Störungsbild ADHS

Die Biologisierung der Unruhe

Das abgelenkte, hyperaktive Kind beschäftigt Eltern und Lehrer. Ist das Störungsbild ADHS ein Beispiel dafür, wie psychosoziale Probleme durch medizinische Logik beschwichtigt werden? Zwei Bücher antworten kontrovers. Von Nicole Becker

Lesermeinungen zum Beitrag

24. Mai 2008 22:39

ADHS und Ritalin

Jens-Holger Grunert (grunertjh)

Es ist immer wieder erschreckend, wie sich Halbkundige zu dem Problem äußern. Will man seinem betroffenen Kind mit Medikamenten helfen, so schnappt die Psychofalle zu und es wird einem unterstellt, man will nur eigene Schuld auf die Gene schieben. Das ist alles nur dumm. Die Medikamente sind ein Segen für die Kinder und jeder, der beroffenen Kindern die Medikamente vorenthält ist ebenso ein Verbrecher, wie jemand , der seinen Kindern Impfungen oder Bluttransfusionen vorenthält. Der sollte mal seine eigene Kindheit auf Probleme absuchen. Außerdem ist Ritalin kein Beruhigungsmittel sondern ein Stimulanz. Auch dies geht in die Köpfe einiger ewig gestriger nicht hinein. Es versetzt die Kinder in die Lage, aktiv die Einflüsse aus der Umwelt zu filtern und zu verarbeiten. Hobbypsychologen und Scientologyjünger, lässt diese Kinder und deren Eltern endlich in Ruhe.

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23. Mai 2008 10:41

Wenn man keine Ahnung hat...

Patrik Boerner (PBoerner)

Ich arbeite seit ca. 10 Jahren als Pädagoge mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit AD(H)S. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn einige Zeitgenossen meinen, es würde ausreichen, die Bewertung hochkomplexer psychologischer und medizinischer Zusammenhänge lediglich dem "gesunden Menschenverstand" zu überlassen. Das tut es nicht, vielmehr ist eine sehr ausführliche wissenschaftliche Kenntnis erforderlich. Eltern, deren Kinder von Epilepsie betroffen sind, würde sonst wohl ebenso vorgeworfen, sie hätten ihre Kinder "nicht im Griff"? Was ist als zu tun? Zunächst ist Bildung angesagt, Fortbildung für die beteiligten Berufsgruppen und die Möglichkeit zu Elterntrainings und Selbsthilfegruppen z.B. den bundesweit tätigen ADHS Deutschland e.V. für die betroffenen Eltern. Es reicht bei Kindern mit AD(H)S nämlich nicht aus, einfach durchschnittlich begabte Eltern zu sein! Die Eltern sind diejenigen, die ihre Kinder am besten kennen und die zunächst am meisten Zeit mit ihnen verbringen, daher müssen die Eltern gewissermaßen therapeutisch geschult werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist Vernetzung, d.h. die Anbindung an die vorhandenen Hilfesysteme - und da gehört vor allem auch der Arzt hinzu!

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22. Mai 2008 17:50

Herrn Gürsch: also sedieren?

Marzo Matto (maerzc)

Haben wir nicht ein sog. Anti-Diskriminierungsgesetz? Ich hörte auch aus dem Bekanntenkreis von Fällen, wo Kinder, die angeblich ADHS haben und deswegen des Kindergartens verwiesen wurden. Wie schön, daß es Zauberpillen gibt, die diese dann ruhigstellen, so daß sie sich dann „normal“ verhalten. Was ist mit dem Betäubungsmittelgesetz? Wer jemals einen Pharmavertreter die Vorzüge der zu vertreibenden Medikamente anpreisen gehört hat, hat tiefe Zweifel an der Objektivität und der Wissenschaftlichkeit der zugrundeliegenden Studien - die übrigens fast ausnahmslos mit Drittmitteln von Pharma-Unternehmen finanziert werden. Wie sagte der Vertriebsleiter eines großen Pharmaunternehmens in einem TV-Beitrag über ADHS: „Am Anfang ist es erforderlich, das Bewußtsein für die Krankheit zu wecken“. Honi soit que mal y pense... Da heutzutage viele Eltern Angst haben, daß ihre Kinder keine Chance haben, sind sie entsprechend leicht manipulierbar. BRAVE NEW WORLD!

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22. Mai 2008 14:00

Suche nach Beweise für die fehlgeschlagene Theorien

Josef Bujtor (Mramorak)

Mir sagte mal ein Professor, auf einenm Technikum, dass wenn Theorie und Praxis nicht über einstimmen, immer die Theorie falsch ist. Heute will man unbedingt und auf alle Kosten das Gegenteil beweisen. Denn die Theorien über den Menschen sind doch so falsch, dass keiner mehr weiß, was ein Mensch ist. Es is leicht, altes zu zerstören aber um etwas Neues aufzu bauen, braucht man Menschenkenntnis. Daher immer wieder neue Versuche. Die Generationen, die vor 50 und 30 Jahren angefangen haben, etwas zu schaffen, stehen heute vor ihrem Bankrott. Und haben nichts, das sie ihren Kindern hinterlassen können.

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20. Mai 2008 19:08

Viele Fragen, aber auch keine Antworten im Artikel

Martin Gürsch (Betroffener)

Die Ausprägungen von ADHS variieren anscheinend heftig ebenso wie die Stimmungslagen. Und natürlich möchte die Industrie viel Geld verdienen. Pädagogen, Erzieher und Lehrer raufen sich die Haare, insbesondere letztere grenzen "nicht funktionierende" Kinder einfach aus. Mehrtägige Schulverweise werden erlassen "zum Schutz der anderen Kinder", mit dem deutlichen Hinweis, daß damit damit Mutter und Großeltern "Gelegenheit bekommen erzieherisch einwirken" zu können. Und das alles in der ersten Klasse. Und von ADS/ADHS hat natürlich noch nie jemand was gehört ... Da fragt man sich dann schon, ob man es dem Kind antun will, unmedikamentiert seine Ausbildungschancen mitsamt dem zukünftigen Lebensweg massiv zu versauen, den Aussenseiter-Stempel täglich tiefer eingedrückt zu bekommen, bis dann auch noch der Kontakt mit der Polizei hinzukommt - denn auch das ist oft ein leider typischer Meilenstein auf dem ausgegrenzten Weg eines "Hypies". Natürlich ist einem mehr als nur Unwohl dabei, aber welche realen Chancen gibt es innerhalb unseres Schulsystems und unserer Gesellschaft tatsächlich, das solche Kinder integriert lernen und normal weiterkommen können?

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20. Mai 2008 18:39

„Die Suppe lügt“

Torsten Klier (TorstenKlier)

ist der Titel eines Buches von H.-U. Grimm. Dort geht es um die unguten Langzeitwirkungen der mit künstlichen Aromen und Geschmacksverstärkern industriell hergestellten Lebensmittel. Der Autor beschreibt die mitunter vertrackten biochemischen Mechanismen in einer für den Laien leicht verstehbaren Sprache. Hatte ich bis dato nur eine gefühlsmäßige (rational nicht begründete) Abneigung gegen Cola für Kinder, so erklärt Grimm ganz logisch, warum dieses Getränk für Kinder ungeeignet ist. Nachvollziehbar wird dargestellt, warum die Umstellung auf natürliche Ernährung in vielen Fällen die Kinder von ADHS befreit; weshalb das Buch betroffenen Eltern ans Herz gelegt sei. Der Autor will dabei keine monokausale Theorie für das komplexe Phänomen ADHS erfinden. Vielmehr zeigt er auf, wie mit den künstlichen Aromen die innere Sensorik getäuscht und das Zentralnervensystem fehlgeleitet wird, was auf Dauer zu Fehlfunktion, z.B. ADHS, führen kann (nicht muss). Dabei ist Grimm kein Öko-Fundi, vielmehr Rationalist; die ganze Abhandlung ohne jeden missionarischen Eifer. Auch für nicht von ADHS Betroffene interessant, viel Information, sehr lehrreich; und so locker geschrieben, dass man es am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.

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20. Mai 2008 14:30

Diagnose ADHS: so macht man Opferkinder zu gestörten "Tätern"

Henry C. Brinker (hcbrinker)

Merkwürdigerweise finden sich bei allen ADHS-Diskussionen im Bekanntenkreis immer wieder die gleichen Strukturmuster. Vor allem Kinder in problematischen Familiensituationen mit Fremdbetreuung und konfliktbeladenen Elternbeziehungen sollen angeblich ADHS-Symptome aufweisen. Damit wird der schwarze Peter dem schwächsten Element des Problemkreises zugeschoben, dem Kind, das sich nicht wehren kann und den Bedingungen seines Heranwachsens ohnmächtig gegenüber steht. Es ist mit der ADHS-Diagnose, womöglich auf Krankenschein, einfach gestört - und Eltern und Erzieher finden sich in einer bequemen Opferrolle mit dem Kind, das einfach nicht funktionieren will, als schuldbeladenem Verursacher.

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20. Mai 2008 14:16

Dialektischer Journalismus

Maximilian Lorenz (maximilianlorenz)

Ein sehr guter Beitrag, der versucht dialektisch an dieses Thema heranzugehen. Verschiedene Perspektiven werden beleuchtet, kritisch hinterfragt und grundlegende Fragen (Trenneung von Umwelt und Anlage) werden gestellt. Ein Artikel, der sich an den anspruchsvollen Leser wendet, weil er keine leichten und eindeutigen Antworten auf ein komplexes Thema gibt. Ich würde mir gerne mehr solcher Beiträge von der FAZ wünschen. Vielleicht gibt die FAZ in Zukunft, dem dialektischen Journalismus noch etwas mehr Raum.

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20. Mai 2008 13:53

Genetisch bedingt?

Otto Eggert (ottoe)

Wenn AHDS genetisch bedingt ist, bedeutet das zwangsweise, daß es dem Kind mindestens von einem Elternteil mitgegeben wurde. Nicht zwangsweise müssen bei diesem Elternteil die Symptome auch aufgetreten sein, in der Familiengeschichte sollten aber doch entsprechende Phänomene bekannt sein. Beispielweise der Urgroßvater, der seinen Beruf als Lokführer an den Nagel hängen mußte, weil er nicht pünktlich war... . Gerade dieses Elternteil sollte ein entsprechendes Maß an Verständnis seinem Kind entgegenbringen und es vor übereifrigen "Behandlungen" schützen. Letztlich ist auch bekannt, daß die Medikation langfristig die Psyche angreift. Es gibt Fälle von ADHS- Kindern, die sich mit einer gewissen Toleranz gut entwickelt haben und die heute im Erwachsenenalter als Professoren und Doktoren durchaus hohe Ziele erreicht haben (wenn auch der Weg dahin steinig ist und das Umfeld nicht immer einfach). Sport ist wichtig um den Bewegungsdrang etwas zu kanalisieren, viel wichtiger und weniger schädigend als die Medikation. Aber offensichtlich ist es für die Umgebung einfacher, Pillen zu geben, statt sich mit ADHS auseinander zu setzen und dem Kind den nötigen Raum zu geben.

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20. Mai 2008 13:45

fortsetung......

Martin Teuscher (4oursins)

Also bekam ich ab meinem 10ten Lebensjahr Kampfsport Unterricht. Erst hier lernte ich, mich selbst zu stoppen und meine Konzentration zu halten. Einige Jahre später und intensivem Trainig (Einzel-Unterricht) wurde es besser, und seit dem schaffe ich es auch mich länger als 2 Stunden zu konzentrieren. Fazit: Bei mir hat das gebrabbel der Psychologen nicht viel mehr gebracht, als mich auf den richtigen Weg zu bringen. Ritalin halte ich ebenfalls für eine falsche Methode, da sie nur Sympthome bekämpft, und eher dazu gedacht ist, die eltern etwas zu entlasten in dem man den störenfried hemmt. In meinem Elternhaus ist diese "Krankheit" bis zu mir nicht aufgetreten, daher kann ich also nicht bestätigen, dass es entweder an mich weitergegeben wurde und auch nciht das ich eine extreme Unruhe in meinem Elternhaus vorherrschte die mich dahingehend beeinflusst hat. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass zumndest mein Krankheitsbild auf einen Defekt zurückzuführen ist.

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20. Mai 2008 13:38

wer da wohl die weisheit mit löffeln gefressen hat?!

Martin Teuscher (4oursins)

ich bin 26 Jahre alt, und litt, genauso wie meine umwelt eine viel zu lange zeit unter ADHS. ich komme aus der ehemaligen DDR und dort galt ADHS nicht als Krankheitsbild sondern als defizit was auf mangelnde Erziehung und fehlende soziale Fähigkeiten zurückzuführen ist. Na vielen Dank, ich galt also als Zappelphilip und schwer erziehbar... In der neuen Welt angekommen :) erlebte ich fast die selbe behandlung wie im osten. Irgendwann wurde meinen Eltern nahegelegt mich in therapeutische Behandlung zu geben. Das taten wir auch, dort stellte man dann beim ersten Psychologen nichts neues fest und versuchte mir Richtlinien im Umgang mit der Umwelt einzutrichtern. Meine Eltern wurden durchleuchtet was sie wohl an meiner Erziehung falsch gemacht haben. Man muss dazusagen, dass ich ein mehr als nur friedlicher Mensch bin, ich kam mit jedem gut aus, hatte viele Freunde, und wurde durch die Bank weg akzeptiert (klingt nicht wirklich nach fehlendem sozialen Verhalten). Bei einem anderen Psychologen ein Jahr später, stellte dieser fest, dass ich unter ADS, oder wie es hier genannt wird ADHS leide. 1,5 jahre befand ich mich in Betreuung.

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20. Mai 2008 13:03

Dient die Diagnose und Therapie dem Kindeswohl?

Christoph Anschütz (TuNichtGut)

oder dem Wohl der Ärzte und Pharmaindustrie? Und gíbt es das wirklich als Problem? Ein wenig gesunder Menschenverstand hilft bei der Frage, was wann wie wo problematisiert und vor allem, thematisiert werden muss. Es gibt mehr als genug Berichte darüber, wie sich die beteiligten Profis steigende Umsätze sichern wollen. Ein Bereich davon widmet sich den Kindern, die als Umsatzquelle am besten schon während der KiTa, notfalls auch im KiGa, spätestens aber in der Grundschule als Kunden zwangsrekrutiert werden müssen. Auch bier bei der FAZ nachlesbar, ansonsten bei DER ZEIT. Rendite ist das oberste Gesetz vieler. Das geht auch über das Wohl der Kinder anderer Leute. Am gesunden Kind verdienen die ganzen Problemlöser nichts. Werden sie also krankgeredet? Jeder Elternteil möge sich zurücklehnen und ein paar Minuten an die eigenen ersten Schuljahre erinnern, war da wirklich ein Therapeut, geschweige denn Psychopharmaka gefragt oder nicht viel mehr taugliche Lehrer? Und wem das nicht reicht, der möge mal seinen Kinderarzt fragen, was und wie der seine Kinder medizinisch behandelt.

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