Emotional erhitztes Wortmagma

Lieber Säbel als Florett: Hans-Jürgen Heises Schriften zur Literatur

20. Dezember 2004 "Ausgewählte Schriften" ziehen Bilanz, wollen keine Neugier auf Novitäten bedienen. Hans-Jürgen Heise, der Dichter, hat sich kräftig in die Diskussionen über Lyrik eingemischt. Der Übersetzer fremdsprachiger Autoren begleitete seine Eindeutschungen immer auch mit Deutungsversuchen. So entstand das Buch "Wenn das Blech als Trompete aufwacht. Schlüsselfiguren der Moderne" (2000). Der Auswahlband "Am Mischpult der Sinne" vereinigt außer Erklärungen in "eigener Sache" Essays zur Theorie der Dichtung, vornehmlich der Lyrik, die zuvor in Zeitungen oder in Zeitschriften wie "Neue Rundschau", "Akzente" oder "die horen" erschienen sind.

Wer von einem Lyriker feinfühlige und behutsame Annäherungen an seinen Gegenstand erwartet, muß von der kämpferischen Haltung dieses Essayisten überrascht sein. Heise ficht lieber mit dem Säbel als mit dem Florett, scheut auch vor Rundumschlägen nicht zurück. So ist ihm Jorge Luis Borges ein "Mythomane globaler Archetypen", sind ihm die Jahre um 1910 eine Zeit, da "die Hornissen der futuristischen Provokationen über Europa herfielen", ist ihm die Dichtung ins Zeitalter "der von Aufklärung, Technik, Ökonomie und Politik plattgewalzten Moderne" geraten. Dem abwägenden Essayisten raubt der Zivilisations- und Kulturkritiker das Wort.

Sein Zentralgedanke, daß Sprachbilder "Vokabeln des Gefühls" seien, taucht, ausdrücklich oder versteckt, mehrfach auf und dient als Gegenbegriff zum Erbe der lateinischen Rhetorik und zum "bombastischen Wortgepränge". Heise versteht die Metapher als "emotional erhitztes Wortmagma" vor dem Zustand begrifflichen Erstarrens. Ihm entgeht, daß die Metapher dieses Sprechens über die Metapher selbst Beweis eines rhetorischen Sprechens ist. Und ausgerechnet Góngora, der spanische Dichter des siebzehnten Jahrhunderts und Vater des sogenannten Gongorismus, ist ein schlechter Kronzeuge Heises, weil er trotz seiner Romanzen in maurischer Tradition und im Volkston ein Vertreter gewollt schwieriger, artistischer und rhetorischer Metaphernsprache war.

Nein, ihren Reiz haben die ausgewählten essayistischen Schriften nicht dort, wo sie mit apodiktischer Gebärde auftreten und allgemeine Gesetze zur Dichtung, zumal zur Lyrik, dekretieren, sondern dort, wo sie Erläuterungen und Seitenstücke zur eigenen Dichtung Heises sind. Sein Leben lang sei er ein gefräßiger Leser gewesen, gesteht er. Davon legen gerade diese Schriften ein Zeugnis ab. Von seinen Ausflügen in die spanische, die lateinamerikanische und amerikanische Literatur kommt Heise mit eindrucksvollen Funden zurück; wahre Begeisterung durchglüht seine Huldigung an Andalusien, eine Art zweiter literarischer Heimat. Nicht von ungefähr nennt er Federico García Lorca einen seiner "Wegweiser".

Bei aller Furcht vor dem "Würgegriff der Technik", der die Poesie zu entsinnlichen droht, verwirft Heise doch zugleich Versuche, die Lyrik wieder zu "konventionalisieren" und den "vers libre" zu zerstören. Daß er gegen die "Orgien der Anpassung an die moderne Bewußtseins- und Industriekultur" vielleicht zu heftig polemisiert, macht nicht schon sein Werben um Anerkennung der großen Leistungen "landschafts- und naturbezogener Kunst" unglaubwürdig. Und vor der Entwertung literarischer Kunst durch das bloße "spektakuläre Ereignis" kann man nicht genug warnen. Wir brauchen zwar keine weiteren Schwarzseher, keine neue Kassandra, wohl aber Störenfriede wie Heise.

WALTER HINCK

Hans-Jürgen Heise: "Am Mischpult der Sinne". Ausgewählte Schriften. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 367 S., geb., 29,- [Euro].

Buchtitel: Am Mischpult der Sinne
Buchautor: Heise, Hans-Jürgen

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 32

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