Straßenrennen

Alle für Deutschland, alle für Jan Ullrich

Von Evi Simeoni, Athen

Und wohin? Zabel, Voigt, Rich in Athen

Und wohin? Zabel, Voigt, Rich in Athen

13. August 2004 Schul-Sportfest in Athen. Vier von fünf deutschen Radrennfahrern, die sich an diesem Samstag beim olympischen Straßenrennen durch die Altstadt fädeln werden, kennen sich schon von der Penne, sie besuchten gemeinsam die Kinder- und Jugendsportschule in Berlin.

Da ist Jan Ullrich, der Olympiasieger von 2000 in Sydney und Kapitän der Nationalmannschaft. Erik Zabel, der wichtigste Mann, wenn das Rennen im Sprint entschieden werden sollte. Andreas Klöden, der Tour-Zweite, der sich trotz seiner glänzenden Empfehlung der Teamstrategie unterordnen wird. Und Jens Voigt, der nun endlich einmal wieder "für Ulli" fahren kann. "Es wird sein wie in alten Zeiten", sagt der 32jährige Profi.

Erst T-Mobile, jetzt Deutschland

Normalerweise sind die Jungs nämlich Gegner. Ullrich, Zabel und Klöden stehen beim T-Mobile Team unter Vertrag, Voigt hingegen tritt für das dänische Team CSC in die Pedale. Michael Rich, der fünfte im Bunde, ist der einzige, der geographisch aus dem Ost-Rahmen des deutschen Olympiateams fällt - er ist Freiburger. Normalerweise startet er für das Team Gerolsteiner. Doch wer auch immer sie im Alltag bezahlt: Bei Olympia sollen die Verpflichtungen des einzelnen gegenüber ihren Rennställen keine Rolle spielen. "Wir sind eine Einheit und werden alle an einem Strang ziehen", betont Voigt.

"Verkehrte Welt", sagt Mario Kummer. Doch die Doppelrolle dieses Mannes zeigt schon, daß die Grenzen in Wirklichkeit fließend sind. Kummer ist nicht nur der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, sondern auch Teamchef von T-Mobile. Er habe, sagt er zwar, für Athen die magentafarbene durch die schwarz-rot-goldene Brille ersetzt. Doch ein Blick zurück auf Jan Ullrichs Olympiasieg in Sydney zeigt, daß das Denken eines echten Radsport-Strategen in allen Farben schillert. Damals stellte sich Kummers Vorgänger Rudy Pevenage beim damaligen Team Telekom mit einer Funkausrüstung an den Streckenrand und dirigierte seine Leute zum Ullrich-Gold. Der wichtigste Helfer des Deutschen war in Sydney zum Beispiel der Kasache Alexander Winokurow, dem immerhin die Silbermedaille blieb vor dem deutschen Stallgefährten Andreas Klöden. Auch Jens Voigt, damals bei Credit Agricole unter Vertrag, unterstützte natürlich, eingebettet in das Team Telekom, mit aller Kraft seinen Schulkameraden Ullrich. Als guter Deutscher, gewissermaßen.

Voigt: "Ich werde in Athen für Jan sterben"

Damals beschimpfte ihn noch niemand als Vaterlandsverräter, und auch während der jüngsten Tour de France taten das nur fanatisierte Ahnungslose. Beim Zeitfahren nach Alpe d'Huez gingen tatsächlich Hooligans auf Voigt los, die ihm übelnahmen, daß er tags zuvor nicht seinen Landsmann Jan Ullrich bei dessen Attacke unterstützte, sondern sich für seinen Teamkapitän Ivan Basso und damit zwangsläufig auch für Ullrichs Rivalen Lance Armstrong einsetzte. Doch was hätte er machen sollen? Schließlich wird er von seinem Team CSC bezahlt und kann nicht aus Sentimentalität zum Gegner überlaufen. Daß die Leute das nicht verstehen wollten, hat Voigt tief verletzt. "Ich werde in Athen für Jan sterben", kündigte er an, als wäre diese Aussicht für ihn ein Trost.

Heute reagiert er auf Fragen nach seinem Rollenverständnis ungehalten. "Fragen Sie denn einen Handballer, der hier in Athen startet, auch, ob er nicht lieber für Wallau/Massenheim spielt?" Voigt, der für seine offensive Fahrweise bekannt ist, soll, so die gemeinsame Strategie, in Athen in möglichen Ausreißergruppen mitfahren und so dafür sorgen, daß Ullrich für eine eventuelle Attacke und Zabel für einen eventuellen Sprint frisch bleiben. Im günstigsten Fall kann Voigt, einmal aus strategischen Gründen in der Spitzengruppe, nicht verhindern, daß er in diesem Pulk auch das Ziel erreicht. "Wer weiß", sagt er, "vielleicht komme ich durch und entscheide das Rennen."

Flexibles Taktieren ist gefragt, denn die Nationalmannschaften verfügen nur über fünf Fahrer, sodaß keine das Rennen wird kontrollieren können. Als allzu schwer schätzen die Profis den Kurs im übrigen nicht ein. 17 Runden a 13,2 Kilometer führen am Fuß der Akropolis durch die Stadt, immerhin ist der 175 Meter hohe Berg Lycabettus in die Streckenführung einbezogen.

Ärger über Dopingkontrolle

Sieben T-Mobile-Profis sind am Start, also vier in Nicht-Deutschen Teams. Alexander Winokurow, der nach einem schweren Sturz bei der Schweiz-Rundfahrt auf die Tour de France hatte verzichten müssen, geht diesmal seinen eigenen und den kasachischen Interessen nach, Sergej Jakowlew wird ihm dabei helfen. "Winokurow fährt voll auf eigene Kappe", sagt der Teamchef. "Und die Italiener würden auf die Barrikaden gehen, wenn Daniele Nardello für Ullrich fahren würde." Schließlich hat Italien mit Paolo Bettini seinen eigenen Kapitän. Als weiterer T-Mobile-Fahrer hat sich Santiago Botero für Kolumbien qualifiziert.

So unterschiedlich die nationalen Interessen sein mögen: In einem waren sich die Fahrer aus aller Herren Länder einig, die am Freitag morgen in einen Bus zur Polyklinik des Olympischen Dorfes gestiegen waren. Die vom Internationalen Radsportverband (UCI) angesetzte Dopingkontrolle war reine Zeitverschwendung. Und das wahrscheinlich nicht, weil sich die Rennfahrer gegenseitig für sauber hielten. Die Blutkontrolle, zu der sie sich versammelt hatten, fand am Ende nach einem Protest der niederländischen und italienischen Teams aus formalen Gründen gar nicht statt, weil die UCI bei Olympia nicht zuständig ist.

So hätten die Deutschen doch besser ihrem Nationalen Olympischen Komitee ihre Aufwartung gemacht, das die weltberühmten radelnden Olympier der Presse präsentieren wollte. Schließlich findet auch Jens Voigt, daß es "etwas ganz besonderes ist, das Nationaltrikot auf dem Rücken zu tragen." Nach dem Einzelzeitfahren am Mittwoch tauschen sie es denn auch rasch wieder gegen ihr Alltagskleid. Denn schon geht die Reise weiter, nach Zürich, wo das nächste Weltcuprennen ansteht. Dann ist die alte, die hochbezahlte Kapitänsordnung wieder hergestellt. Und dann wird sich auch zeigen, ob die Olympiafahrer die Spiele und den Ernst des Alltags wirklich so gut trennen können, wie sie sagen. Wer einem Teamkollegen in Athen ernsthaft wehtut, sollte später wohl nicht allzu fest auf sein Verständnis bauen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2004 / Nr. 188
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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