidenschaft des Reporters mit dem kühlen Blick des Essayisten, er schreibt anschaulich und pointiert und leistet es sich sogar, eine dramatische Episode wie die Begegnung mit einem kriminellen Warschauer Taxifahrer ganz beiläufig und lakonisch zu schildern. Einzelne Passagen sind vor geraumer Zeit in der Presse erschienen, doch nach wie vor erhellend, etwa das Porträt der so schwer fassbaren polnischen Hauptstadt als "Braut, die sich erregt zu Tode tanzt". Soboczynskis einfühlsame, doch nicht verklärende Annäherung an die alte Heimat kann die Leerfläche, die Polen für viele Deutsche darstellt, mit Leben füllen. In einer Hinsicht aber erweist sich seine Distanz inzwischen als zu groß: Beim Versuch, den Wahlsieg und das Treiben der Gebrüder Kaczynski zu begreifen und begreifbar zu machen, scheitert er und gesteht sich ein, sich in seinem Geburtsland "sehr fremd" zu fühlen.
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"Polski Tango. Eine Reise durch Deutschland und Polen" von Adam Soboczynski. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2006. 207 Seiten. Gebunden, 17,90 Euro. ISBN 978-3-378-00675-1.
Buchtitel: Polski Tango
Buchautor: Soboczynski, Adam
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2007, Nr. 69 / Seite R4