Der Zylinder macht den Bürger nicht

01. Oktober 2008 In den vergangenen Jahren hat die Beschäftigung mit der außereuropäischen Geschichte in Deutschland an Schwung gewonnen. Noch immer gibt es allerdings bei manchen Historikern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die Tendenz, sich in der eigenen Nische zu bewegen und unter Gleichgesinnten die Ignoranz des Mainstreams zu beklagen. Die Indien-Spezialistin Margrit Pernau geht hingegen mit Verve in ein Feld hinein, das die deutschsprachige Historiographie über viele Jahre umfassend beackert hat: die Bürgertumsforschung. In ihrer ambitionierten und empirisch dichten Studie fragt die inzwischen am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung tätige Historikerin, wie sinnvoll es ist, bestimmte muslimische Gruppen in Delhi im neunzehnten Jahrhundert als Bürger zu untersuchen.

Delhi, die alte, überwiegend muslimisch geprägte Hauptstadt des Moghulreiches, befand sich seit der Etablierung britischer Kolonialherrschaft zwar politisch im Niedergang, verfügte aber weiterhin über beträchtliche kulturelle Ausstrahlungskraft. Pernau analysiert facettenreich die Entstehung eines muslimischen Bürgertums in dieser Stadt. Dabei bildete das für die Kolonialherren traumatische Erlebnis der "Mutiny", des großen Aufstandes von 1857/58, eine wichtige Zäsur. Mit dem Scheitern der Erhebung ging das Ende des gesellschaftlichen Führungsanspruchs des Adels einher. Gruppen, die unter den Moghuln noch zahlreiche Privilegien genossen hatten, stiegen aufgrund der britischen Landreform ökonomisch und sozial ab, vor allem muslimische Händler profitierten von den sich verändernden politischen Konstellationen. Neben Kaufleuten und Handeltreibenden zählt die Autorin zum neuen muslimischen Bürgertum vornehmlich Personen, die ihren Lebensunterhalt durch den Einsatz ihrer Bildung verdienten, etwa Verwaltungsfachkräfte, Juristen und Ärzte - insgesamt also Individuen, "die im deutschen Kontext als Wirtschafts- und Bildungsbürger bezeichnet würden". In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts existierte in Delhi, so ein zentrales Ergebnis der Studie, eine Gruppe, "die sich sowohl nach oben wie auch nach unten abgrenzte, ähnliche Berufsgruppen umfasste wie das deutsche Bürgertum und sich durch ein Gemeinschaftsgefühl, durch eine gemeinsame Identität auszeichnete".

Die Religion deutet Pernau als treibende Kraft der Verbürgerlichung. Bürgerlichkeit und reformierte islamische Frömmigkeit verstärkten sich gegenseitig. Der Weg aufsteigender Gruppen in das muslimische Bürgertum Delhis hing von ihrer praktizierten Religiosität ab. Zugleich war die reformierte Religion ein wesentliches Element der Abgrenzung des Bürgertums gegen den Adel und gegen die Unterschichten. Für viele muslimische Händler, denen ein direkter Aufstieg in die Kategorie der ashraf, der Respektablen, verwehrt blieb, erwies sich die Patronage der islamischen Reformbewegung als gangbarer Weg für die Transformation von Reichtum in soziale Ehre. "Nicht länger demonstrativer Konsum, sondern demonstrative Frömmigkeit wurde zum langfristig Erfolg versprechenden Zeichen sozialen Kapitals." Pernau verweist in diesem Zusammenhang mit Nachdruck darauf, dass die Spielräume, die Religion für die Gestaltung des eigenen Lebens eröffnete, wesentlich vom Geschlecht abhingen.

Die neuen Formen der Frömmigkeit, zu denen Frauen verstärkt angehalten wurden, drängten sie sukzessive in die private Sphäre des Haushalts zurück. Zugleich entstand eine Fülle von normativen Texten, in denen sich Männer untereinander austauschten, wie Frauen sind und wie sie sein sollten. Damit verbunden war der Versuch, dieses "Wissen" den Frauen zu vermitteln und sie so zu erziehen, dass sie dem neuen Idealbild möglichst nahe kamen. Pernau konstatiert, dass die Entwicklung weiblicher Berufstätigkeit von Musliminnen als Lehrerinnen, Anwältinnen oder Ärztinnen ohne die religiöse Reformbewegung nicht denkbar gewesen wäre.

Buchshop
Bürger mit Turban
von Pernau, Margrit
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

Pernau nimmt es in ihrer Untersuchung mit einer zentralen Problematik der gegenwärtigen Geschichtsschreibung auf. Es geht ihr darum, die "Kompartementalisierung von europäischer und außereuropäischer Geschichte" zu überwinden, indem Ersterer globale Perspektiven und Letzterer ein Weg aus ihrem "Getto-Dasein" eröffnet werden. Grundvoraussetzung dafür sei, dass sich die europäische Historiographie von ihrem Selbstverständnis verabschiede, "gewissermaßen der Hausherr und Gastgeber" zu sein, "der andere einladen könne - oder ihnen eben auch aufgrund des Fehlens gewisser Voraussetzungen das Gastrecht entziehen kann". Doch allein der Hinweis darauf, die europäische und außereuropäische Geschichte seien miteinander verflochten, reiche noch nicht aus. Wie genau aber lassen sich diese Verflechtungen erfassen?

Diese Fragen erörtert das Buch am Beispiel der Kategorie Bürger. Deutlich wird dabei, dass es nicht darum gehen kann, einen auf Europa bezogenen Bürgerbegriff als Maßstab zu setzen und Entwicklungen in Nordindien als - defizitäre - Abweichungen zu interpretieren. Ebenso wenig vielversprechend erscheint der Autorin, ausschließlich mit lokalen Begrifflichkeiten wie khawas oder ashraf zu operieren, wenn nicht nur eingeweihte Kollegen angesprochen werden sollen. Ihr gleichsam pragmatischer Ansatz besteht darin, den Begriff "Bürger" beizubehalten mit dem Ziel, "das Universum der inneren Bilder, die mit ihnen verbunden sind, jedoch zu erweitern". Und es gelingt ihr überzeugend, den Bürgerbegriff so weiterzuentwickeln, dass nach Lektüre des Buches ein Bürger eben nicht nur mit Zylinder, sondern auch mit Turban vorstellbar wird.

Lediglich skizzenhaft thematisiert Pernau am Ende, auf welche Weise Forschung zu indischen Muslimen auch Anregungen für die deutsche Geschichte bereitstellen könnte, etwa in Bezug auf die Frage der Grenzen zwischen den Religionsgemeinschaften. Hier eröffnet dieses Buch ein weiteres großes Feld und deutet an, dass sich ein Vergleich indischer und deutscher Geschichte auf der Grundlage von Konzepten, die zunächst für den indischen Fall erarbeitet wurden, für beide Seiten als fruchtbar erweisen kann. Eine reflektierte und differenzierte Verflechtungsgeschichte, wie sie Pernau in ihrer Studie bietet, birgt demnach auch die Möglichkeit einer wahrhaft "verflochtenen Historiographie".

ANDREAS ECKERT

Margrit Pernau: "Bürger mit Turban". Muslime in Delhi im 19. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 404 S., geb., 49,90 [Euro].

Buchtitel: Bürger mit Turban
Buchautor: Pernau, Margrit

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2008, Nr. 230 / Seite 38

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben