Interview

Unsere Regierung ist hirntot

Friedman: “Indien und China sind wie zwei sechsspurige Superautobahnen“

Friedman: "Indien und China sind wie zwei sechsspurige Superautobahnen"

09. September 2006 Mehr als 1,5 Millionen Exemplare hat das Zukunftsszenario „Die Welt ist flach“ des Journalisten und Pulitzer-Preis-Gewinners Thomas L. Friedman in den Vereinigten Staaten verkauft; ein Jahr lang stand das Buch an der Spitze der bestsellerliste der „New York Times“; in fünfundzwanzig Sprachen wurde es übersetzt. Im September erscheint es in einer Fassung auch auf deutsch. Warum er für China und Indien sehr optimistisch ist, während er den Chancen Europas eher skeptisch sieht, erläutert Friedman im Gespräch.

Warum ist die Welt, wie Sie in ihrem neuen Buch behaupten, flach?

Das hängt mit vier Dingen zusammen. Als erstes versetzte uns der Fall der Berliner Mauer in die Lage, die Welt wieder als flache Scheibe anzusehen. Vor 1989 war das schwierig, weil da eine Mauer im Weg war. Dann kam, zweitens, der Aufstieg des Personalcomputers, der jedem Individuum erlaubte, Worte, Bilder, Daten oder Videos zu vertreiben. Seit Höhlenmenschen etwas an Höhlenwände malten, waren wir zwar Autoren unseres eigenen Content, wie wir jetzt sagen würden, aber Inhalt in digitaler Form ist erst seit dem PC möglich. Als drittes wäre das Internet zu nennen, das den praktisch kostenlosen Transport der digitalen Inhalte ermöglichte, und als viertes das, was ich als „Workflow Software“ bezeichne. Damit konnte meine Software mit Ihrer in Verbindung treten, und so war ich fähig, meine Inhalte übers Internet kostenlos rund um die Welt schicken. Diese vier Dinge haben Ende der neunziger Jahre die Welt wieder flach gemacht.

Mit unübersehbaren politischen, ökonomischen und sozialen Folgen.

Zunächst hat das Individuum an Macht gewonnen. Sie können jetzt als Einzelner ihren Inhalt weltweit anbieten, also globalisieren. Das bringt allerhand Unruhe mit sich. Vor allem ist es eine Bedrohung für alte Hierarchien, von den Bloggern, die die etablierten Medien bedrohen, bis zum Unternehmer, der mit wenigen Mitarbeitern eine große Firma in Bedrängnis bringen kann.

Und wie macht sich dabei bemerkbar, was in Ihrem Buch „Triple Conversion“, dreifache Verwandlung, heißt?

Darunter verstehe ich den Augenblick, in dem die Welt wirklich flach wurde. Das war, als Sie eines Morgens aufwachten und dachten: Ich bin in Kontakt mit Leuten, mit denen ich nie in Kontakt stand, und diese Leute empfinden es genauso. Was Sie damals fühlten, war Wandlungsstufe eins, so um das Jahr 2000. Um der neuen Plattform gerecht zu werden, haben wir unsere Verwaltungssysteme von „Befehlen und Kontrollieren“ auf „Verknüpfen und Zusammenarbeiten“ umgestellt. Das war die zweite Verwandlung, und die dritte fand statt, als drei Milliarden Menschen, die bisher keinen Zugang hatten, Chinesen, Inder und ehemalige Sowjetbürger, auf die Plattform traten.

Das klingt vielversprechend, zumal für freie Individuen, aber verschieben sich dabei nicht auch gefährlich die Kräfte von Politik und Kommerz?

Die Welt, wie ich sie heute verstehe, wird durch die Wechselwirkung von Politik und Kultur auf der einen Seite und Handel und Finanzen auf der anderen geprägt. Manchmal triumphieren Politik und Kultur über Handel und Finanzen, manchmal ist es umgekehrt. Ich behaupte jedenfalls nicht, daß der Kommerz immer als Gewinner hervorgeht. Es ist eher so, daß Politik nicht immer gewinnt.

Gemeinsam mit der Globalisierung scheinen aber auch ihre Gegenkräfte zu wachsen. Sind nicht die ethnischen und religiösen Konflikte unserer Tage dazu angetan, das zukunftsfrohe Globalisierungskonzept in Frage zu stellen?

In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel über die „unflache Welt“, und dort nenne ich den Nahen Osten den unflachsten Teil der ganzen Welt. Wenn solche Kräfte Amok laufen, kann der Globalisierungsexpreß entgleisen. Aber der dominierende Trend in der heutigen Welt beruht auf Kräften, die die neuen Technologien verschmelzen und verbreiten.

Sie scheinen für China und Indien eine glänzende Zukunft vorauszusagen.

Wenn die Welt flach ist und jeder denselben Zugang zu denselben Werkzeugen hat, wie unterscheidet sich dann Deutschland noch von Frankreich, Frankreich von Amerika? Wenn alles überall verfügbar ist, spielen nur noch drei Dinge eine Rolle: Ausbildung, Talent und - Strebsamkeit.

Wird die Welt also künftig von Peking und Neu-Delhi aus gesteuert?

Indien und China sind wie zwei sechsspurige Superautobahnen. Die chinesische Superautobahn ist in perfektem Zustand, jeder rast dahin mit achtzig Meilen. Es gibt jedoch ein kleines Problem. In der Ferne zeichnet sich eine Schwelle ab, die den Namen „politische Reform“ trägt. Wenn 1,3 Milliarden Menschen im 80-Meilen-Tempo über eine Schwelle fahren, kann zweierlei passieren. Entweder fliegt der Wagen in die Luft, kracht wieder auf den Boden, die Insassen gucken sich verdutzt an, sehen, daß alles in Ordnung ist, und fahren weiter. Oder der Wagen fliegt in die Luft, kracht auf den Boden und verliert seine Räder. Wir wissen nicht, was in China passieren wird.

Und in Indien?

Da gibt es ebenfalls eine sechsspurige Superautobahn, allerdings mit Schlaglöchern und Rissen im Zement, nur die Hälfte der Straßenlampen funktioniert. Aber in der Ferne zeichnet sich eine perfekte Superautobahn ab. Die Fragen hier sind: Sehen wir eine Fata Morgana? Ich meinerseits schreibe Amerika nicht ab. Unsere Regierung ist hirntot. Unser Kongreß ist gelähmt. Aber wir haben immer noch diese unglaubliche freie Marktwirtschaft, die weiterhin vor Ideen platzt und die besten Talente aus der ganzen Welt anzieht.

Meinen Sie, jemand sollte sich heutzutage noch wünschen, in Europa geboren zu werden?

Ich reise gern nach Europa! Ich liebe die Museen, ja Europa ist ein lebendes Museum, das, wie ich hoffe, weiterleben wird. Ich bewundere so viel an Europa, zum Beispiel die sechs Wochen Urlaub, die öffentlichen Verkehrsmittel, das Umweltbewußtsein. Ich meine das wirklich ernst, und wenn Europa den Zauberspruch kennt, wie diese Errungenschaften zu bewahren sind, ohne in die von einer flachen Welt ausgelösten Anpassungsnöte zu geraten, dann um so besser.

Neue Ideen erwarten Sie von Europa aber nicht?

Die Kuckucksuhr war eine wichtige Erfindung. Und ich genieße meine Kuckucksuhr. Aber sie sieht mir nicht nach dem nächsten Google aus. Unter den führenden zwanzig Firmen in Amerika befindet sich heute keine, die vor zwanzig Jahren zu den führenden zwanzig Unternehmen zählte. In Europa dagegen sind die Namen ziemlich gleichgeblieben. Das ist ein schlechtes Zeichen. Wenn ich im Silicon Valley bin, treffe ich viele Europäer, weil dort etwas passiert, was sie nicht in Europa finden. Wissen Sie, was das Größte an Amerika ist? Wie leicht es ist, jemanden zu feuern. Denn wenn es so leicht ist, jemanden zu feuern, ist es ebenso leicht, jemanden einzustellen.

Für die sozialen Errungenschaften Europas können Sie sich dementsprechend weniger begeistern?

Ich provoziere hier natürlich ein bißchen. Ich bewundere eine Menge am sozialen Gefüge Europas, zugleich aber will es mir scheinen, als hintertreibe davon einiges jede Innovation.

Wie aber sollen reiche Länder ihren Lebensstandard bewahren, wenn im globalen Konkurrenzkampf das Lohnniveau armer Länder den Ausschlag gibt?

Das stimmt als Überlegung nur, wenn Sie annehmen, daß alles, was erfunden werden muß, bereits erfunden ist. So funktioniert die Welt jedoch nicht. Vor zehn, fünfzehn Jahren habe ich nie Kaffee getrunken. Jetzt kann ich ohne Starbucks nicht mehr leben. Vor fünf Jahren wußte ich nicht, was eine Suchmaschine ist. Jetzt kann ich ohne Google nicht mehr leben. Völlig neue Industrien entstehen zusätzlich zu den alten, das heißt, der Kuchen wird immer größer.

Eine Expansion ohne Grenzen?

Wenn Europäer sich ihren Lebensstandard bewahren wollen, müssen sie für eine immer bessere Ausbildung sorgen. Der Schlüssel zu alldem ist eine wachsende Wirtschaft. Es ist unmöglich, den Weg zum Wohlstand durch Protektionsmaßnahmen zu sichern. Darum bin ich ein radikaler, wirklich radikaler Freihändler.

Sie halten es für denkbar, daß der Westen technologische Avantgarde bleibt und, noch eine Spur utopischer, der Rest der Welt zu ihm aufrückt?

Wenn wir uns richtig verhalten, wird sich die Kluft zwischen uns und Indien und China verringern, wird sich die Basis unter ihnen anheben, aber auch unter uns. Unser Vorteil gegenüber Indien und China würde so relativ, aber nicht absolut schrumpfen.

Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlich?

Wie gesagt, ich würde nie gegen Amerika wetten. Und auch nicht gegen Europa. Ich bin ein EU-Fan. Europa hat eine Menge Aktivposten, aber es leidet an Verstopfung und muß das auskurieren, wenn es am Wettbewerb teilnehmen will.

Als Cheerleader der Globalisierung...

So nennen mich meine Kritiker! Was ich absurd finde. Globalisierung hat, wie ich meine, ihre guten und ihre schlechten Seiten. Ich versuche herauszufinden, wie das Beste aus den guten Seiten zu machen ist. Dank der Globalisierung haben während der vergangenen zwanzig Jahre in China und Indien mehr Menschen die Armut überwunden als jemals zuvor in der Geschichte der Welt. Sollte ich dagegen sein?

Das Gespräch führte und übersetzte Jordan Mejias.



Text: F.A.Z., 08.09.2006, Nr. 209 / Seite 42
Bildmaterial: Getty Images/AFP

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