Klassiker der Comic-Literatur

Es zuckt der gewisse zündende Funke

Von Patrick Bahners

Donald Duck: Ein Entenleben

Donald Duck: Ein Entenleben

02. Oktober 2005 Was hätte Donald Duck zu unserer Bibliothek mit Klassikern der Comic-Literatur gesagt? Nicht in meinem Haus! Jedenfalls für den ersten Band der Kollektion hätte Duck schwerlich ein Plätzchen im Regal freigeräumt. Dabei stehen dort sowohl Klassiker der Weltliteratur wie Tolstois „Krieg und Frieden“ als auch Klassiker der Selbsthilfeliteratur wie wohl die komplette „Du und“-Reihe: „Du und das Wasser“, „Du und die Sandbänke“ und so weiter. Und dürfen die vor vier Wochen an dieser Stelle vorgestellten Geschichten von Superman nicht als der einzige Selbsthilfeklassiker gelten, der weltliterarische Wirkung erlangt hat? Der selbsternannte Hilfspolizist zog die Vereinigten Staaten eigenhändig aus dem Loch der Depression. In der Gestalt des Einwanderers aus dem Weltraum schuf sich der amerikanische Individualismus sein Götterbild.

1949 brachten Donald Ducks Neffen Hefte mit Berichten über den „Supermenschen“ ins Haus, einen mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Detektiv (im Original „Super Snooper“), der, wenn er die Superhirne der Unterwelt ans Tageslicht befördern will, mit dem kleinen Finger einmal kurz die ganze Oberwelt beiseiteschiebt. Der Onkel gebot seinen Schutzbefohlenen, jeden Umgang mit dieser albernen Erfindung einzustellen, und konfiszierte die Schundhefte. Comiczeichner handelten in Ducks Augen unverantwortlich: Sie setzten den Kindern nichts als Flöhe in die Ohren. Duck, ein Autodidakt wie Carl Barks, der von ihm erzählt, predigt den Positivismus, eine Philosophie des beherzten Zugriffs auf eine in Einzeldinge zerfallende, nach vernünftigen Gesetzen geordnete Realität. Die Kinder sollen sich mit Physik beschäftigen. Dann werden sie lernen, daß Kometenschwänze sich nicht verknoten lassen und daß man selbst mit supergesunden Zähnen - die Ducks haben Zähne, auch wenn man sie bei geöffnetem Schnabel nicht sehen kann; zum Mond reist Duck nicht ohne seine Zahnbürste - Eisenträger nicht wie Kekse knabbern kann.

Donald möchte lieber etwas Größeres sein

Eigentlich müßte dem Pädagogen Duck alle Lektüre suspekt sein außer dem Buch der Natur. Comicleser kommen ihm nicht ins Haus, weil das Leben draußen stattfindet. Die Kinder, so die Weisung in einer Zehn-Seiten-Geschichte von 1954, sollen das Leben der Ameisen studieren. Die fragten nicht lang, was sie tun sollten, die täten eben etwas. Paradox des positivistischen Erziehungsprogramms: Man befrage die Natur solange, bis man fraglos wie sie funktioniert. In dieser Begebenheit kommt es zur Katastrophe, weil die Neffen ihre Studienobjekte ins Haus bringen - ohne zu fragen. Die in der Garderobe abgestellten Termiten tun, was sie tun können und was sie tun müssen: Sie fressen Duck den Sessel unter dem Bürzel und das Haus über dem Kopf weg. Dem Supermenschen wollte Duck solche Taten nicht abnehmen; gegen die Gewalt des Naturprozesses ist der Widerstand des Unglaubens zwecklos. Zu den artgerechten Aktivitäten der Termita enorma blanca publizierte der „Spiegel“ einen Leserbrief des Naturforschers Hans von Storch, des Gründers der D.O.N.A.L.D., der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus - eine der ersten öffentlichen Manifestationen der deutschen Donaldisten.

Wir wissen aus Donald Ducks eigenen Worten, dem Nebenprodukt einer Hypnosebehandlung: Er möchte lieber etwas Größeres sein. Eigentlich urkomisch daher, daß er die egalitäre Gesellschaft des Kleinstviehs, das keinen Mist macht, als Modell hinstellt. Auch nach dem Sieg über Hitlerdeutschland beschlich die Vormacht der freien Welt gelegentlich der Verdacht, der Totalitarismus könnte der amerikanischen Lebensweise überlegen sein. Konnte die Sowjetunion, von humanistischen Skrupeln unbelastet, mehr machen mit den Gesetzen der Physik? Und selbst wenn man nichts nachmachen wollte, faszinierte am Ameisenstaat das Fremde.

Ein paar Lebensregeln für die Neffen

Hinaus mit euch! Dieser kategorische Imperativ der Duckschen Pädagogik ist das Erbe Ralph Waldo Emersons. Nur in der Außenwelt, im Kontakt und Konflikt mit dem Anderen, kommt das Individuum zu seiner Bildungsgeschichte. Emersons Losungswort lautet: Erfahrung. Das Ich, das keine Erfahrung verschmäht und sich dennoch nur auf sich selbst verläßt - diese Denkfigur Emersons stand Pate für Nietzsches Übermenschen. Emerson transzendierte den Empirismus, den seinen Landsleuten sozusagen die Natur ihres zu erschließenden und zu erobernden Landes mitgegeben hatte. Durch Selbstentäußerung sollten sich dem Individuum innere Welten aufschließen.

Bei Donald Duck beobachten wir die Veräußerlichung des Erfahrungsbegriffs, die unvermeidlich war, als die Verfasser von Selbsthilfefibeln Emersons Rezepte vervielfältigten. Als die Neffen 1956 als Laufburschen eines Importhändlers den ersten Schritt zum ersten selbstverdienten Taler tun wollen, hindert sie ihr Onkel am Fortkommen, indem er ihnen ein paar Lebensregeln mit auf den Weg gibt. Mit dem Hut in der Hand komme man durch das ganze Land, verkündet der Matrosenmützenträger, während die Eilboten auf der Stelle treten. Wochen könnten sie wohl zubringen an diesem Kreuzweg des Lebens, so viele Varianten des „Carpe diem“ hat ihr Onkel auf Lager. Da stehen sie mitten im Kampf ums Dasein und müssen sich so ein geschwollenes Geschwätz anhören!

Ein begnadeter Zeitverschwender und ewiger Trostpreisgewinner

Der Zitatenlieferant, den man selbst nur selten in einer bezahlten Anstellung antrifft, ist ein begnadeter Zeitverschwender. Er haut sich schon einmal eine Nacht um die Ohren, nur um im Privatkrieg mit seinem Vetter Gustav Gans das große Los zu ziehen. Mit zwei linken Händen und zwei linken Füßen geht Donald ins Lebensrennen, und naturgemäß muß er Gustav den Vortritt lassen, als es um den Kletterbaum in Alaska geht, für dessen Erklimmen die örtlichen Einzelhändler prächtige Prämien ausgelobt haben. Und doch ist die Frage, ob der ewige Trostpreisgewinner nicht mehr aus seinem Leben macht als seine bei den Pfadfindern im beidseitigen Durchschlängeln ausgebildeten Neffen.

Als Kanzelprediger war Emerson kein Erfolg. Erst als er sich als Vortragsreisender selbständig machte, genoß er Ruhm und Ansehen, als gewerbsmäßiger Zerstörer orthodoxer Dogmen. So zieht Duck dem geregelten Arbeitsverhältnis das Warten auf die günstige Geschäftsidee vor. 1951 machte er sich einmal den Umstand zunutze, daß die Sammelleidenschaft seines Onkels Dagobert eine künstliche Knappheit von Münzen bestimmter Prägejahre geschaffen hatte. Er kaufte dem Onkel einzelne Kreuzer ab und trug sie zum Münzhändler, der in der Übersetzung von Dr. Erika Fuchs unter dem sprechenden Namen Nickel & Nepp firmiert. Die Lektüre von „Du und die Marktkräfte“ muß der Spekulant sich gespart haben, denn alsbald kaufte er bei seinem Onkel auf Kredit, und als bei Nickel & Nepp die Preise fielen, blieb er auf dem ganzen Blech sitzen. So sieht auch der Schatz seiner Lebensweisheiten aus: ein Berg von kleiner Münze. Es macht nun aber Donald Ducks Größe aus, macht ihn zu einem Helden, dem Keksknabberer und Kometenbändiger sich nicht vergleichen können, daß er als sein eigener Chef und Gönner sich mit unbegrenztem Kredit seine Welt geschaffen hat, obwohl er nur konventionelles Material zur Verfügung hatte.

Eine Ente unter Enten

Er hat alles gelesen, was über Wasser und Sandbänke geschrieben worden ist, ohne, wie er einem Hausierer entgegenhält, der ihm eine Schmuckausgabe gesammelter Politikerreden aufdrängt, alles kaufen zu können, was in einem gebildeten Haus nicht fehlen darf. Er zeigt Mut zur Lücke, subskribiert die Weltausschneidebögen für die zweite Person, legt sich die Dinge zurecht, wie er sie braucht. Im Elternhaus von Carl Barks hingen keine Gainsboroughs und auch keine Winslow Homers. Erst als uralter Mann kam er nach Europa. Seine Welterfahrung beruhte auf Hörensagen. Donald Duck zieht sich, wenn er seinem Vetter Gustav begegnet ist, in die Besenkammer zurück. Barks schuf sein Lebenswerk in der Abgeschiedenheit einer Farm.

Gilt für die Ente, die in der Stadt unter Enten haust, genauer gesagt unter einer Überzahl von Schweinen, Eulen und hundeähnlichen Wesen, nicht das Motto von La Bruyere, das Edgar Allan Poe über seine Kurzgeschichte „Der Mann in der Menge“ gesetzt hat? „Dieses große Unglück, nicht allein sein zu können!“ Wer Donald Duck mit den Augen des Ameisenforschers studiert, erkennt das unglückliche Individuum, das die Soziologie der Massengesellschaft beschrieben hat: den Menschen als Kopie seiner selbst, der außengeleitet ein Leben aus zweiter Hand führt. Die Radiowerbung eines Immobilienmaklers versetzt ihn ins Traumland. Einem heruntergekommenen Kollegen Emersons, Professor Poth, der in einem Zelt Vorträge über die von ihm entwickelte Lebensphilosophie des Knoblismus hält, stellt er sich als Versuchsperson zur Verfügung. Die Frage, ob er der weltumspannenden Organisation der Knoblisten beitreten soll, läßt er Professor Poth knoblistisch entscheiden, und schon ist er Mitglied in dem Verein, nach dessen Lehre man sein Schicksal den Kräften des Zufalls anheimstellen und in jeder Lebenslage eine Münze werfen soll.

Zeichnerische Eleganz und narrative Ökonomie

Was könnte Duck den geheimen und öffentlichen Verführern entgegensetzen? Was er sich angelesen hat. Die soliden Schulkenntnisse in Physik, die er gegen die Science-fiction von der Superspürnase ausspielt, stehen auch nur auf dem Papier. Überprüft hat er die Rechnungen nie, nach denen Übernatürliches nicht möglich sein soll, und auf die unvorhersehbare Evolution der wissenschaftlichen Erkenntnis konnte ihn die Schule nicht vorbereiten. So denkt er nicht daran, daß in dem Fläschchen, in dem er Medizin vermutet, eine atomare Mixtur abgefüllt sein könnte, deren Einnahme den Probanden in den Stand versetzt, gesunkene Ozeandampfer zu heben und dem König der Lüfte sein Revier streitig zu machen.

Die Phantasieprodukte der Superhelden-Industrie verwirft Duck nicht ohne Recht als Trivialliteratur. Aber es ist die Phantasie, die in der Traumfabrik schuftet: Das ist die Pointe der Comicgeschichte, deren Held ein Comic-Zensor ist, der zum Comic-Helden mutiert. Der Zehnseiter ist Parodie und Apologie des Superheldenkosmos zugleich. Von den für das Genre typischen Materialschlachtenbeschreibungen hebt er sich durch zeichnerische Eleganz und narrative Ökonomie ab. Donald, der sich im Fluge dem Adler anverwandelt, um ihn aus dem instinktiven Konzept zu bringen: Grandioser Schwung und hinreißende Komik kommen zusammen in diesem Wappenbild des folgenlosen Größenwahns, den auszukosten Comiclektüre erlaubt.

Donald ist staunender Leser seines eigenen Lebens

Nicht minder großartig aber der verwunderte Gesichtsausdruck, als Duck nicht glauben kann, daß er den Türknauf aus der Tür gerissen hat. Bevor er in die Rolle des Alleskönners schlüpft, die die kollektive Einbildungskraft des wissenschaftlichen Zeitalters jedem Heftchenleser auf den Leib geschneidert hat, steht er erst einmal neben sich, ein staunender Leser des eigenen Lebens.

Für die Analyse der Meisterschaft von Carl Barks fehlt es einstweilen an den Instrumenten einer Wissenschaft vom bildlichen Erzählen. Henner Löffler hat unlängst in seiner Untersuchung „Wie Enten hausen“ (F.A.Z. vom 24. September 2004) das erzählerische Gerüst klassischer Barks-Geschichten freigelegt, ohne daß etwas allzu Spezifisches zutage getreten wäre. Was sich im allgemeinen über die Kunst des Spannungsbogenbaus sagen läßt, muß so simpel ausfallen wie das Kapitel über die Notbrücke im Pfadfinderhandbuch. Ältere Zeitgenossen, die nicht mit Comics aufgewachsen sind, beklagen gelegentlich, es sei ihnen zu schwierig, Text und Bild gleichzeitig zu verfolgen. Tatsächlich wird unterschätzt, wie anspruchsvoll die von den Comics geforderte Parallellektüre oder jedenfalls das parallele Erzählen ist. Die Interpretation einer Donald-Duck-Geschichte von Carl Barks müßte von einer Beschreibung der Gesichtsausdrücke und Haltungen Ducks ausgehen. Ihre Reihe ergibt den Selbstkommentar des Verfassers. Der Fabeldichter, Märchenerzähler und Abenteuerschriftsteller Barks wird durch den Physiognomiker und Anatom Barks ergänzt, überboten und konterkariert.

Seine Umwelt ist zu groß für ihn

Eine der erstaunlichsten Entdeckungen der donaldistischen Forschung wird Gangolf Seitz verdankt. Donald Duck lebt in einer Umwelt, in der alles zu groß für ihn ist. Wenn er im Sessel sitzt, berühren seine Flossen nicht den Fußboden, und wenn er etwas aus dem Küchenschrank holen will, muß er auf einen Stuhl steigen. Man wird verstehen, daß jemand verzweifelt etwas Größeres sein möchte, der im Küchenstudio nie fündig wird. Für das ästhetische Urteil über Barks ist bemerkenswert, daß die Disproportion jahrzehntelang nicht bemerkt oder nicht zur Sprache gebracht wurde. Duck ist in seiner fremden Welt zuhause, so realistisch hat Barks den Entenkörper behandelt, der für die Landnahme doch gar nicht geeignet sein sollte. Duck bewegt sich auch im Ruhemöbel ganz selbstverständlich und ist auch im Zornesausbruch ganz bei sich.

Der Transzendentalist Emersons dachte sich die Verarbeitung des Traditionsdrucks, die Verwandlung der trivialen Stofflichkeiten der Überlieferung in die Form eines unverwechselbaren Lebens als geistige Leistung, die er freilich mit Bildern aus der Welt des Körpers umschrieb, als athletische Anstrengung und gesunde Ernährung. Duck hat sein Training als Kraftathlet rasch abgebrochen, macht den Superhelden im Ernst keine Konkurrenz. Im Reflex der Gesichtsmuskeln, durch spontane Gliederdehnung - Mr. Fantastic ist nichts dagegen - wächst er über den Menschen hinaus. So ist es bei Barks der Körper, der dafür sorgt, daß in einer Welt, in der alles nicht nur benannt, bekannt und beschrieben, sondern längst abgeschrieben und nacherzählt ist, die schöpferische Begeisterung Gestalt annehmen kann.

Carl Barks wurde am 27. März 1901 im äußersten Westen der Vereinigten Staaten, in Oregon, geboren, wo er fast einhundert Jahre später, am 25. August 2000, auch starb. Er arbeitete als Hühnerzüchter, Witzzeichner und Geschichtenentwickler für die Kurzfilme der Disney-Studios.Von 1942 bis 1966 schrieb und zeichnete er für den Verlag Western Publishing Comicgeschichten aus der Welt von Entenhausen. Sie ergeben ein Corpus von circa 6000 Seiten, das in mehreren Gesamtausgaben vorliegt.

Donald Duck war zunächst Filmstar. Im Comic hatte er Gastauftritte in Floyd Gottfredsons Micky-Maus-Strip. Vor dem eigenen Comicheft bekam er den eigenen Zeitungsstrip, den Al Taliaferro jahrzehntelang gestaltete. Spätere Duckzeichner von Rang wie Daan Jippes und Volker Reiche stehen in der Tradition von Barks. Der Amerikaner Don Rosa macht aus der Not des Epigonentums die Tugend der quasi philologischen Fortschreibung.

Bildmaterial: Disney, dpa/dpaweb/Disney

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