Literaturpäpstlein

05. Mai 2008 Das praktische Geschäft der Literaturkritik kennt keine Theorie, wohl aber unterschiedliche Positionen. Indem Kritik sich selbst ihrer Geschichte, Maßstäbe, Methode, Rhetorik oder gar öffentlichen Verantwortung vergewissert, kann sie gleichwohl theoretische Züge annehmen. In diese Sammlung blickt man wie in eine Zunftbibel: höchst willkommen für die Selbstbestimmung des Literaturfeuilletons oder Kritikerseminare an der Universität. Die jüngste Debatte zwischen Emphatikern und Gnostikern, also lesewütigen Genießern und hintersinnigen Analytikern, verfügt über eine vielfältige, hier hilfreich kommentierte Vorgeschichte. Seit Gottsched gab es gelehrte Regelwächter, Verteidiger der hehren Kunst oder Anwälte des gern unterhaltenen und belehrten Publikums. So steht Kritik zwischen Poetik und Publizistik: Der Rezensent muss es nicht besser machen können als der Dichter, so Lessing; aber dessen Machart durchschauen und Mängel anklagen. Und das möglichst freimütig, deutlich und ohne Scheu vor Polemik, fordert Marcel Reich-Ranicki. Die Front gegen das "kulinarische" Lesen, so Brechts Formel, führen Kritiker wie Benjamin und Adorno an; nur durch Selbsthinterfragung des Literaturbetriebs entkomme man der naiven Begeisterung. Doch darüber sollte stets Tucholskys Mahnung stehen: nicht "Literaturpäpstlein" spielen, denn Kritisieren schaffe keine Überlegenheit übers Werk. ("Texte zur Theorie der Literaturkritik". Hrsg. von Sascha Michel. Reclam Verlag, Stuttgart 2008. 314 S., br., 8,- [Euro].) kos



Buchtitel: Texte zur Theorie der Literaturkritik
Buchautor: Michel, Sascha

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2008, Nr. 104 / Seite 36