16. September 2005 Für den Historiker Herbert Illig wäre die Serie Prinz Eisenherz ein gefundenes Fressen - könnte sie nur Anspruch darauf erheben, eine Geschichtsquelle zu sein. Denn Harold Foster hat zum zeitlichen Hintergrund seiner Erzählung just jene Epoche gewählt, deren Existenz Illig anzweifelt: die Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft. Anfangs hatte der Zeichner die Zeit der Kreuzzüge als historischen Hintergrund ausgewählt, doch dann stellte er fest, daß ihm die Ereignisse in diesem Zeitraum zuwenig Abwechslung gestattet hätten, und er verlegte den Handlungszeitpunk deshalb kurzerhand mehr als sechs Jahrhunderte nach vorne. Mit dem Untergang der römischen Zivilisation hörte auch die schriftliche Überlieferung zunächst auf. Durch diesen Mangel hatte ich rund drei Jahrhunderte zur freien Verfügung.
Alles, was Illig der Geschichtsschreibung des Frühmittelalters vorwirft - Widersprüchlichkeit, Zeitsprünge, Unvereinbarkeit der Technik mit den Geschehnissen -, all das prägt Fosters Handungsfaden, doch kein normaler Leser wird sich bei ihm daran stören. Prinz Eisenherz ist ein Epos, das in Ton und Fiktionalität den großen Vorbildern der Gattung nicht nachsteht. Bereits in der vierten Folge seiner Abenteuer trifft der noch jugendliche Held bei einem Fischzug durch die britischen Sümpfe auf eine überlebende Kreatur aus der Saurierzeit. Spannung geht hier allemal vor Plausibilität.
Ein irrealer Zug
Schon das Movens des Ganzen, der unbezähmbare Wunsch von Eisenherz, sich als Ritter an der Tafelrunde von König Artus zu bewähren, brachte einen irrealen Zug ins Geschehen, der aber gleichzeitig den frischen Stoff mit einem längst etablierten Thema verband, wodurch Foster auf eine Vielzahl altbekannter, populärer Charaktere zurückgreifen konnte, die den Vorzug besaßen, keinem Urheberschutz zu unterliegen. Eine bessere Ausgangslage konnte man sich für das Debüt einer Serie nicht wünschen, und ihr Erfolg vom Debütjahr 1937 an zeigte, daß dieses Rezept verfing. Die aberwitzige Kombination von Fabeln und Fakten, die den Ton der Fortsetzungsfolge von Beginn an bestimmt, macht zum erheblichen Teil immer noch deren Reiz aus. Was Gustav Schwab als Erzähler für die Antike, das ist Harold Foster fürs frühe Mittelalter.
Sagen eines nicht ganz so klassischen Altertums werden hier erzählt, aber zugleich nutzte Foster das ihm zur Verfügung stehende Medium für eine Lektion in Zeichenkunst. Hier war sofort der Wille des Autors erkennbar, vor allem mittels Bildern zu erzählen; Texte stehen bei Foster immer am Rand, niemals werden sie in Sprechblasen gesetzt und somit Bestandteil der graphischen Komposition. In jener Kunst, die der belgische Zeichner Edgar P. Jacobs einige Jahre später als Oper auf Papier bezeichnen sollte, dienen Fosters Texte ihm als eine Art Basso continuo, während alle Arien, Kolloraturen, Duette oder sonstigen Glanzstücke des Werks der Graphik überlassen bleiben.
Zuflucht bei anderen Illustratoren
Foster konnte sich das erlauben, denn er hatte ein Training als Zeichner hinter sich, das nichts zu wünschen übrigließ. Als junger Mann hatte er für die Hudson Bay Company deren Versandkataloge illustriert - mit dem Schwerpunkt auf weiblicher Unterwäsche, was für den jungen Zeichner weniger vergnüglich gewesen ist, als es sich anhören mag, denn er bekam zwar die jeweiligen Waren zur Anschauung, aber keine Unterstützung durch lebende Modelle. Das erwies sich jedoch alsdurchaus lehrreiche Erfahrung, denn Foster nahm in seiner Not Zuflucht bei anderen Illustratoren und brachte sich auf diese Weise selbst bei, was Kunststudenten gemeinhin im Aktkurs erlernen: die Darstellung der menschlichen Anatomie. Zugleich aber entwickelte er ein präzises Auge für das Detail, denn im Versandkatalog konnte man sich keine Abweichungen vom Original leisten. Seine Sorgfalt als Zeichner, die alle Bewunderer von Prinz Eisenherz immer wieder hervorgehoben haben, hat den Ursprung in diesem ersten Engagement.
Später, als Foster aus dem provinziellen zentralkanadischen Winnipeg in die brodelnde Metropole Chicago gegangen war, um für seine junge Familie ein besseres Einkommen zu erzielen, holte er am dortigen Art Institute nach, was er bislang an akademischer Ausbildung verpaßt hatte. Die kommerziellen Arbeiten des noch nicht Dreißigjährigen für das Unternehmen Jahn & Ollier Engraving zeigen allerdings schon die später so typische Perfektion - und seine speziellen Vorlieben, denn für eine Eigenanzeige seines Arbeitgebers zeichnete Foster einen römischen Feldherrn in voller Kriegsmontur, und schon in diese Zeichnung ist erkennbar der gleiche immense Rechercheaufwand eingeflossen, den Foster später auch für seine eigene Comic-Serie betrieb. Sein weitaus jüngerer Kollege Will Eisner, Jahrgang 1917 und wie alle jungen Zeichner seiner Generation von Eisenherz tief geprägt, hat die Rolle seines Vorbilds so beschrieben: Er brachte die Fortsetzungsserien im Alleingang auf ein höheres Niveau. Seine brillanten und unfaßbar sorgfältig recherchierten Zeichnungen übten den entscheidenden Einfluß auf diejenigen unter uns aus, denen daran gelegen war, anspruchsvolle Zeichenkunst in die Abenteuergeschichten zu bringen.
Ein Held, der er gern selbst gewesen wäre
Welche Mühe in die Serie geflossen war, bevor auch nur irgend jemand ein einzelnes Bild daraus gesehen hätte, zeigen die insgesamt drei Jahre, die Foster auf die Vorbereitung seines Projekts verwandte. Als Zeichner von Tarzan hatte er sich einen Namen im Metier gemacht, doch noch nie hatte es ein Autor gewagt, in Eigenregie einen Comic-Strip zu entwickeln. Man wurde von den Syndikaten damit beauftragt, und bei der Konzeption galt es dann gewissenhaft, die entsprechenden Vorgaben zu beachten. Foster pfiff auf diese Regel: Ich wollte einen Helden schaffen, der ich selbst gerne gewesen wäre, und dazu mußte ich über alle seine Handlungen bestimmen können. So entstand die Idee zu Prinz Eisenherz.
Eine erste Probeseite fand 1934 keine Gnade vor seinem eigenen gestrengen Auge; er fühlte sich noch zuwenig vertraut mit den Umständen der Handlungszeit. So vergrub sich Foster in seiner Freizeit erst einmal für zwei Jahre in Bibliotheken, Seminaren und Museen, um sich über das erste nachchristliche Jahrtausend kundig zu machen. Danach legte er den Lebenslauf seines Helden fest: von dessen Herkunft über die Bewährung als Ritter bis zur Familiengründung. Und schließlich überlegte sich Foster, wie dieser Stoff in Bilder zu fassen sein würde.
Ein Laboratorium der Comic-Ästhetik
Dabei ließ er die geringste Vorüberlegung walten, denn der Wandel nach den ersten zwanzig Folgen ist mehr als auffällig. Plötzlich wird die monotone Seitenarchitektur, die auf monoton gleich große Bilder setzt, abgelöst durch ein wahres Laboratorium der Comic-Ästhetik. Foster beginnt mit den Möglichkeiten des Genres zu spielen, schafft extreme Hoch- und Querformate, rhythmisiert den Erzählfluß neu, bringt gar einmal auf der ganzen Seite nur vier Bilder unter oder zeichnet bisweilen einzelne Ansichten, die gleich eine ganze Halbseite füllen. Doch niemals wurde diese graphische Entdeckungsreise zum Selbstzweck, noch die ungewöhnlichste Komposition dient buchstäblich der Anschaulichkeit der Handlung.
Die biographische Genauigkeit und die Akribie, mit der sich Foster noch um das winzigste Detail von Kleidungsstücken, Gerätschaften oder Architektur jener Epoche kümmerte, lassen vergessen, daß es ein Mittelalter, wie Prinz Eisenherz es zeigt, nie gegeben hat. Was auch immer seine Phantasie anregte, fand Verwendung, und so fielen in die Lebensspanne seines Helden sowohl Wikingerüberfälle als auch die Eroberungszüge der Hunnen unter Attila. Eisenherz bereist die gesamte damals bekannte Welt, und er gelangt noch darüber hinaus, wenn er schließlich auch Amerika erreicht - pikanterweise nicht weit weg von Fosters kanadischer Geburtsstadt Halifax. Kampftechniken und Waffen von Antike bis Hochmittelalter werden ohne Rücksicht auf historische Authentizität nebeneinander zum Einsatz gebracht, aber jede einzelne ist streng nach den Überlieferungen gezeichnet. Wo es sich zur Charakterisierung einzelner Figuren anbietet, geht Foster sogar noch weit über die Jahrtausendwende hinaus und porträtiert etwa ein dekadentes Hofleben, wie es sich der eher karg lebende britannische Adel vor der Normanneninvasion niemals hätte erträumen lassen.
Eine Carte blanche von Hearst
Als er im Jahr 1936 in die Gluthitze des ländlichen Kansas zog, wo Fosters Frau ihre betagte Großmutter pflegen wollte, hatte der Zeichner vorab ein beruhigendes Pensum an Tarzan-Seiten vorab fertiggestellt, um sich nun in der Abgeschiedenheit des neuen Domizils für einige Monate ganz der Gestaltung seiner eigenen Serie zu widmen. Er zeichnete die notwendigen Fortsetzungen für ein halbes Jahr im voraus, ohne daß er gewußt hätte, ob sich diese Arbeit je auszahlen würde. Dann benachrichtigte er das King Features Syndicate von seiner Idee. Dieses Unternehmen gehörte dem größten Comic-Fanatiker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Pressezaren William Randolph Hearst. Er hatte sich immer schon den Luxus geleistet, einzelne Zeichner, die ihn begeisterten, gegen alle Widerstände in den eigenen Zeitungen drucken zu lassen. George Herriman, der Großmeister des skurrilen Humors, verdankt ihm das Überleben seiner Serie Krazy Kat, die Hearst über mehrere Jahrzehnte subventionierte. Auch Foster gehörte zu den von ihm bewunderten Künstlern, und als sich plötzlich die Möglichkeit ergab, ihn für sich zu gewinnen, gewährte Hearst dem Zeichner nahezu Carte blanche.
Konkret bedeutete das ein Honorar von hundertfünfzig Dollar pro abgelieferter Seite, doppelt soviel, wie Foster für Tarzan bekam, und er blieb Eigentümer seiner neuen Serie, was sich spätestens dann auszahlen sollte, als Eisenherz, der am 13. Februar 1937 in acht Zeitungen erstabgedruckt worden war, immer mehr Liebhaber fand. Die Figuren der Serie wurden für Werbezwecke benutzt, und als 20th Century Fox 1954 die Filmrechte erwarb, kostete das die damals schwindelerregende Summe von 50.000 Dollar.
Der Film führte noch einmal den ersten Eisenherz vor, den jungen ungestümen Knappen, der sich erst hochkämpfte, vor Heirat, Familie und Ruhm. Damit wurde ein neues Publikum für die Serie gewonnen, denn erstaunlicherweise waren die alten Folgen jahrzehntelang in den Vereinigten Staaten nicht nachgedruckt worden. Von der vorgeplanten Biographie, die Eisenherz bis ins hohe Alter festgelegt hätte, war Foster da längst zugunsten von alltäglichen Begebenheiten abgewichen. Der Prinz war eine Fiktion, aber doch immer noch auch Wunscherfüllung eines zutiefst romantischen Mannes, der zuletzt nicht zulassen mochte, daß sich das Leben seines nicht minder romantischen Helden erfüllen würde.
Harold R. Foster: Geboren am 16. August 1892 in Halifax, gestorben am 25. Juli 1982 in Spring Hill, Florida. Nach dem Berufseinstieg als Werbegraphiker in seiner kanadischen Heimat siedelte Foster 1921 nach Chicago um, wo er zu einem der gefragtesten kommerziellen Illustratoren aufstieg. Erste Erfahrungen mit Comics machte er wider Willen 1929 mit Tarzan. Seine durch die Weltwirtschaftskrise erzwungene langjährige Tätigkeit für diese Serie machte ihn berühmt, aber nicht reich, weil die Rechte an der Figur bei deren Erfinder Edgar Rice Burroughs lagen. Deshalb entwickelte Foster 1937 mit Prinz Eisenherz seine eigene Serie, die er selbst dann nicht aus den Händen gab, als sie zu einem der populärsten Comic-Strips ihrer Zeit geworden war. Die Verfilmung von 1954 mit Robert Wagner in der Titelrolle machte Foster endgültig zu einem der bekanntesten Vertreter seiner Zunft.
Prinz Eisenherz: Foster entwarf bereits die vollständige Biographie seines Helden, bevor er die erste Seite der diesem gewidmeten Comic-Serie zeichnete. Die Kindheit von Eisenherz ist durch die Vertreibung seiner Eltern, des Herrscherpaars von Thule, durch einen Thronräuber geprägt. Gemeinsam mit einigen Getreuen flüchtet die Königsfamilie in ein britisches Sumpfgebiet, wo sie sich ein neues Domizil aufbaute. In dieser unwirtlichen Gegend wird der junge Eisenherz durch das harte Naturgesetz geprägt; er muß lernen, sich gegen feindliche Einwohner und seltsame Fabelwesen zu behaupten, und lernt, daß hart auf hart Spaß macht. Zum jungen Mann herangewachsen, bricht er an den Hof von König Artus auf, um sich dort der Tafelrunde anzuschließen, doch erst als Sir Gawain ihn als Knappen annimmt und nach weiteren zahlreichen Bewährungsproben in Turnier und Krieg empfängt der Prinz ohne Land den Ritterschlag. Von da an ist sein Lebensweg ein einziger Triumphzug: Für den Vater erobert er den Thron von Thule zurück, in ganz Europa kämpft er gegen Aggressoren und Dunkelmänner, er gewinnt die schöne Königin Aleta von den Nebelinseln zur Frau und bekommt mit ihr zwei Söhne. Zugleich altert Eisenherz - eines der wenigen Beispiele, die es in der Comic-Geschichte dafür gibt. Allerdings erzählt Foster nicht in Echtzeit, so daß sein Prinz nach mehr als vierzig Jahren seine Söhne gerade einmal als halbwegs erwachsene Mitkämpfer zur Seite stehen hat.
Text: F.A.Z., 17.09.2005, Nr. 217 / Seite 42
Bildmaterial: Bulls