05. Dezember 2007 Die angenehmsten Profis sind die, die ihr Spezialgebiet nicht übertrieben wichtig nehmen. Nicole Hoefs und Petra Führmann gehören zu dieser Sorte. Ihr neues Buch "Was liest der Hund am Laternenpfahl?" legt das jedenfalls nahe. Sie kennen sich mit Hunden gut aus, machen aber daraus keine Religion. Man kann Hunde fanatisch lieben, man kann sie auch hassen, oder man findet sie vielleicht nur nett. Die meisten von uns fallen vermutlich in die dritte Kategorie. Ein Leben mit Hund ist angenehm, aber wenn die Umstände es verhindern, dann ist das keine Katastrophe. Wer sich in dieser Beschreibung wiedererkennt, gehört zur Zielgruppe. Nach der Lektüre weiß man ein bisschen mehr, und man hat sich gut amüsiert.
Eigentlich ist das Buch eine Art Steinbruch. Der Untertitel "140 Fragen und Antworten rund um den Hund" sagt alles. Die Informationen werden in einzelnen Happen serviert, und so manche Frage ist offensichtlich erst nach der vorhandenen Antwort entstanden. Wer gilt als der "Vater" aller Rettungshunde? Warum sind manche Hunde Spielverderber? Welches war das erste Buch über Hunde? Werden Hunde von Schokolade blind? Wie mache ich meinen Hund zum 5-Sterne-Gourmet? Haben Behindertenbegleithunde ein Helfersyndrom? Dahinter stecken - durchaus interessante - kleine Geschichten.
Hunde sind eine größere Anschaffung, so wie Autos, Lebensversicherungen oder Ehemänner. Man kennt sich vermeintlich aus, und dann unterläuft einem doch ein dummer Fehler. Ein paar grundlegende Informationen sind ganz hilfreich. Die Autorinnen verdienen ihr Geld mit Tätigkeiten wie dem Trainieren von Haushunden oder dem Verkauf von Hundezubehör. Auf die spezialisierten Tiere, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten müssen, sei es als Schlittenhund, auf dem Rennplatz oder bei der Rauschgiftfahndung, gehen sie weniger ein. Gerade da gäbe es natürlich manch aufregende Geschichte zu erzählen, aber das wäre ein anderes Buch. Hier geht es darum, dass die Reihenhausbewohnerin aus Aschaffenburg lernt, ihren Pudel oder die Dogge des Nachbarn ein wenig besser zu verstehen. Dazu gehört auch etwas Wissen über seine wilden Vorfahren vor 10 000 Jahren und seine Verwandten auf anderen Kontinenten, aber das alles steht nicht im Zentrum.
Nur ein Rassehund ist ein Klassehund. Wer das glaubt, der gibt vielleicht zu viel auf äußere Schönheit. Viele Hunderassen wurden ja seinerzeit für einen bestimmten Zweck gezüchtet. Ein Jagdhund hat das Bedürfnis zu jagen und ein Hütehund das Bedürfnis zu hüten. Solche Eigenheiten sind bei einem Familienhund nicht immer erwünscht. Deshalb sollte man sich vorher informieren, reinfallen kann man trotzdem noch. Genaueres steht nicht im vorliegenden Buch, aber es weckt zumindest das entsprechende Problembewusstsein. Über Hunde kann man auch in unseren politisch korrekten Zeiten noch rassistisch reden. Wenn der DNA-Nobelpreisträger James Watson neulich nur behauptet hätte, dass ein schwarzer Scottie dümmer ist als ein West Highland White Terrier, dann wäre es ihm vermutlich erspart geblieben, fristlos entlassen zu werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass kleine Rassen im Durchschnitt langlebiger sind als große. Man möchte ja im Verlaufe seines Lebens den Hausgenossen möglichst selten gegen ein neues Modell austauschen müssen.
Der Reiz eines solchen Buchs besteht natürlich auch darin, dass man nach der Lektüre am Stammtisch Geschichten erzählen kann, die verblüffen. Drei schöne Beispiele: Früher wurden sogenannte Laufradhunde als Antrieb für Maschinen verwendet, zum Beispiel bei der Butterherstellung. In Amerika setzt man Hunde zur Insektensuche ein. Sie können einen Befall durch Termiten feststellen, noch bevor das Ungeziefer das Nussbaumbett aufgefressen hat. Und drittens: Der Hund wurde bereits domestiziert, ehe wir Menschen Ackerbau und Viehzucht erfanden. Wann, wo und wie das geschah, ist nicht genau bekannt, aber auf jeden Fall sind Hunde die ältesten Haustiere. Sehr hundeliebe Wissenschaftler vertreten gar die Theorie, dass erst der Hund aus dem Affen einen Menschen gemacht hat, doch das ist umstritten.
Was uns von unseren vierbeinigen Freunden trennt, ist das Reich der Sinne. Sie leben in einer Welt, die wir uns noch nicht einmal vorstellen können. Das gilt natürlich auch für Krokodile, aber mit denen teilen wir nicht das Heim. Wie die meisten Säugetiere hat auch der Hund Augen mit Photorezeptoren, die nur zwei (statt wie bei uns drei) Farben unterscheiden. Der Blindenhund an der Ampel differenziert nicht zwischen Rot und Grün, aber natürlich zwischen oben und unten, das reicht ja auch.
Was den Hunden an Sehfähigkeit fehlt, wird beim Geruchssinn mehr als ausgeglichen. Teilweise sind sie da hundertmillionenfach besser als wir. Deshalb ist der Laternenpfahl sozusagen die Zeitung des Hundes.
ERNST HORST
Nicole Hoefs, Petra Führmann: "Was liest der Hund am Laternenpfahl?" 140 Fragen und Antworten rund um den Hund. Kosmos Verlag, Stuttgart 2007. 192 S., 65 Cartoons von Heinz Grundel, geb., 12,95 [Euro].
Buchtitel: Was liest der Hund am Laternenpfahl?
Buchautor: Hoefs, Nicole
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2007, Nr. 283 / Seite 38