Die Legende vom unsichtbaren Fotografen

16. August 2003 Der Meister hat vorgesorgt. Was so viele Künstler dem Gezänk der Erben überlassen, ist Henri Cartier-Bresson noch zu Lebzeiten geglückt: die Gründung einer Stiftung, die sich um sein Werk und seinen Nachruhm kümmern soll. Das erste Meisterstück der "Fondation HCB" war die große Retrospektive in der Pariser Bibliothèque Nationale, die eigentlich seinen 95. Geburtstag - am 22. August - feiern sollte, aber, dem Beschleunigungstrend des heutigen Kulturbetriebs folgend, schon ein paar Monate vorher eröffnet wurde. Das opulent ausgestattete Begleitbuch liegt nun in einer prachtvollen deutschen Ausgabe vor und ist zweifellos die schönste und informativste Monographie, die dem großen Fotografen je gewidmet wurde. Schon der Umfang übertrifft alle Vorgänger: 36 Zeichnungen und Gemälde, 476 Fotografien, neunzig Lebensdokumente und 35 Abbildungen seiner Bücher sind zu sehen. Der Verlag kündigt das Buch als eine Art Testament des Künstlers an, und tatsächlich enthält es, was man von jedem ordentlichen Testament erwarten muß: Überraschungen.

Die erste: Cartier-Bresson hat sich offenbar endlich von der Illusion verabschiedet, seine Zeichnungen seien den Fotos ebenbürtig. Jahrelang hatte er die Zeichenkunst favorisiert und dickköpfig von seinen Bewunderern verlangt, daß sie diese Einschätzung teilen. Einmal lehnte er sogar einen renommierten Kunstpreis ab, weil der "nur" seinen Fotografien gelten sollte. In der philosophisch verquasten Cartier-Bresson-Monographie von Jean-Pierre Montier konnte man dann 1995 sehen, wie der Meister damals verstanden werden wollte. In dem Buch wurde versucht, beide OEuvres, das des Zeichners und das des Fotografen, weitgehend gleichzuschalten. Die Zeichnungen waren so penetrant neben Vergleichsfotos plaziert, daß man auf die Übereinstimmungen regelrecht gestoßen wurde. Der Schuß ging freilich nach hinten los, denn gerade im Vergleich offenbarte sich, wie überlegen die Fotos den Zeichnungen sind.

Es zeugt von Einsicht und vielleicht auch von Resignation, wenn jetzt die Zeichnungen wieder en bloc in einem eigenen Kapitel versammelt werden, das zudem als Schlußlicht dem fotografischen Lebenswerk angehängt ist, gleich vor den Lebensdokumenten. Auffällig ist auch, welch bescheidener Umfang dem Zeichnungskapitel zugestanden wird. Auf eine Zeichnung kommen jetzt, rein statistisch, vierzehn Fotos, während Montiers Monographie mit einem Verhältnis von knapp eins zu fünf unsere Aufmerksamkeit für die Zeichnungen hatte erzwingen wollen.

Noch überraschender sind freilich die fotografischen Lebensdokumente, darunter viele Aufnahmen von befreundeten Fotografen, die Cartier-Bresson bei der Arbeit zeigen. Denn er hatte stets peinlich darauf geachtet, daß derartige Fotos möglichst gar nicht erst bekannt wurden. Jahrzehntelang arbeitete er hartnäckig an der Legende, er sei der große Unbekannte unter den Fotografen, der Mann ohne Gesicht, ein moderner Harûn er-Raschid, der sich unerkannt unter die Menge mischt, um das Leben der Menschen zu belauschen. War die Legende vom unsichtbaren HCB bloß eine Marotte? Sie war zweifellos mehr. Cartier-Bresson war fest überzeugt davon, daß er nur so, als Unsichtbarer in der Menge, dem Herzschlag des Lebens nahe sei und sich mit dem Rhythmus fremden Lebens synchronisieren könne.

Der Rhythmus aber ist das A und O seiner fotografischen Kunst. Die Welt, wie seine Fotos sie zeigen, ist erfüllt von einem eurhythmischen Gleichklang der Formen, einer filmischen Endlosigkeit, einem wahren Ballett des Lebens. Kaum eines seiner Bilder ist ein klassischer Schnappschuß im Sinne einer eingefrorenen Pointe. Cartier-Bressons Formel vom "entscheidenden Augenblick", die so oft zitiert wird, meint gerade nicht den Moment, wo das Leben interessant wird, sondern jenen, wo es schutzlos ist und wir etwas von seinem innersten Gesetz wahrnehmen können, etwa so, wie man den Atem eines Schlafenden belauscht. Nichts könnte deshalb falscher sein, als Cartier-Bresson mit Robert Doisneau zu vergleichen, wie es oft geschieht. Für Doisneau ist die Welt eine Wundertüte, randvoll mit Pointen, und das Leben wird zu einer Riesensumme aus lauter Bruchteilen von Sekunden.

"Les Dances à Bali" war das erste Fotobuch, das Cartier-Bresson veröffentlichte, und den Tanz des Lebens könnte man das Leitmotiv seines Fotografenlebens nennen. Dazu mußte er gar nicht unbedingt Tänze fotografieren. Das ganze Leben wurde ihm zu einer großen Pantomime. Man bemerkt das deutlich, wenn man das Katalogbuch Seite für Seite betrachtet und die 476 Cartier-Bresson-Fotos an sich vorüberziehen läßt. Die meisten kennt man schon aus anderen Büchern, aber da das Bildmaterial jetzt weder chronologisch noch thematisch streng geordnet ist, zudem ein intelligentes Layout für Abwechslung sorgt, begegnet man vielen Bildern neben Nachbarn, die man an dieser Stelle nicht erwartet hat, so daß dem Auge pausenlos neue Anknüpfungspunkte geboten werden. Das ist anregend, denn selbst auf bekannten Bildern macht man plötzlich Entdeckungen, als sähe man sie zum ersten Mal.

Und fast immer entdeckt man jenen pantomimischen, tänzerischen Aspekt im großen Lebensornament, dessen Kurvatur sich nicht nur in den Menschen, sondern ebenso im trägen Wasserlauf der Flüsse wiederfindet und verblüffend oft sogar in den Werken, die der Mensch geschaffen hat: in der Kontur der Frauenkleider und Hausfassaden, in der Geometrie der Treppenstufen und Ackerparzellen, in der Schlangenwindung der Wege und Straßen. Der Mensch - ob er will oder nicht - ist ein erzählendes Wesen, und was er zu sagen hat, ist - ob er es weiß oder nicht - Teil eines endlosen Textes, von dem das ganze Leben in allen seinen Formen berichtet. Auch mit geschlossenem Mund bleibt der Mensch ein Erzähler. Er spricht dann mit seinem Körper, mit Haltung, Pose und Gesten, und je unbewußter das geschieht, desto mehr wird verraten - und um so gelungener ist dann das Foto von Cartier-Bresson. Er belauscht das Leben, wenn es, wie ein Tänzer beim Tanz, trancehaft in sich selbst versunken, ein heimliches Selbstgespräch führt. Er ist kein Reporter, er ist ein Visionär.

"Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?" Sein Lebenswerk in 602 Bildern. Herausgegeben von der Fondation Henri Cartier-Bresson. Mit Texten von Jean Clair, Peter Galassi, Jean Leymarie und anderen. Verlag Schirmer/Mosel, München 2003. 432 S., 637 Abb., geb., 78,- [Euro].



Buchtitel: Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?
Buchautor: Fondation Henri Cartier-Bresson

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2003, Nr. 189 / Seite 42

 
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