Von Christoph Albrecht
23. Juni 2009 In Gestalt von virtuellen Welten im Internet oder Robotern in Fabriken, im Krieg oder in Seniorenheimen nimmt die künstliche Intelligenz immer mehr an unserem Leben teil. Deshalb stellt sich auch die Frage, ob solche autonomen Systeme Rechte und Freiheiten haben oder haben sollten, wie wir Menschen sie genießen. Die Ingenieure und Informatiker zwingen so die Philosophen, unser Selbstbild im Angesicht unserer maschinellen Doppelgänger feiner zu zeichnen. Ein Sammelband erlaubt einen Überblick über einige der Fragen am Schnittpunkt von Computer und Philosophie.
Ronald C. Arkin erforscht im Auftrag der amerikanischen Armee, wie autonomen Kampfrobotern ein künstliches Gewissen für die Einhaltung des von Soldaten immer wieder durchbrochenen Kriegsrechts eingepflanzt werden könnte. Peter M. Asaro leuchtet Aspekte der Frage aus, wie gerecht ein Roboterkrieg sein könne. Bei entsprechenden technischen Mitteln könnte es ethisch zwingend erscheinen, Roboter an die Front zu schicken. Gleichzeitig wäre eine Armee nur aus autonomen Systemen im Kampf gegen Menschen ethisch fragwürdig: Wer lediglich wirtschaftliche Rücksichten auf eigene Verluste nehmen muss, der senkt die Schwelle der Kriegsbereitschaft.
Einfühlung in Maschinen
Merel Noorman durchleuchtet unseren Begriff von Autonomie. Wir seien noch nicht geneigt, künstlichen Agenten moralische Verantwortung zuzuschreiben, auch wenn sie sich im kybernetischen Sinn eigenständig mit ihrer Umwelt austauschten. Aber die Debatte helfe uns, über unsere moralischen Prinzipien Klarheit zu gewinnen.
Emotionen gelten als Grundlage der Intelligenz. Lernen etwa beruht zu einem Gutteil auf Einfühlung. Jordi Vallerdú und David Casacuberta versuchen deshalb, Computern synthetische Gefühle beizubringen und so die kognitive Bedeutung von Gefühlen zu demonstrieren. In ihrem Panic Room bewegen sich Menschen, die dem System den Strom abzuschalten drohen. Je nachdem, wie Sensoren die Nähe der Menschen zu den entsprechenden Schaltern angeben, schwankt das Programm zwischen den Proto-Emotionen Furcht und Entspannung und löst bestimmte Verhaltensweisen und Lerneffekte aus.
Umgekehrt sind wir bereit, uns in Maschinen einzufühlen, etwa in menschen- oder tierähnliche Unterhaltungsroboter. Diese Fähigkeit ist besonders bei Japanern ausgeprägt, was Kayoko Ishii mit einem in Japan immer noch tief verwurzelten Animismus in Verbindung bringt. Ob die Haltung so aufgeschlossen bleibt, wenn immer mehr Humanoide die Labors verlassen, sei auch in Japan nicht sicher. Sind künstliche Schoßhunde vielleicht ein Angriff auf das Recht der Älteren, mit der Wirklichkeit in Kontakt zu bleiben? Die alternden Gesellschaften des Westens haben Anlass, sich mit den philosophischen Herausforderungen einer Technik zu beschäftigen, der wir immer mehr das Arbeiten, Töten und Pflegen überlassen.
Current Issues in Computing and Philosophy. Herausgegeben von Adam Briggle, Katinka Waelbers und Philip A. E. Brey. IOS Press, Amsterdam 2008. 204 S., geb., 100,- Euro.
Buchtitel: Current Issues in Computing and Philosophy
Buchautor: Briggle, Adam
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: IOS Press