Frauen mit Schnurrbärtchen

02. Mai 2008 Verzweifelte, denen Sinn und Ziel menschlichen Strebens schleierhaft sind, die im voranschreitenden Geschichtsverlauf nichts als ein ewiges, katastrophales Irren sehen, das uns stürmisch nur immer weiter weg vom Paradiese treibt, können kurz aufatmen. Es gibt etwas, wofür sich der ganze Aufwand gelohnt hat. Diese tröstliche These vertritt zumindest die Autorin Katja Mutschelknaus.

"Ohne die weltverändernde Kraft der philosophischen Aufklärung, ohne die Erfindung des Porzellans und des Rübenzuckers, ohne den Siegeszug des Kaffees oder die Wohnkultur des Biedermeier wäre das Kaffeekränzchen nicht möglich gewesen", heißt es im Klappentext zu ihrem Buch "Kaffeeklatsch - Die Stunde der Frauen". Voilà: Der ritualisierte Genuss eines gerührten, nicht geschüttelten Heißgetränks als Sahnehäubchen der Historie.

Die Autorin warnt eindringlich, die Bedeutung der kleinen Damengesellschaften zu unterschätzen. Schon immer und zu Unrecht sei der "Kaffeeklatsch" belächelt worden. Mit dem einen Zeitraum von über 300 Jahre umfassenden Text- und Bildband soll diese Fehleinschätzung revidiert und auf die kulturstiftende Wirkung des Phänomens hingewiesen werden. Zwar müsse man nicht gleich so weit gehen wie der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Christoph Bernoulli, der um 1850 im Kaffee einen der Hauptgründe für die "Befreiung der Frau" sah. Aber allein die zahlreichen abgebildeten Gemälde zum Thema - von Louis de Carmontelle bis hin zu Pierre-Auguste Renoir und Edgar Degas - beweisen, dass die Kunst ohne das Kaffeekränzchen um ein Sujet ärmer wäre.

Zunächst war dem Großteil der männlichen Zeitgenossen das Geheimnis der weiblichen Tafelrunde Anlass zu jahrhundertelangem Argwohn. Als beispielhaft führt Mutschelknaus die Äußerungen Baron Otto von Ottringels an, preußischer Offizier und Protagonist in Elizabeth von Arnims Roman "Die Reisegesellschaft". Ihn bringt so leicht nichts aus der Fassung, außer wenn die ansonsten tugendhafte Ehefrau Kaffeegesellschaften veranstaltet und sich seinem Einfluss entzieht: "Während meiner Abwesenheit saß Edelgard auf der Terrasse und konversierte über Dinge, die das Weibervolk interessierten, und ich weiß nicht, was", klagte er.

Aufgrund dieser quälenden Unwissenheit waren Kaffeetrinkerinnen nie vor Spötteleien sicher. "Die Katze lässt das Mausen nicht, die Jungfern bleiben Coffeeschwestern", heißt es um 1734 in Johann Sebastian Bachs Kaffeekantate. Günter Grass bezeichnete die dem Klatsch frönenden Damen im Roman "Örtlich betäubt" als "kuchenfressende Pelztiere". Als gesellschaftliche Katastrophe galt zu früheren Zeiten, wenn eine Frau ohne männliche Begleitung ein Kaffeehaus betrat: Sie müsse wohl "ein Schnurrbärtchen haben, Brillen tragen, oder eine Schriftstellerin seyn" steht im Pariser "Album der Boudoirs" von 1836 geschrieben. Nicht "um alle Millionen, welche in Heirathsgesuchen ausgeboten werden", möchte ein anständiger Mensch eine solche Frau ehelichen. So blieb nur der intime, abgeschlossene Freundinnenkreis, um ungestört zu plaudern.

Neben weiteren, aus heutiger Sicht kuriosen Erkenntnissen, etwa dass Kaffee zu Ehebruch verführe, möchte die Autorin dessen historische Bedeutung nicht zu kurz kommen lassen. So sei das bildungsbürgerliche Kaffee- oder Teekränzchen die Wiege der weiblichen Emanzipation. Im vertrauten Zirkel konnten gesellschaftliche Ereignisse und literarische Neuerscheinungen ungestört diskutiert werden. Französische Schriften wurden ausgetauscht. Die Gespräche am Kaffeetisch und die Lesekränzchen ersetzten den Frauen zunächst eine offizielle geistige Ausbildung. Von Emanzipation zu sprechen galt natürlich noch als höchst unschicklich, auch unter Freundinnen. Die Öffentlichkeit, jenseits des Häuslichen, sei kein Terrain für das "zarte weibliche Geschlecht".

Der zweite Teil des Buchs widmet sich mit der Überschrift "Die große Kunst des kleinen Fests" den weiteren Zutaten, ohne die ein ordentliches Kaffeekränzchen nicht zu denken ist: Naschwerk, Porzellan, Blumen. Katja Mutschelknaus, die auch als Gourmet-Journalistin arbeitet, fühlt sich hier in ihrem Element. In einer Eloge auf das Hüftgold heißt es etwa: "Wenn man von der Schlagsahne kostet, legt sich ein angenehm kühlender, wohltemperierter Balsam über die Lippen, und schließt man in diesem Moment die Augen, fühlt man sich, als würde das Körperinnere von sanften Händen eingecremt." Des Weiteren klären zuckersüße Bildungshäppchen über den Siegeszug von sahnigen, kalorienreichen Torten in den Zwischen- und Nachkriegsjahren oder die Porzellansucht August des Starken auf. Leider wirkt die epochenübergreifende Aneinanderreihung von hübschen Anekdoten bisweilen willkürlich und unzusammenhängend, und man ertappt sich, mehr an den Bildern und Illustrationen als am Text zu kleben.

Eines wird im Laufe der Lektüre jedoch klar: Der moderne Kaffeekonsument, der, wo er geht und steht, nicht auf das Lieblingsgetränk verzichten möchte und nichts daran findet, diesen aus Pappbechern mit Plastikschnäbeln zu schlürfen, ist gefühlte Lichtjahre von der Kaffeekultur früherer Jahrhunderte entfernt. Um aus einer zierlichen Porzellantasse zu trinken, fehlen womöglich nötige Feinmotorik und Contenance. Gleichzeitig muss sich keine Frau mehr mit der Perfektionierung ihrer Hausfrauenfähigkeiten plagen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Ob wir den Trend zur sportlichen Straßenversion des Kaffees kurz nostalgisch bedauern oder ganz und gar erleichtert sein sollen, diese Frage lässt die Autorin offen.

FRANZISKA SENG

Katja Mutschelknaus: "Kaffeeklatsch". Die Stunde der Frauen. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2008. 144 S., 150 Abb., geb., 19,95 [Euro].



Buchtitel: Kaffeeklatsch - Die Stunde der Frauen
Buchautor: Mutschelknaus, Katja

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2008, Nr. 102 / Seite 37

 
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