Joseph, Derrida und Sloterdijk

16. Juli 2007 Pharao träumt unruhig, und die einheimischen Experten sind ratlos. Der Herrscher mag ahnen, dass das Reichsschicksal auf dem Spiel steht, denn, so glaubte die alte Welt, wenn ein Großer schon einmal träumt, dann handelt es sich zwingend um Allerbedeutendstes; nicht um private Belange, sondern um Botschaften der Götter an die Staatsspitze. Aber was hat es mit den sieben schönen, fetten Kühen und den sieben hässlichen, mageren auf sich? "Da es Morgen ward, war sein Geist bekümmert; und er schickte aus und ließ rufen alle Wahrsager in Ägypten und erzählte ihnen seine Träume. Aber da war keiner, der sie dem Pharao deuten konnte" (1. Moses 41, 8). In dieser Situation muss man auch ungewöhnliche Wege ins Auge fassen. Ein Fremder ist im Land, er schmachtet im Kerker: Joseph, der junge Hebräer. Und er löst mit Gottes Hilfe das, wie sich zeigt, wirtschaftspolitische Rätsel, an dem die Ägypter gescheitert waren.

Ein hübscher Überlegenheitsmythos des auserwählten Volkes über die Heiden, des einen Gottes über die vielen Götzen. Denn dies ist der eigentlich faszinierende Teil von Josephs Traumdeutung: dass sich in ihrer Schilderung ganz nebenbei der Wachtraum, die Wunschvorstellung des jüdischen Volkes ausspricht, eines Tages gegenüber allen jetzt noch mächtigen Großreichen zu obsiegen, ein Tagtraum, den erst die Propheten dann ganz ausformulierten, etwa in dem messianischen Bild von Jesaia 60: "Fremde werden deine Mauern bauen, und ihre Könige werden dir dienen."

Peter Sloterdijks neues Buch, ein schöner, von Bewunderung und Dankbarkeit geprägter Essay über Jacques Derrida und dessen tatsächliche oder ideelle Zeitgenossen, nimmt das Verhältnis zwischen Juden und Ägypten als Leitmotiv ("Derrida ein Ägypter". Über das Problem der jüdischen Pyramide. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 73 S., br., 7,- [Euro]). Nicht nur Freuds späte Moses-Studie, sondern auch Thomas Manns Josephs-Trilogie kommt in den Blick. Sloterdijk formuliert Josephs Überlegenheit hermeneutisch: "Tatsächlich könnte ein mittels zweiter Entstellung nach Ägypten eingeschleppter alerter Heteroägypter die Fähigkeit mitbringen, die Homoägypter besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen . . . Zu ägyptischen Erfolgen gelangt der mit leeren Händen Angekommene, wie man weiß, ausschließlich über den schmalen Grat der Kunst, die für die Ägypter nichtlesbaren Zeichen zu lesen - im gegebenen Fall über die Traumdeutung."

Man sollte versuchen, einen Schritt hinter diese sicherlich für die Heutigen eingängigen zeichentheoretischen und hermeneutischen Formeln zurückzugehen, und sich die simple Frage stellen: Ist es denn wahr, oder auch nur wahrscheinlich, dass Josephs Traumkunde der einheimisch-ägyptischen voraus war? Hat der anmutige Überlegenheitsmythos einen Grund in der Sache? Schnell bemerkt man, dass die Dinge anders liegen. Josephs Deutung geht in keinem Moment über das hinaus, was die Antike sich landauf, landab von der Traumdeutung zu erzählen wusste. Herodots Geschichte des persischen Großkönigs Kyros ist das bekannteste Beispiel. Astyages, ein medischer König, war mit der Tochter des lydischen Königs Alyattes verheiratet. Die gemeinsame Tochter war Mandane. Astyages nun träumte, Mandane lasse so viel Wasser, dass seine Hauptstadt Ekbatana davon überflutet wurde. Mandane wird vorsorglich an Kambyses verheiratet, einen bloßen Vasallen. Dieser Ehe entstammt der später große König Kyros. Und Astyages träumt erneut: Mandanes Schoß entwachse ein Weinstock, der einmal ganz Asien überschatten werde. Das Kind - denn auf dieses beziehen sich die beiden Träume - soll erst getötet, dann ausgesetzt werden, überlebt aber und begründet die neue Hegemonialmacht. Träume dieser hochpolitischen Natur, Königsträume, bedurften also keineswegs zwingend des hinzutretenden Fremden, um verstanden zu werden.

Die neuere Version des xenophilen Mythos findet sich in Georg Simmels Exkurs über den "Fremden" in der Soziologie des großen Denkers, und auf diese Darstellung dürfte Sloterdijks These von Josephs "hermeneutischer Überlegenheit" zurückgehen. Simmel sprach von der "Objektivität" des Fremden gegenüber den Autochthonen: "Weil er nicht von der Wurzel her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, steht er allen diesen mit der besonderen Attitüde des ,Objektiven' gegenüber, die nicht etwa einen bloßen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet, sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit ist."

Man könne, so schreibt Simmel, "Objektivität auch als Freiheit bezeichnen. Der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis, seine Abwägung des Gegebenen präjudizieren könnten." Zweifellos eine Idealisierung der Rolle des Fremden: Denn dieser kann natürlich ebenso gut, ebenso wahrscheinlich die lokalen Verhältnisse in ihrer gleichsam ökologischen, aufeinander eingestimmten, kontextuellen Natur kognitiv verfehlen. Das für ihn Ungewöhnliche mag dem Fremden als das schlechthin Sinnwidrige erscheinen, als Ausgeburt des Vorurteils - hier gibt es ebenso viele Möglichkeiten des Ver- wie des Erkennens. Sloterdijks metaphysischer Josephs-Philosemitismus und seine soziologische Xenophilie sind historisch naiv.

LORENZ JÄGER



Buchtitel: Derrida ein Ägypter
Buchautor: Sloterdijk, Peter

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2007, Nr. 162 / Seite 37

 
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