22. August 2004 Demnächst, zu einem "angemessenen Zeitpunkt", wird es eine ganz besondere Siegerehrung geben. Dann werden sechs olympische Medaillen neu verteilt. Die goldenen bekommt eine französische Equipe, die silbernen ein Team aus Großbritannien und die bronzenen eine Mannschaft der Vereinigten Staaten. Mit den Einzelmedaillen werden der Engländer Leslie Law, die Amerikanerin Kimberly Severson und die Britin Pippa Funnel dekoriert. Es soll ein festlicher Akt werden, der Würde des Moments angemessen. Schließlich wird feierlich, wenn auch nachträglich, eine neue olympische Disziplin aus der Taufe gehoben. Es werden geehrt: die Olympiasieger und Medaillengewinner im Paragraphenreiten.
Dies ist die neue, vierte Disziplin der olympischen Vielseitigkeit, mit der man nach der ursprünglichen Siegerehrung die Plazierungen noch einmal durcheinanderwirbeln kann. Nur eines wird nicht ganz stimmig sein bei dieser Zeremonie: Auf dem Podest werden Sportler stehen. Eigentlich gehören die wahren Sieger dort hinauf, nämlich ihre Rechtsanwälte. Die haben es in Athen nämlich geschafft, ins olympische Programm aufgenommen zu werden - als Wettkämpfer im 36-Stunden-Gesetzeslücken-Suchen.
Zeit der Anwälte
Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) ist nicht schuld an dieser Entwicklung. Er konnte nicht anders, als den deutschen Reitern ihre beiden Goldmedaillen abzuerkennen. Seine Ad-hoc-Kammer gab am Samstag nachmittag juristisch wasserdicht und in letzter Instanz urteilend bekannt, daß die Mannschaft mit Bettina Hoy, Hinrich Romeike, Andreas Dibowski, Frank Ostholt und Ingrid Klimke nicht mehr Olympiasieger ist, sondern nur noch Vierter. Und daß außerdem Bettina Hoy, die Siegerin des Einzelwettbewerbs, auf Platz neun zurückgestuft wird.
Die Nationalen Olympischen Komitees von Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten hatten 36 Stunden nach Abschluß des Wettbewerbs Protest gegen die Wertung der Military eingelegt, dem die Kammer unter Vorsitz des Südafrikaners Deon van Zyl stattgab. Dabei ging es nicht um inhaltliche, sondern um formale Fragen. Die Anwälte der klagenden NOK setzten sich mit der Auffassung durch, das Schiedsgericht, das am Mittwoch eine Entscheidung zugunsten der Deutschen getroffen hatte, sei in der umstrittenen Frage nicht zuständig.
Appell an IOC-Präsident Jacques Rogge
Ein Formfehler also, begangen von drei Funktionären der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI): dem Griechen Freddy Serperi, der Spanierin Gabriela Klingenberg und dem Engländer Hugh Thomas. "Das ist ein fürchterliches Urteil", sagte Jürgen Thumann, der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. "Unsere Reiter haben eine hervorragende Leistung abgegeben, sie waren das beste Team." "Ich könnte heulen", meinte der Geschäftsführer des Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei, Reinhard Wendt. "Es tut mir unsäglich leid", sagte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, Klaus Steinbach. Die Reiter, inzwischen schon in alle Winde verstreut, sind untröstlich.
Hinrich Romeike allerdings, der kämpferische Zahnarzt aus Holstein, will sein Gold noch nicht verlorengeben. Er appellierte an Präsident Jacques Rogge, gemäß dem Fairneßparagraphen in der Charta des Internationalen Olympischen Komitees eine gerechte Lösung zu finden. Und auch am Sonntag abend wollte er bei einem Zusammentreffen mit Bundesinnenminister Otto Schily die Sache zur Sprache bringen. "Ich kann nicht akzeptieren, daß mir die Medaille vom Hals gerissen wird wie einem Dopingsünder", sagte Romeike in einer feurigen Rede bereits am Vormittag im Deutschen Haus, wohin er von einem Segelurlaub zurückgekehrt war. "Daß ich meine Goldmedaille zurückschicken muß wie Ben Johnson, das ist unmöglich."
Eine Aneinanderreihung von Fehlern
Vier Fehler wurden an jenem verhängnisvollen Mittwoch begangen, wobei das schwer bestrafte Mißgeschick von Bettina Hoy der harmloseste war. Die Reiterin hatte auf dem Weg in das Mannschaftsspringen zweimal die Startlinie überquert. Das wäre nicht so schlimm gewesen, hätte die Jury die Zeitnahme regelgerecht bedient. Aus ungeklärten Gründen reagierte die Uhr nicht auf Bettina Hoys erstes Durchreiten der Lichtschranke.
Jemand, ein Zeitnehmer oder auch Jurypräsident Christoph Hess aus Warendorf, stellte die Uhr wieder auf die volle Vorbereitungszeit zurück, um den Ablauf zu retten. Das war der zweite Fehler.
Fehler Nummer drei: Nach dem Ritt von Bettina Hoy beriet sich die im Springen relativ unerfahrene Vielseitigkeits-Jury mit anderen Fachleuten und erlegte Bettina Hoy nachträglich eine Zeitstrafe in Höhe von 14 Punkten auf. Auf einen Protest der deutschen Mannschaft hin hob das Schiedsgericht die Strafe wieder auf, weil ein Reiter nicht für ein Versagen des Turniermanagements bestraft werden dürfe.
Fehler Nummer vier: Bei der schriftlichen Entscheidungsbegründung wies das Schiedsgericht nicht ausgesprochen darauf hin, daß es sich mit einer Rechts- und Regelfrage befaßt, für die allein es zuständig ist, und nicht mit einer Tatsachenentscheidung wie dem gewöhnlichen Einspruch wegen angeblich falsch gemessener Zeit.
Auch bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung, gegen die sich der Spruch des CAS formal richtet, hat man Probleme mit dem Urteil. "Die FEI möchte betonen, daß die Entscheidung des Schiedsgerichts auf dem Geist des Fair Play beruhte, im besten Interesse des Sports getroffen wurde und auf einer anderen Interpretation der Regeln", heißt es in einer Mitteilung. Dies wiederum rief David O'Connor auf den Plan, den Präsidenten der United States Equestrian Federation. "Diese Worte sind eine Beleidigung der protestierenden Nationen", sagte er am olympischen Turnierschauplatz Markopoulo. Aber das sollten sie wohl auch sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2004 / Nr. 195
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb
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