Ordnung ist die halbe Straße

20. August 2007 Hausnummern dienen dem modernen Stadtbewohner zur Orientierung. Man merkt das nicht zuletzt dann, wenn sie fehlschlägt. Wer in Venedig eine Hausnummer sucht, sollte das Quartier kennen. Wer sich in Paris oder Wien auf die Suche macht, hat es mit einem anderen System als etwa in Berlin zu tun. Hat man sich oft genug vertan, fragt man sich irgendwann einmal, wie es zu diesen verschiedenen Arten der Nummerierung gekommen sein mag und wann sie überhaupt eingeführt wurden.

Zur Beantwortung solcher Fragen kann man nun zu einem Bändchen des österreichischen Historikers Anton Tantner greifen ("Die Hausnummer". Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung. Jonas Verlag, Marburg 2007. 80 S., geb., Abb., 15,- [Euro]). In ihm lernt man gleich als Erstes, dass die Nummerierung von Häusern mitnichten zum Nutzen der Stadtbewohner erfunden wurde. Die im Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung aufkommende Praxis verdankte sich vielmehr obrigkeitlichen Kontrollansprüchen. Sie entstand im Überschneidungsgebiet von Militär, Fiskus und vormoderner Polizeiwissenschaft. Der durch Adressierung sichergestellte Zugriff auf die Häuser zielte auf die Erfassung der in ihnen lebenden Untertanen. Die Steuer- wie die Militärbehörden hatten ein naheliegendes Interesse daran, Häuser mit ihren Bewohnern halbwegs stabil zu verknüpfen. Zwar wurden Häuser immer schon benannt, aber diese Namen waren oft nicht eindeutig und blieben im Bereich eines bloß lokalen Gebrauchs.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass die frühe Geschichte der Hausnummerierungen auch eine des Widerstands gegen diesen obrigkeitlichen Verwaltungsakt ist. Als man ihn im Zuge seiner europaweiten Verbreitung von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an in Wien zum ersten Mal erwägt, versucht man der Bevölkerung die Neuerung mit dem Argument schmackhaft zu machen, auf diese Weise liederliche und gefährliche Leute besser ausfindig machen zu können. Recht überzeugend dürfte das nicht gewesen sein. Der Zusammenhang der Hausnummern mit Konskriptionslisten lag deutlich zutage. Die 1770 beginnende Hausnummerierung in einigen Teilen der Habsburgermonarchie diente der Vorbereitung eines neuen Rekrutierungssystems, das Joseph II. schließlich wegen des Widerstands aus der Bevölkerung zurücknehmen musste. Dass die Hausnummern mitgemeint waren, zeigte der obrigkeitlich zugestandene Festakt: Sie wurden beim Spiel von Militärmusik und gleichzeitigem Abfeuern von Geschützen entfernt.

Aber vom neunzehnten Jahrhundert an war der Siegeszug der Hausnummern dann nicht mehr aufzuhalten. Berlin kam 1799 an die Reihe. Nach Verfügung des preußischen Königs wurde straßenweise nummeriert, zuerst eine Seite hinauf, dann die gegenüberliegende hinunter. Das war zwar übersichtlicher als die älteren Methoden der ortschaftsweisen und viertelweisen Durchnummerierung. Aber weitere Verbreitung fand das System, das in Paris 1805 eingeführt worden war: gerade Nummern auf der einen, ungerade Nummern auf der anderen Straßenseite. Exotischer nahmen sich dagegen blockweise vergebene Nummern wie in Madrid oder Mannheim aus.

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Die Hausnummer
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Zum Widerstand von unten kam manchmal auch die Gegenwehr von Adligen, die ungern Nummern an ihren Stadthäusern oder gar Stammsitzen angebracht sahen. Mit gewöhnlichen Untertanen wollte man auf diese Weise nicht gleichgestellt werden. Oder wenn schon, dann sollten die Nummern zumindest eine andere Farbe haben. Daraus wurde nichts, und eine der hübschesten Volten zeigt die Wiener Antwort an den verstimmten ungarischen Adel: Es verstehe sich, dass alle "Honoratiores, Nobiles oder auch Magnaten, wer es immer ist, keine Scheu tragen müssen, dass sie mit ihrer Familie aufgezeichnet und ihre Schlösser numerotiert werden, da es selbst die Kaiserliche Burg ist".

Eine bis ins neunzehnte Jahrhundert gängige Praxis der Habsburgermonarchie etablierte dagegen durchaus eine Unterscheidung: Im Unterschied zu allen anderen Häusern waren jene, die Juden gehörten, mit römischen Zahlen bezeichnet. Wurde ein solches Haus von einem Christen gekauft oder auch umgekehrt ein "christliches" Haus von einem Juden erstanden, waren die Behörden dann einige Zeit mit dem Vorgang der Umnummerierung beschäftigt. Dieser Vorgang konnte auch nötig werden, wenn Straßenzüge verändert, Vorstädte eingemeindet wurden oder das Nummerierungssystem selbst geändert wurde. Dann durften die Ämter zeigen, was behördlicher Ordnungswille gegen die Fährnisse drohender Nummernunordnungen zu leisten imstande war.

Roland Barthes war, als er Anfang der sechziger Jahre einer Einladung nach Tokio folgte, fasziniert von dem Umstand, sich in einer Stadt ohne Adressen zu bewegen. Ganz sicher war man sich seinerzeit nicht, als man das im "Reich der Zeichen" las, ob Barthes nicht ein paar Zeichen übersehen hatte. Städte ohne nummerierte Häuser werden auf jeden Fall selten im einundzwanzigsten Jahrhundert. In Addis Abeba, so der Autor, werden die Nummern gerade mit deutscher Hilfe eingeführt. Seoul soll 2010 so weit sein. Am vorläufigen Schlusspunkt ihrer eindrucksvollen Geschichte entpuppt sich die Hausnummer auch noch als Globalisierungsgewinner.

HELMUT MAYER

Buchtitel: Die Hausnummer
Buchautor: Tantner, Anton

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2007, Nr. 192 / Seite 35

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