06. Januar 2006 Einen persönlicheren Zeichner hat die Comic-Geschichte nicht gesehen - zumindest keinen, der es auch noch geschafft hätte, mit seinen privaten Marotten und Manien beliebt zu werden. Robert Crumb ist ein Phänomen, das sich nur dadurch erklären läßt, daß er mit seinem höchst individuellen Stil genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort hervortrat, nämlich in den späten sechziger Jahren in den Straßen von San Francisco.
Es war die Zeit der Blumenkinder, wie Scott McKenzie sie besang, und die Welt blickte derart gebannt auf die kalifornische Hippie- und Studentenszene, daß noch 1970 die neuformierte Popgruppe Barclay James Harvest auf deutschen Festivalplakaten falsch als Berkeley James Harvest angekündigt wurde. Es war in den Zeiten der Politisierung aller Künste ja gar nicht anders denkbar, als daß junge Musiker ihre Band nach jener Universität benannt haben mußten, an der die Studentenbewegung ihren Ausgang genommen hatte. Nicht umsonst siedelte dort auch Michelangelo Antonioni den Beginn seines Films Zabriskie Point an.
Befreiung eines ganzen Genres
Robert Crumb kannte vor 1967 keinen Menschen in Kalifornien - und kein Kalifornier kannte ihn. Das sollte sich ändern, als der völlig verschüchterte junge Mann damit begann, die erste Ausgabe von Zap!, einem alternativen Comic-Magazin, das er zu weiten Teilen selbst gezeichnet hatte, auf der Straße zu verkaufen. Darin fand sich eine Figur, die alsbald zum Inbegriff des Aussteigers werden sollte: Mr. Natural, ein kleiner älterer Herr mit langem Rauschebart, der entweder nackt oder in einen langen Kittel gehüllt daherkam und wie eine zeitgemäße Hippie-Paraphrase auf den lieben Gott wirkte. Allerdings wurde Mr. Natural den Lesern als ehemaliger Taxifahrer aus Afghanistan vorgestellt, der zum Auftakt seiner Erlebnisse vierzig Tage in der Wüste meditierte - wie es ihm Jesus in der Bibel vorgemacht hatte (Crumb kannte als Sohn einer streng katholischen Familie die Heilige Schrift in sämtlichen Details und zog nach seiner konsequenten Lösung vom Elternhaus immer wieder Motive aus der christlichen Überlieferung heran).
Allerdings war Mr. Natural während seiner Askeseübungen nicht zu tiefschürfenden Erkenntnissen gekommen, sondern hatte lediglich Heißhunger entwickelt: auf Truthahn (und hier durfte man durchaus an die gängige Bezeichnung von Drogenabhängigen auf Entzug denken). Doch obwohl in dieser fünfseitigen Geschichte nicht viel mehr passiert, als daß der weise Herr vor denkbar reduziertem Hintergrund (Horizontlinie und ständig brennende Sonne) einen wissensdurstigen Jünger enttäuscht, hatte dieser Comic gerade durch die Beschränkung seiner Mittel eine immense Wirkung. Die Freiräume, die er den Lesern für eigene Interpretationen ließ, wurde als Befreiung eines ganzen Genres aufgefaßt, und noch dreiunddreißig Jahre später brachte der Crumb-Bewunderer Art Spiegelman in einem seiner Titelbilder für den New Yorker eine subtile Hommage an Mr. Natural unter: Angesichts der kurz nach den Attentaten vom 11. September 2001 begonnenen amerikanischen Angriffe auf das angebliche Heimatland von Mr. Natural zeichnete er zu Thanksgiving Bombergeschwader, die über einer Wüstenlandschaft Truthähne abwarfen.
Funny-Animal-Comics mit erwachsenen Themen
Spiegelman, der kurz nach Crumb in Kalifornien eintraf und wie dieser durch Harvey Kurtzman gefördert wurde, hätte ohne die Vorarbeit des fünf Jahre Älteren nicht zu dem spezifischen Ausdruck gefunden, der ihn heute zu einem der berühmtesten Zeichner hat werden lassen. Denn es war Crumbs Fritz the Cat, der zum erstenmal eine Variation der Funny-Animal-Comics hin zu erwachsenen Themen versuchte. Nachdem es Crumb gelungen war, Sex and Crime in die als kindgerecht betrachteten Tierfigurengeschichten einzuführen, setzte Spiegelman mit seinem Comic Maus diese Linie auf historischem Gebiet fort und erzählte die Geschichte seines polnischen Vaters, eines Juden, in den Vernichtungslagern der Deutschen - ebenfalls als Funny-Animal-Comic.
Schon 1971, ein Jahrzehnt vor dem Beginn des großen Erzählzyklus Maus, erschien ein erster Versuch Spiegelmans in dieser Richtung, der auch Maus hieß, vom Strich her aber noch kaum von Crumbs Arbeiten zu unterscheiden war. Das Heft, in dem Spiegelman diese drei Seiten zum Abdruck brachte, trug den orthographisch leicht verdrehten Titel Funny Aminals, und dieser Konsonantentausch sollte signalisieren, daß hier eine Tradition umgekrempelt wurde.
Schon 1971 Vorlesungen zur Geschichte des Comics
Die erste Generation von Underground-Zeichnern, die Crumb, Spiegelman, Shelton, Griffith, Rodriguez, Williams, kannten die Geschichte ihres Genres genau. Sie waren alle in den fünfziger Jahren aufgewachsen, als Comic-Hefte einen Boom erlebten wie nie zuvor und niemals wieder. Walt Disney's Comics & Stories verkauften sich damals millionenfach pro Heft - eine Rekordmarke, die erst 1992 durch den Neustart der X-Men mittels tausend Marketingtricks wieder überboten werden sollte. Und in den Zeitungen machten zwei Strips Furore: die Peanuts von Charles Schulz als bis zum äußersten reduzierte Witzserie, die geradezu philosophische Höhenflüge antrat, und Pogo von Walt Kelly als überbordend detailreiche Arbeit eines der versiertesten Comic-Zeichner, die sich sofort zu einer bitteren politischen Satire auswuchs.
Diese Arbeiten - Barks für Disney, Schulz und Kelly, dazu noch das 1952 gestartete Mad Magazine - wurden die Bezugsgrößen der späteren Underground-Stars, allen voran Crumbs. Wie später auch Spiegelman hielt er bereits 1971 Vorlesungen zur Geschichte des Comics am Art Institute of Chicago und an der University of Wisconsin. Seinen fließenden Formen und der nahezu grenzenlosen Freiheit seiner Tuschekünste sieht man die Schulung an den Disney-Arbeiten bis heute an, doch das alles hatte sich Crumb autodidaktisch erworben - durch die Anfertigung zahlloser privater Comic-Hefte, die er mit seinem Bruder Charles in den fünfziger und frühen sechziger Jahren zeichnete. In einem davon, 1962 entstanden, ist der erste Auftritt von Fritz the Cat zu finden.
Gefundenes Fressen für kulturkonservative Kritik
Als diese Serie 1968 schließlich auch gedruckt zu lesen war, sollte um Crumb ein Hype entstehen, den die lebhafte, aber eher auf sich selbst konzentrierte Hippieszene Kaliforniens nicht kannte. Mit einem Mal war einer der Ihren eine landesweite Berühmtheit - und eine umstrittene dazu. Das wäre noch nicht ungewöhnlich gewesen, denn die politischen Streitigkeiten kochten ohnehin hoch, und Crumb ließ keine Zweifel an seiner Sympathie für die Vertreter von Libertinage und Unordnung. Aber sehr schnell schoß sich die Kritik an seinen Comics auf das Thema Pornographie ein.
In der Tat: Fritz the Cat ist nichts für kleine Kinder. Da wird herumgehurt und geprügelt, Frauen werden begrapscht und zugleich fetischisiert. Crumb hat nie ein Geheimnis aus seiner Begeisterung für wohlbeleibte Damen gemacht - eine Vorliebe, die er mit dem Schriftsteller Heimito von Doderer (wie noch so manches andere, vor allem hinsichtlich ästhetischer Ideale) teilt, und er legt in seinen Comics mehr als nur eine Andeutung seiner masochistischen Neigungen offen. Das aber konnte im Amerika der frühen siebziger Jahre, als der Comics-Code, die freiwillige Selbstkontrolle der Verleger, noch Geltung beanspruchte, keinen einigermaßen kulturkonservativen Leser kaltlassen. Crumb zog sich auch recht schnell die dauerhafte Feindschaft der Frauenbewegung zu, die in seinen Darstellungen von weiblichen Wesen all das verkörpert sah, was sie als überkommenes Klischee bekämpfte. So etwas sollte aus dem ideologisch so verwandten Reich der Hippieszene kommen?
Stereotypen, gegen die Leseerwartungen des Publikums gewendet
Crumb machte es sich nicht leicht, aber deshalb sind seine Comics so lesenswert. Hier spielt jemand mit Stereotypen und Vorurteilen, um sie auf bisweilen zynische, meist aber hochsubtile Weise gegen die Leseerwartungen seines Publikums zu wenden. In seinen berüchtigten, gleichwohl aber genialen Kurzcomics When the Niggers Take Over America und When the Goddamn Jews Take Over America verspottete er 1993 die Ängste der weißen Mittelklasse, die sich durch Schwarze wie Juden gleichermaßen bedroht sieht. Und zugleich sorgte er mit dem gemeinsamen Abdruck beider Geschichten dafür, daß diejenigen, die sich nur von einer der beiden Gruppen bedroht sahen, ihm trotzdem keinen Beifall spenden konnten.
Der lauteste Aufschrei aber kam aus dem linken Lager, wo Crumb als Reaktionär denunziert wurde - zumal er im selben Jahr als Cover-Zeichner des New Yorker seinen Auftritt hatte, in jenem Magazin also, das sich selbst als den Hort der etablierten, wenn auch liberalen Ostküsten-Elite versteht. Crumb konnte von Glück reden, daß er damals schon in Frankreich lebte, und es war wohl auch nur dank dieser Distanz zu seiner Heimat möglich, ein Thema derart drastisch abzuhandeln, das damals angesichts der Unruhen um die Verhaftung Rodney Kings oder der Straßenschlachten zwischen Juden und Schwarzen in New York so virulent wie lange nicht mehr schien.
Fast zu schön, um Comic zu sein
Die Provokation der Doppelgeschichte von 1993 wurde aber auch deshalb als so groß empfunden, weil Crumb in Amerika schon vor seiner Emigration nach Frankreich als liebenswerter Spinner abgetan worden war, dem man seine sexuellen Extravaganzen auf Papier ja ruhig gönnen könne, solange ohnehin kaum jemand eine Möglichkeit hatte, sie zu lesen. Denn in den großen Magazinen war Crumb in den achtziger und frühen neunziger Jahren kaum noch präsent; er hatte die Publikation seiner Hefte weitgehend wieder in eigene Hände genommen und arbeitete mit engagierten Kleinverlegern zusammen, die die Erzählungen zu regelrechten Anthologie-Kunstwerken schnürten, sie damit aber für ein normales Publikum unzugänglich erscheinen ließen. Die Skizzenbücher, die in Deutschland von 1978 an verlegt wurden, sind in der Sorgfalt ihrer buchbinderischen Gestaltung fast zu schön, um Comic zu sein, und so schien Crumb denn auch mehr und mehr zum Fall für die Kunstgeschichte zu werden, die in ihm - sehr zum Spott ihres Objekts - einen Wiederzeichner Brueghels sehen wollte.
Kein Zweifel, Crumb ist einer der großen Graphiker des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Aber seine Skizzen sind doch meist nichts anderes als Vorstudien zu Comics, und Verständnis für diese geht den meisten Kunsthistorikern ab. So schien Crumb gefangen zwischen schwindender Leserschaft und wachsender Interpretenmühsal, ehe er den Befreiungsschlag von 1993 landete. Plötzlich war er wieder Tagesgespräch in Amerika, und seitdem spricht man von ihm weniger als einem Altmeister denn als einem junggebliebenen Wilden. Seinen Comics hat das nicht geschadet und dem Zuspruch zu den diversen Ausstellungen, die seinem Werk vor allem in Europa gewidmet sind, erst recht nicht. Crumb aber ist im Grundzug der scheue Mann von 1968 geblieben, der vor allem in Ruhe gelassen werden möchte. Immerhin hat er für seine meistgeliebten Feinde schon 1992 eine Antwort gezeichnet: die Robert-Crumb-Dartscheibe. Darauf sieht man das Selbstporträt eines geifernden Lüstlings, der mit stolzgeschwellter Hose Frauen nachstellt. Darunter steht die Aufforderung: Besorgt's mir, Mädels!
Robert Crumb:
Geboren am 30. August 1943 in Philadelphia, lebt heute in Südfrankreich. Bereits als Kind beginnt Crumb gemeinsam mit seinem ein Jahr älteren Bruder Charles, eigene Comic-Hefte zu zeichnen. Nach dem Umzug nach Cleveland arbeitet er als Illustrator für einen Grußkartenhersteller. Durch Bekanntschaft mit Harvey Kurtzman, dem Gründer des Satiremagazins Mad, kommt Crumb von 1964 an zu einigen Publikationen in Kurtzmans Heft Help! und beginnt mit Drogenexperimenten. Drei Jahre später geht er nach Kalifornien und gibt mit weiteren Comic-Zeichnern das selbstverlegte Heft Zap! heraus.
Durch Fritz the Cat wird Crumb landesweit berühmt. 1973 spricht der Oberste Gerichtshof den Bundesstaaten die Definitionshoheit über Obszönität zu. In der Folge werden viele Crumb-Arbeiten verboten; der Zeichner verlegt sich vor allem auf seine zweite Leidenschaft, die Musik. Nach seiner zweiten Heirat mit der Zeichnerin Aline Kaminsky saniert sich Crumb durch die Herausgabe seiner Skizzenbücher beim deutschen Zweitausendeins-Verlag. 1990 siedelt er nach Frankreich um. In den Folgejahren findet er immer mehr Anerkennung als Zeichner, die 2004 in einer großen Einzelausstellung im Kölner Museum Ludwig gipfelt.
Fritz the Cat:
Crumb publiziert seinen bekanntesten Comic erstmals 1968 im Herrenmagazin Cavalier. Die Hippieszene an der kalifornischen Westküste zeigte sich begeistert über diese Figur, die ihre Neigungen hemmungslos hedonistisch auslebt und keine Rücksicht auf Etikette und Gesetz nimmt. 1969 erfolgt die erste Einzelveröffentlichung beim Ballentine Verlag. Nach mehreren gutverkauften Heften läßt Crumb seinen Fritz im Jahr 1972 sterben, als ihn der Fritz-Trickfilm, den Ralph Bakshi nach seinen Vorlagen angefertigt hat, zu sehr enttäuscht.
Der besprochene Band zu Fritz the Cat von Robert Crumb und die in diesem Beitrag verwendeten Abbildungen erschienen als Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung von Zweitausendeins, Postfach, D-60381 Frankfurt am Main, www.Zweitausendeins.de.
Text: F.A.Z., 07.01.2006, Nr. 6 / Seite 36
Bildmaterial: Robert Crumb, Zweitausendeins