21. April 2009 Man sollte sich als Leser den Gefallen tun, einfach mal nur die Antworten Helmut Schmidts zu lesen, die mit Nein (ersatzweise: Nee) beginnen. Man wird dann dreierlei feststellen. Erstens: Helmut Schmidt antwortet recht oft mit Nein. Zweitens: Bei jedem Nein Helmut Schmidts geht man als Leser in Habachtstellung. Drittens: Hinter jedem Nein hört man den imaginären Satz: Ach, Kinder, nun bleibt doch mal auf dem Teppich; so wild ist das doch alles nicht. Man kann, mit anderen Worten, dieses lange Helmut Schmidt-Interview auch als Therapeutikum lesen. Es beruhigt die Nerven wie Yoga oder Ikonenmalen. Es wiegt den Leser in der Gewissheit, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht, dass jede Aufregung im Grunde doch nur künstlich ist. Es handelt sich hier also um einen Ruhig-Blut-Appell in Frage-Antwort-Form.
Das Buch dokumentiert die Zeit-Gespräche zwischen Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo. Dass es sich seit Wochen neben den anderen Helmut-und-Loki-Schmidt-Büchern auf der Bestseller-Liste hält, hat natürlich mit dem Schmidt-Sound zu tun, der einem hier in höchster Reduziertheit, also besonders klar und lapidar entgegentritt. Kaum eine Antwort ist länger als zehn Zeilen, die meisten sind drei bis vier Zeilen lang, viele sind Einzeiler.
Auf eine Zigarette
In der Kürze liegt Schmidts Würze, und also hat man für ihn ein eigenes Genre erfunden: Gespräche in Zigarettenlänge. Sie fanden freitags statt. Di Lorenzo beschreibt die geradezu liturgische Ordentlichkeit der Prozedur: Sein erster Blick gilt stets den Fenstern in meinem Büro, die fast immer aufgeklappt sind. Leise sagt er: ,Mach doch bitte die Fenster zu.' Er fürchtet die Geräusche der Straße, weil er nur noch auf dem linken Ohr hört, und auch das nur eingeschränkt. Er bittet um eine Tasse Kaffee mit viel Milch und sehr viel Zucker, nimmt auf einem Drehstuhl Platz, legt eine Packung Reyno Menthol auf den Tisch (man wundert sich immer wieder, dass es die noch gibt). Dann zündet er sich eine Zigarette an. An dieser Stelle, denkt der Rezensent, liest man den liturgischen Hinweis mit: Alle knien.
Nein und nochmals nein: Schmidt, der große Rhetoriker, lässt tatsächlich keine Gelegenheit aus, jede rhetorische Brücke abzubrechen, die der Befrager ihm baut - und zwar augenblicklich und vollständig, eben mit einem Nein oder Nee. Es ist, als laste ein Zwang auf Schmidt, den Cool-down-Modus einzuschalten, sobald das Gespräch an Betriebstemperatur gewinnt. Es hat bisweilen etwas rührend Pedantisches, wie Schmidt sofort dazwischengeht, wenn in der Frage mal ein Wörtchen fällt oder ein Sprachbild zum Einsatz kommt, das sich einem rhetorischen Überschuss verdankt, oder, schlimmer noch: wenn gar der Hauch einer Ungenauigkeit zu bemerken ist.
Ein paar Zentimeter links von der Mitte
Frage: Haben Sie denn selber als junger Mensch Zwei- oder Vierzeiler geschrieben? Antwort: Nein. Frage: Haben Sie versucht, Ihr öffentliches Bild im Fernsehen oder auch in Fotografien zu steuern? Antwort: Nein, ich habe nur versucht, im Fernsehen einen anständigen Eindruck zu machen. Frage: War es nicht eine Tortur, diese langen Strecken zu fahren (1966 in die Sowjetunion mit dem Auto)? Antwort: Nein, eher war die Primitivität der Hotels eine Tortur. Ich habe auf der Reise drei Lokusse repariert. Frage: Sie sind ein Anhänger des Sozialstaates - würden Sie sich auch als links bezeichnen? Antwort: Nein. Ich habe immer in meinem Leben gesagt: ein paar Zentimeter links von der Mitte. Frage: Lieber Herr Schmidt, ich habe gesehen, dass in Ihrem Bungalow in Hamburg-Langenhorn eine kleine Bar steht. Beginnen dort die Abende der Familie Schmidt? Antwort: Nein, die wird nur genutzt, wenn Gäste da sind. Frage: Sie waren nie beleidigt, wenn Sie jemand kritisiert hat? Antwort: Nein, ich habe ein ganz dickes Fell. Allerdings habe ich mich manchmal künstlich aufgeregt.
Ein Schmidt-Privatissimum, in dem Persönliches und Politisches eine unentwirrbare Einheit bilden. Da, wo Gehalte der hohen Politik (von der atomaren Bedrohung über Bundeswehreinsätze im Innern bis zur Finanzkrise) in persönlicher Brechung zur Sprache kommen, hat man es mit politischer Bildung im besten, nämlich unterhaltenden Sinne zu tun. Ein Beispiel nur: Eine sehr substanzielle Einschätzung der Frage, ob es in den armen Regionen künftig zu wenig Wasser geben wird, wechselt bei Schmidt mit der schnoddrigen Mitteilung, dass ihm selbst ein Bad in der Woche genügt. Solche Zusammenschnitte der gänzlich unbekümmerten Art machen den Charme dieser Zigarettengespräche aus. Dass Schmidt in seinem Buch Außer Dienst gar die eigenen Zigarettengespräche als Tribut an den medialen Unterhaltungsbedarf milde tadelt, spricht denn auch - so sollte man meinen - eher für die Unterhaltung als gegen die Zigarettengespräche. Sie sind das Buch wert, das aus ihnen geworden ist.
Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 281 S., Abb., geb., 16,95 Euro.
Buchtitel: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt
Buchautor: Schmidt, Helmut
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kiepenheuer & Witsch