Wenn nach Auschwitz keine Gedichte mehr möglich sein können, wie Adornos oft missverstandenes Urteil über rein schöngeistige Literatur lautet, so sollte ein Comic über Auschwitz jenseits aller Vorstellungen liegen. Als jedoch vor zwölf Jahren das erste Kapitel der Bildergeschichte Maus des jungen New Yorkers Art Spiegelman in dessen Comic-Magazin Raw erschien, war diese Ansicht obsolet geworden. Spiegelman verarbeitete in Maus das Leben seines Vaters, eines polnischen Juden, unter den Nazis. Von der Kriegsgefangenschaft im September 1939 über die Enteignung des eigenen Unternehmens im selben Jahr bis zur Einlieferung ins Höllenlager von Auschwitz 1944 entfaltet sich der Leidensweg von Wladek Spiegelman, der mit Ausnahme seiner Frau Anja die ganze Familie im Holocaust verlor.
Der Carlsen-Verlag veröffentlichte 1989 zwei Comicbände über das Leben Adolf Hitlers. Die großformatigen, farbenprächtigen und realistisch gezeichneten Bücher erwiesen sich als vollkommen ungeeignet für die Darstellung einer derartigen Schreckensbiografie. Maus vermeidet alle diese Fehler. Spiegelman zeichnet kleine schwarzweiße Bilder, deren Tuschetechnik an die expressionistischen Zeichnungen Edvard Munchs oder die Holzschnitte Frans Masercels erinnert. In Krieg und Konzentrationslager gab es keine Lichtblicke, jeder Farbpunkt in Maus hätte verlogen gewirkt.
Die Zermalmung des Individuums
In bester Comic-Tradition werden anthropomorphe Tiere als Handlungsträger eingesetzt. Die Juden werden als Mäuse gezeichnet, die Deutschen dementsprechend als Katzen. Die mit einzelnen Tierarten konnotierten Eigenschaften übertragen sich auf die Protagonisten: Schweine als Polen, Elche als Schweden, Frösche als Franzosen. Spiegelman gelingt hier eine völlig neue Deutung der vormals als funny animals in seinem Medium. Zu lachen gibt es nichts in Maus. Aber der Fabeleffekt, den der Autor durch seine Zeichnungen erzielt, macht das Unfassbare wieder begreiflich.
Nachdem die ersten sechs Kapitel 1986 in den Vereinigten Staaten als Buch auf große Resonanz bei Lesern und Kritik stießen, begann die traurige Geschichte der deutschen Ausgabe. Der 2001-Verlag besaß die Rechte, doch seine Übersetzung wurde vom Autor abgelehnt. Erst 1989 erschien in andere Sprache die deutsche Fassung bei Rowohlt. Auf die abschließenden fünf Kapitel des zweiten Bandes musste man hierzulande jedoch diesmal nicht warten. Im Frühjahr 1992 in Amerika veröffentlicht und prompt mit dem Publizer-Preis ausgezeichnet, liegt Maus II jetzt bereits vor. Die Fortsetzung ist noch grandioser und fürchterlicher als der erste Band.
Nun ist Wladek Spiegelman in Auschwitz eingetroffen, und die deutschen Katzen übernehmen das Regiment. Wladek muss buchstäblich über Leichen gehen. Maus ist keine mediengerechete Aufarbeitung des Nazi-Horrors à la Holocaust und führt die Aufnahmefähigkeit des Lesers nicht allein durch das pure Ausmaß des Verbrechens an ihre Grenzen wie Raul Hilbergs unverzichtbare Standardwerke. Am ehesten gleicht Spiegelmans Buch den Erinnerungen Primo Levis. Die Zermalmung des Individuums unter den Mühlsteinen psychischer und physischer Erniedrigung ist das Thema beider Bewältigungsversuche. Levi fand nur noch den Ausweg im Selbstmord lange nach dem Krieg - wie Art Spiegelmans Mutter Anja. Wladek dagegen klammerte sich an seine Rettungsanker Geld und Macht, an diese Geheimnisse der deutschen Seele (H. D. Heilmann), deren kompromisslose Nutzung sein Überleben im Konzentrationslager sicherten. Die Erziehung sollte aber das Verhältnis zu seinem Sohn Art vergiften.
Die unerträgliche Spannung zwischen Vater und Sohn
In der Schilderung der Beziehung zwischen dem überlebenden, überlebten Vater und dem gnädig, spätgeborenen Nachkriegskind liegt die Meisterschaft von Maus II. Der Vorgängerband beschränkte sich weitgehend auf Wladeks Überlebenskampf in Polen. Die Fortsetzung berücksichtigt auch den Kampf der Nachkriegszeit. Art war für seine Eltern das Zeichen neuer Hoffnung und zugleich Ersatz für den bei der Räumung des Ghettos von Zawiercie getöteten ersten Sohn Richieu. Nach dem Tod der Mutter bleib er alleiniges Objekt des Sicherheits- und Machtwahns des Vaters. Maus II versteht es, die unerträgliche Spannung, die sich dadurch zwischen den beiden erwachsenen Männern aufgebaut hat, beklemmend deutlich zu machen. Der Krieg. Ja. Daran erinner ich mir noch, sagt Wladek in seiner skurrilen Mischung aus Jiddisch und Englisch/Deutsch. Aber den Namen seines Sohnes wird er am Ende der Erzählung, kurz vor seinem Tod, vergessen haben. Er spricht Art mit Richieu an, denn Windek lebt nur noch in Erinnerungen. Gleichzeitig aber bürdet er seinem Sohn die Schuld dafür auf: All die Sachen vom Krieg ich hab versucht sie aus meinem Kopf zu lösen für immer ... bis du hast in mir alles wiederaufgebracht mit deine Fragen.
Maus II ist der beste Comic der letzten zwanzig Jahre und zählt zudem zum Eindrucksvollsten, was je über den Judenmord der Nazis geschrieben wurde. Seine Sprache ist kongenial übersetzt worden, die Bilder entziehen sich in ihrer graphischen Strenge ohnehin jeglicher Schilderung, und die Publikation beim Großverlag Rowohlt ist ein Segen. Denn wie viele Meisterwerke der Comicliteratur fristen noch ihr Dasein bei den nicht genug zu lobenden Spezialverlagen, ohne je die Beachtung der Rezensenten zu finden. Aber so viele Schätze auch noch zu haben sind, Maus ist der größte. Wenn Sie einen einzigen Comic besitzen sollten, dann diesen.
Text: F.A.Z., 29. Dezember 1992
Bildmaterial: Verlag