Doch der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann

17. Juli 2008 Wie über kanonische Texte Neues sagen, wenn noch dazu das Kanonischste des Kanons aufgegriffen wird: Goethe und Schiller, die Olympier, auch noch beide? Die Antwort des Berliner Literaturwissenschaftlers Peter-André Alt: Es gibt immer neues Wissen von außen, das unser Denken verändert und deshalb auch Altbekanntes in neues Licht taucht. Und so leuchtet es in diesem Fall: Goethe und Schiller reflektierten literarisch den Zusammenbruch des alten Staates. Politische Reflexion sei das zentrale Thema ihrer Dramen.

Alt entfaltet dies nicht in einer systematischen Abhandlung, sondern in zehn Stichproben, die sich auf Regiefragen und Tragödientheorien, auf "Götz" und "Die Räuber" bis zur "Braut von Messina" und "Faust" beziehen. Die im Titel angesprochene Metapher vom Endspiel hält das kaum zusammen. Doch gibt es Übergreifendes in den Essays: das Thema Form als Grundzug von Klassizität zum Beispiel, die schon immer aufgefallene Fixierung auf das Zurechtgeschliffene, ob es sich um schauspielernde Personen, die Schürzung von Knoten oder feinziselierte Verse handelt. Warum gerade bei diesen ehemaligen Stürmern und Drängern diese merkwürdige Umkehr? War es Einknicken vor den fürstlichen Auftraggebern, wie frühere Ideologiekritiker süffisant resümierten? Oder kann man die Frage noch einmal neu durchdenken?

Lassen wir den ersten Beitrag zu Goethes Regietheater beiseite und begnügen uns mit dem Hinweis, dass es gestandene Fachleute wie Laube oder Tieck gab, die den zwingenden Zusammenhang von domestiziertem Auftritt und klassischem Inhalt durchaus bezweifelten. Betrachten wir näher Alts Behandlung von "Tasso" und "Iphigenie" und stellen die Frage, ob man weiterkommt, wenn man Goethe ins Licht der historischen Stunde stellt.

Alt versucht genau das konsequent und einfallsreich. Im "Tasso", so führt er aus, stoßen nicht Adelsgesellschaft und bürgerlicher Dichter zusammen, vielmehr seien die Rollenerwartungen gerade in beide Richtungen durchlässig geworden. Subjektive bürgerliche Erwartungen haben ihr anerkanntes Recht, aber es gibt auch Vorstellungen von aristokratischer Ordnung, in die subjektive Ansprüche einzuarbeiten sind. In dem Augenblick, in dem die alte Gesellschaft zerfällt, lässt Goethe einen ihrer wichtigsten Momente gewissermaßen ins Überzeitliche hinübergleiten: Formbewusstsein. Dieses leiste etwas, was Subjektivität eben nicht zu leisten vermöge: Stabilität. Man kann Tasso so als den Versuch lesen, einen Konflikt im historischen Bewusstsein aufzuheben.

Ist dies aber mehr als feiernde Betrachtung mit neuen historischen Mitteln? Machen wir den Test anhand der Ausführungen zur "Iphigenie", wo die Frage der Form von anderer Seite auftaucht. Was leistet bei dieser "schönen Seele", die Goethe selbst in einem Brief als "verteufelt human" bezeichnet hat, der historisch-politische Hintergrund, wenn es etwa um das Verständnis jener Wahrhaftigkeit geht, mit der Iphigenie Thoas ebenso verblüfft wie ausmanövriert? Was hat der Verzicht auf die List, die dem antiken Drama noch zugrunde lag, mit der historischen Stunde zu tun?

Es ist interessant, dass Alt dabei auf den gleichen Aspekt verweist, wie schon Adorno: auf Iphigenies "Takt", die Einkleidung ihrer Gewissensentscheidung in aristokratische Höflichkeit. Auch hier wäre damit also wieder die Form, die der alten Gesellschaft entspringt. Sie müsste am Ende des achtzehnten Jahrhunderts obsolet geworden sein und erbringt dann doch diese Leistung: die Überzeugung, die zur Freiheit führt.

Iphigenie kommt Thoas nicht mit Tiraden à la Tasso, der seine Subjektivität ungebremst und damit kontraproduktiv äußerte. Sie nähert sich vielmehr auf den leisen Pfoten der aristokratischen Lebensphilosophie. Iphigenie findet den Weg zwischen obsoletem männlichem (Gewalt, List) und ebenso obsoletem weiblichem Rollenverhalten (Leiden und Warten auf die Befreiung durch die Göttin), indem sie den neuen naturrechtlich legitimierten Willen zur moralischen Eigenverantwortung mit der alten Form des Anstands verbindet. Indem sie diese historisch unterschiedlichen Momente in ihrer Redekunst verbindet, bringt sie den Stein zum Erweichen, sprich: Thoas zum Nachgeben, und löst nebenbei den mythischen Fluch, der auf dem Tantalidengeschlecht ruht.

Wo Alt schon selbst auf Adorno verweist, scheint es angebracht, Adornos Position zum Vergleich heranzuziehen. Und die sieht nun doch anders aus, als es die gemeinsame Berufung auf den "Takt" nahelegt. Dies würde allein nicht viel besagen, wenn nicht gerade Adorno schon den Anspruch verfolgt hätte, die Konstruktion der Humanität als historische, ja politische zu verstehen. Dabei machte Adorno eine andere Rechnung auf: Die taktvoll verpackte Humanität hat ihre dunkle Seite. Es ist nicht Iphigenie, deren Humanität die Rettung bringt, sondern die Humanität des Thoas - der dafür am Ende allein zurückbleibt (Adorno: "Das Meisterwerk knirscht in den Scharnieren"). Die überzeugende Rede Iphigenies überzeugt nicht nur, sie überwältigt auch, enthält eine Form von Gewalt im Verzicht auf dieselbe, weshalb es human sein kann, nicht auf dem höheren Recht der Humanität zu beharren.

Für Adorno ist dies kein Grund, die klassische Konzeption Goethes als verfehlt zu betrachten, wie es ideologiekritischer Übereifer in den siebziger Jahren zelebrierte (wovon sich Alt mit Recht absetzt). Aber Adorno begnügt sich eben auch nicht mit dem Hinweis auf Hintergründe allein, sondern setzt die Goethesche Lösung einer kritischen Betrachtung aus. Man kann damit die Leistung des "Takts" verstehen und das Brüchige der Lösung hervorkehren, wobei Adorno es sich in dem Sinne leichtmachte, dass er die historisch gelungenen Lösungen in die Musik verlagerte: in Beethovens Leonorenarie oder die Rasumowsky-Quartette.

Natürlich stellt sich schließlich die Frage, ob Alts an Adorno geschulter Blick auf das Theater Goethes und Schillers demjenigen des Vorbildes nicht überlegen ist, insofern er die Voraussetzungen der Goetheschen Humanitätskonstruktion und der anderen mit den klassischen Dramen der Dioskuren verbundenen Probleme "objektiver", näher an ihren zeitbezogenen Voraussetzungen orientiert beschreibt und dabei auf das Dialektische, eben nicht Dauerhafte der Lösung durchaus verweist.

Ist nicht diese Form der Rephilologisierung wohltuender als die schulmeisterliche Art eines Adorno? Beim Lesen kann man gelegentlich schwanken. Alt, einer der profiliertesten Kenner der Weimarer Klassik, bietet zwar viel Klarheit, eröffnet manche Perspektive. Aber nicht immer möchte man einstimmen in eine Interpretation, die das Verstehen zur einzigen Aufgabe macht.

KARL-HEINZ GÖTTERT

Peter-André Alt: "Klassische Endspiele". Das

Theater Goethes und Schillers. C.H. Beck Verlag, München 2008. 310 S., geb., 26,90 [Euro].



Buchtitel: Klassische Endspiele
Buchautor: ALt, Peter-André

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2008, Nr. 165 / Seite 30

 
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