Auf der Zornsparkasse

24. September 2006 Gegenüber vom Sommerhaus des Philosophen befindet sich eine zehn Meter hohe Felswand. Das idyllische Provence-Dörfchen ist um einen Berg herumgebaut. Von ganz oben kann man den Mont Ventoux sehen. In der Felswand hängt ein Klavier. Ein echtes Klavier. Es ist an einem Bergsteigerhaken in etwa fünf Meter Höhe fixiert. Der Philosoph schaut nach oben, scheint einen Moment über den Verfremdungseffekt zu meditieren und bemerkt dann, wie um etwas zu entschuldigen: "Das hat irgendein Spaßvogel dorthin gehängt."

Im Dorf wohnen tatsächlich komische Vögel. Im Bistro neben dem Parkplatz sieht man junge Pariser aus dem Internet- oder Designsektor, die schon mal zum Spaß ein Klavier in eine Felswand hängen könnten. Aber noch sind die runzligen, alten Provenzalen und der Lavendelbauernnachwuchs in der Mehrzahl.

- "Sind Sie manchmal zornig, Herr Sloterdijk, oder haben Sie wie die Stoiker diese Leidenschaft bezwungen?"

- "Ich habe mit dem Zorn eigentlich ganz gute Erfahrungen gemacht."

Wer Sloterdijks neues Buch, "Zorn und Zeit", gelesen hat, in dem er nichts weniger versucht, als die Deutung der gesamten westlichen Geschichte als Geschichte des Zorns, weiß, worauf er anspielt: Sublimation, die Verwandlung roher Triebsubstanz in Produktivität, sei für einen ausgeglichenen Lebenslauf nicht nur auf der Ebene des Erotischen empfehlenswert, schreibt er dort. Sondern auch auf der des "Thymotischen", der Ebene des Zorns. Die Geschichte der westlichen Überlieferung hebt mit der Beschwörung des Zorn-Gefühls an: "Den Zorn singe, Göttin, des Peleussohns Achileos, / Den unheilbringenden Zorn . . ." So lauten die ersten Zeilen von Homers Ilias. Mit dem Zorn fing alles an.

Bhagwans Empfehlungen

Zornig hat man den notorisch und programmatisch gelassenen Philosophen, der im ZDF die einsame Intellektuellennische namens "Philosophisches Quartett" mit sympathischem Phlegma moderiert, öffentlich nur einmal erlebt: Als man ihn nach seiner Elmauer Rede "Regeln für den Menschenpark" (1999) über Humanismus, Heidegger und Gentechnik verdächtigte, einer menschenverachtenden Züchtungsideologie das Wort zu reden. Damals bezeichnete er in einem ebenso grundzornigen wie komischen Zeitungsartikel die Polemiken seiner Angreifer als das "Schnattern der kapitolinischen Gänse", die "Angst vor den Galliern haben". Wenn Sloterdijk heute noch, da er im Ausland längst als wichtigster deutscher Philosoph neben Jürgen Habermas anerkannt ist und dort ausführlich rezipiert wird, überhaupt noch Grund hat, zornig zu sein, dann versteht er es, die Zornkräfte geschickt zu nutzen. Seit dem "Menschenpark"-Eklat hat er vier Bücher, fast dreitausend Seiten philosophischer Prosa, veröffentlicht. Das Thymotische ist die zentrale Begriffsprägung in "Zorn und Zeit": Griechisch "thymós" heißt das Organ, das nach der Säftelehre der antiken Medizin für die zornige Aufwallung verantwortlich ist. Sloterdijk stellt in "Zorn und Zeit" den Thymós dem Eros an die Seite und will damit die Anthropologie der Psychoanalyse korrigieren, die den Menschen bisher nur als "Hampelmann der Liebe porträtierte" - als hormongebeuteltes Sexmonstrum unter Sublimierungszwang. Zornig ist man nach Freud dann, wenn der Eros unzureichend sublimiert werde oder Liebesdinge in ihr haßerfülltes Gegenteil umschlügen. An der Psychoanalyse läßt Sloterdijk kaum ein gutes Haar: "Von Ferne weiß die kühlere Jugend unserer Tage noch, was es mit Narziß und Ödipus auf sich hatte - an ihren Schicksalen nimmt die dennoch eher gelangweilt Anteil. Sie sieht in ihnen keine Urbilder des Menschseins mehr, sondern bedauernswerte, im Grunde ziemlich belanglose Versager."

Mit der Einführung dieser zweiten Grundkraft neben dem Eros, dem Thymós, dem zornbildenden Trieb, hat Sloterdijk ein ebenso simples wie verblüffend stimmiges Schema für seinen "politisch-psychologischen Versuch" gefunden, wie "Zorn und Zeit" im Untertitel heißt. Psychologisch ist sein Essay im Sinne Nietzsches, der sich, wie heute Sloterdijk, als Diagnostiker der individuell wie kollektiv wirksamen Kränkungsfolgen, der "Ressentiments", verstand. Der Zorn reagiert bei Sloterdijk auf die psychischen Kräfte des Eros und erzeugt kulturbildende "Symptome" wie Stolz, Ambition, Ehre, Selbstbehauptungswillen, aber auch zerstörerische Kräfte wie Empörung, Aggression oder Kampfbereitschaft. Die "thymós-vergessene therapeutische Kultur" jedoch greife zu kurz, wenn sie zu der Vorstellung Zuflucht nehme, daß Thymotiker nichts anderes seien als Opfer eines neurotischen Komplexes.

Der Philosoph sitzt in dem winzigen Vorhof seines Hauses, des ehemaligen Pfarrhauses des Dorfes, zwischen großen Oleandern, die gerade so zwischen Gartentisch und Hofmauer passen. Er trinkt Tee, seine beste Schreibstimulanz - neben einer Cohiba ab und zu. Ob er zur Kompensation seiner thymotischen Kräfte heute noch irgendeine Meditationspraxis ausübe? "Fahrrad fahren. Sie haben einen Mann vor sich, der bei guter Kondition in drei Stunden den Gipfel des Mont Ventoux bezwingt." Körperliche Anstrengung sei ihm schon von Bhagwan Shree Rajneesh empfohlen worden, als er Ende der Siebziger in dessen Ashram war. Wie die meisten seines Alters habe auch er sein therapeutisches Jahrzehnt gehabt, aus dem aufzutauchen dann schließlich doch ein großes Aufatmen gewesen sei. Bhagwan habe den Persönlichkeiten, die eher für die Vita activa disponiert waren, die introspektiven Meditationstechniken empfohlen und denen, die wie er ohnehin auf die Kontemplation ausgerichtet waren, die eher körperlichen.

"Zorn und Zeit" bezieht sich auf Heideggers Hauptwerk, weil Sloterdijk den Zorn als zeitstiftende Kraft für mächtiger hält als Heideggers kryptotheologisches "Sein-zum-Tode". Bei diesem entspringt aus der Reflexion des Endes die "existentiale Zeit". Bei Sloterdijk ist der Zornige, der ein Racheziel hat, "der erste, der nicht nur in Geschichten lebt, sondern auch Geschichte macht": Das Dasein könne sich ebensogut daran orientieren, daß es als Ganzes "die Strecke von der Kränkung zur Rache durchläuft. Aus solcher Hingespanntheit auf den entscheidenden Augenblick entspringt die existentiale Zeit - und diese Stiftung eines Seins-zum-Ziele ist mächtiger als jede vage heroische Meditation des Endes."

Der explosive Mensch

Sloterdijk analysiert mit diesem Rüstzeug nun die großen kollektiven Zornphänomene der Geschichte. Daß er in seinem Durchgang durch die westliche Historie dabei Jakobinismus, Stalinismus und Faschismus direkt auf die monotheistischen Religionen folgen läßt, mag für manche anstößig erscheinen - für die, die Nietzsches Kritik von Platonismus, Judentum und Christentum nichts abgewinnen können. Aber bei genauerem Hinsehen würdigt Sloterdijk den biblischen Gerechtigkeitsgedanken ebenso wie das Liebesgebot des Christentums. Doch im Monotheismus kann sich eben auch das manifestieren, was Sloterdijk mit dem Begriff der "Zornbank" erklärt: Individuelle Zornpotentiale werden kollektiv organisiert und über Räume und Zeiten unheilvoll weitergegeben. Dabei verwendet Sloterdijk die Allegorie des Bankwesens für die institutionell gebündelten Zornprojekte. Der Zorn in seiner diffusen Anfangsgestalt wird von Zornbanken und -sparkassen zu höheren Organisationsgraden entwickelt. Dadurch entsteht aus individueller Emotion das politische Programm. Und mit der Zeit wird ein weltgeschichtliches Revolutionsprojekt zugunsten der Erniedrigten und Beleidigten wirksam.

Neben den revolutionären Bewegungen beschreibt er auch die monotheistischen Religionen als Zornbanken. - Was hält er selbst von der angeblichen Wiederkehr des Religiösen? Praktiziert er eine Religion? Der Philosoph tätschelt seinen Hund, mit dem seine Frau gerade Gassi gehen will. "Meiner Ansicht nach hat das Interesse an Religion die Religion selbst allmählich zu ersetzen. Übrigens: füllt sich ein Mensch dauerhaft mit Gott, wird er Fanatiker oder Psychotiker - er wird explosiv."

Der Monotheismus in seinen historischen Gestalten - nicht als philosophische Idee - funktionierte als "metaphysische Rachebank": Sintfluten, Apokalypsen, Höllenstrafen - die Droharsenale der prophetischen, apostolischen oder dschihadistischen Zornbänke sind prall gefüllt, auch wenn die beiden ersteren zumindest zwischenzeitlich befriedet scheinen und im 20. "Jahrhundert der Extreme" durch noch grausamere säkulare Zornanstalten ersetzt wurden. In einer pointierten Analyse des Links-Faschismus, den Sloterdijk mit den Jakobinern beginnen läßt und über den Marxismus-Leninismus-Stalinismus bis 1989 verfolgt, zeigt er ein Panorama der geschichtlichen Zornstrukturen, unterbrochen von Phasen der "zweiten Chancen und dritten Orte", sozusagen zum Ausruhen von der Geschichte.

Die frohe Botschaft Sloterdijks ist, daß die Geschichte als chronischer Wutanfall mit der Implosion der Zorn-Ideologien vorbei ist. Auch der militante Islamismus oder der "War against Terrorism" sind keine Ausnahme: "Das gleichzeitige Auftauchen des Terrorismus im Außenverhältnis der westlichen Zivilisation und einer neuen sozialen Frage in ihren Innenverhältnissen darf gerade nicht als Indiz für eine ,Rückkehr' der Geschichte verstanden werden. Der Modus vivendi des Westens und seiner Filialkulturen ist in den wesentlichen Punkten tatsächlich nachgeschichtlich in einem technischen Sinn (das heißt: formal nicht mehr am Epos und an der Tragödie orientierbar; pragmatisch nicht mehr auf den Erfolgen des unilateralen Aktionsstils aufzubauen) - und eine Alternative zu ihm, die Rückfälle in historische Drehbücher lancieren könnte, läßt sich beim gegenwärtigen Stand der Dinge nirgendwo erkennen."

Nach Sloterdijk ist das liberale, auf Koexistenz aufbauende "Weltsystem" etabliert, der Terrorismus ist tödlich-absurdes Medientheater von Leuten, die schlechte Verlierer sind. "Große Politik" geschehe heute ausschließlich noch "im Modus von Balanceübungen". Die geschichtliche Zeit war "Lernzeit für Zivilisierungen". Worauf zu hoffen ist, ist "ein Set von interkulturell verbindlichen Disziplinen" - eine "Weltkultur", die ihren Namen verdient.

Endlich ankommen in der Welt und nicht mehr nur Fremdling sein auf Erden - was für ein Traum. In Sloterdijks Hauptwerk, den drei kiloschweren Bänden der "Sphären", ging es um die metaphysische und terrestrische Wohnbarmachung der Welt. "Zorn und Zeit" zeigt die unappetitlichen Geburtswehen unseres Zeitalters der Nach-Geschichte. Der Philosoph Sloterdijk, dieser Spezialist in Dingen des Wohnens, macht noch eine kleine Führung durch sein schönes Provence-Häuschen, das sich nach hinten zu einem Terrassengarten öffnet, mit einem atemberaubenden Blick über die Ebene. Und er zeigt sein High-Tech-Mountain-Bike, mit dem er heute nachmittag noch eine Tour machen will.

MARIUS MELLER

Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit - Politisch-psychologischer Versuch". Suhrkamp 2006. 22,80 Euro



Buchtitel: Zorn und Zeit - Politisch-psychologischer Versuch
Buchautor: Sloterdijk, Peter

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 28

 
Mehr als 30.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche