Straßenrennen

Judith Arndt gewinnt Silber und gibt den Effenberg

Der “Effenberg-Finger“ auf dem Rad: Judith Arndt

Der "Effenberg-Finger" auf dem Rad: Judith Arndt

16. August 2004 Die Leipzigerin Radsport-„Rebellin“ Judith Arndt hat mit Silber den größten Erfolg ihrer Karriere gefeiert und dem deutschen Olympia-Team die zweite Medaille bei den Spielen von Athen beschert.

Die 28jährige mußte sich beim Straßenrennen nach 118,8 Kilometer nur der Australierin Sara Carrigan geschlagen geben und holte acht Jahre nach ihrer Bronzemedaille auf der Bahn in der Einerverfolgung zum zweiten Mal olympisches Edelmetall. Nach einer beherzten Attacke in der Schlußphase des Rennens konnte die Fahrerin vom Team Nürnberger im Finale den Angriff ihrer Mitausreißerin nicht mehr kontern.

Geldstrafe für „Stinkefinger“

Zum Jubeln war Judith Arndt nach der verpaßten Chance auf Gold zunächst nicht zumute, stattdessen erneuerte sie ihre Kritik am Bund Deutscher Radfahrer. Wegen der Nichtnominierung ihrer Freundin Petra Roßner hatte sie erst mit einem Olympiaboykott gedroht, sich aber dann von ihrem Profiteam umstimmen lassen.

Auf der Ziellinie reagierte sie barsch: Sie zeigte demonstrativ den gestreckten Mittelfinger. Die Entgleisung hat allerdings keine gravierenden Konsequenzen. Weder das Nationale Olympische Komitee (NOK) noch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wollen Judith Arndt bestrafen. „Dem juristischen Grundsatz folgend, niemals jemanden für ein Vergehen zweimal zu bestrafen, gibt es von uns keine weiteren Sanktionen. Wenn Judith dieses Szenario braucht, um eine Medaille zu holen - dann meinetwegen“, sagte BDR-Präsidentin Sylvia Schenk. Lediglich der Weltverband UCI verhängte eine Geldbuße von 200 Schweizer Franken.

Arndt „zum Spurten gar nicht mehr in der Lage“

„Mit Petra Roßner als weiterem Trumpf im Team hätten wir vielleicht gewonnen. Sie ist die schnellste Sprinterin der Welt. Wenn wir sie in einer Gruppe auf die Zielgerade gebracht hätten, wäre sie unschlagbar gewesen. Ich ärgere mich, weil sich die Australierin überhaupt nicht an der Führungsarbeit beteiligt hat. Am Ende war ich zum Spurten gar nicht mehr in der Lage“, erklärte die Verfolgungsweltmeisterin von 1997. „Momentan kann ich nicht sagen, ob ich enttäuscht bin oder nicht. Aber Silber ist besser als nichts. Carrigan konnte pokern, weil Australien im Verfolgerfeld vertreten war, Deutschland aber nicht.“

Während sich die Russin Olga Slyusarewa Bronze holte, ging Topfavoritin Leontien Zijlaard-van Moorsel aus den Niederlanden nach einem Sturz leer aus. Nachdem Carrigan rund 15 Kilometer vor Schluß attackiert hatte, nahm Judith Arndt zu Beginn der letzten von neun Runden die Verfolgung auf und schloß zur Führenden auf. Von vorne versuchte sie das Tempo hochzuhalten, verbrauchte dabei aber ihre Kräfte und überließ der Konkurrentin schließlich kampflos Gold.

Sturz der großen Favoritin

Zwei Runden vor Schluß war Zijlaard-van Moorsel gestürzt, als sie sich umsah und dabei das Hinterrad ihrer Vorderfrau berührte. Die hinter ihr fahrende Schweizerin Nicole Brändli, WM-Zweite von 2001, stürzte ebenfalls, konnte das Rennen jedoch im Gegensatz zur großen Favoritin fortsetzen.

Kurz zuvor hätte es beinahe auch Judith Arndt erwischt. Im Vorderrad der fünfmaligen deutschen Zeitfahrmeisterin verfing sich kurz vor Ende der drittletzten Runde ein Stück Plastikfolie, das erst durch Hilfe aus dem Begleitfahrzeug entfernt werden konnte. Zwanzig Sekunden Rückstand kostete sie das Malheur zunächst, doch mit einer starken Aufholjagd kam die frühere Verfolgungs-Weltmeisterin wieder an das Feld heran.

Schon in der sechsten von neun Runden hatte es Judith Arndt mit einer Attacke versucht, aus der sich eine 22köpfige Spitzengruppe bildete, in der auch die beiden anderen deutschen Starterinnen Trixi Worrack und Angela Brodtka vertreten waren. Da sich jedoch keine der anderen Favoritinnen an der Führungsarbeit beteiligte, war der Ausreißversuch bereits nach wenigen Kilometern wieder beendet.

Auch Worrack und Brodtka hatten sich vor allem in der ersten Hälfte des Rennens immer wieder vorne gezeigt, konnten aber in die Entscheidung letztlich nicht eingreifen. Die 23jährige Brodtka hatte bei der Nominierung des Frauen-Radteams vor vier Wochen den Vorzug vor der deutschen Meisterin Petra Roßner erhalten.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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