Klassiker der Comic-Literatur

Der gezähmte Anarchist: Micky Maus

Von Andreas Platthaus

16. Dezember 2005 Ein Abenteurer? Das hätte man Micky Maus nicht an der Wiege gesungen. Der Legende nach wurde die berühmteste Maus der Welt in einer Garage geboren, wohin sich Walt Disney und Ub Iwerks im Februar 1928 zurückgezogen hatten, um sich eine neue Trickfigur auszudenken. Dabei sollen sie einen kleinen Nager beobachtet haben, der ihnen die Idee eingab, und Disneys Frau Lilian wischte den ersten Namensvorschlag „Mortimer“ resolut vom Tisch: „Zu altertümlich. Nennt ihn doch Micky.“

Diese Legende hat mehrere Haken. In der berühmten Garage, wo Disney 1923 im dritten Anlauf endlich ein erfolgreiches Unternehmen gegründet hatte, arbeitete man 1928 längst nicht mehr. Andere Überlieferungen wollen überdies wissen, daß es Disney allein war, der sich auf einer Zugfahrt quer durch die gesamten Vereinigten Staaten die Maus ausgedacht hat. Und die Wahl fiel deshalb auf diese Spezies, weil alle anderen halbwegs niedlichen Tiere als Trickfiguren schon vergeben waren: Katzen, Hunde, Kaninchen kamen somit nicht in Frage. Mäuse hatte Disney in den letzten Jahren aber schon häufig als skurrile Nebenfiguren in seinen Arbeiten untergebracht. Da dürfte die Entscheidung nicht allzu schwer gefallen sein.

Ein unerzogener Knabe

Nur der Bericht von der Taufe des neuen Hoffnungsträgers scheint nachvollziehbar. „Micky“, das hat tatsächlich einen jugendlichen Klang, und in seinem ersten Film, der die Leinwand erreichte, benahm er sich auch wie ein unerzogener Knabe. Als Matrose eines Mississippi-Dampfers knutschte er während des Dienstes mit seiner Freundin Minnie herum, widersetzte sich den Weisungen des Kapitäns, mißbrauchte die aus allerlei Getier bestehende Fracht für einige Dummejungenstreiche und war im großen und ganzen somit als ein Charakter eingeführt, der mit „leichtfertig“ wohl noch euphemistisch beurteilt wäre. Keinesfalls hätte man von diesem Tunichtgut Heldentaten erwartet.

Doch Micky wurde ein Opfer seines Erfolges. Als das ganze Land über die Kinospäße der Maus jubelte, regten sich alsbald auch die in Amerika allgegenwärtigen Tugendwächter. Elternverbände verwahrten sich gegen eine Leinwandfigur, die halbnackt herumlief (was im Falle von Minnie naturgemäß als noch etwas heikler angesehen wurde) und zugunsten von Schabernack auf Ordnung und guten Geschmack pfiff. Disney vernahm es mit Sorge. Denn wenn man ihm auch nicht nachsagen kann, daß er ein begnadeter Zeichner gewesen wäre, so war er gewiß ein blendender Organisator und Vermarkter, der genau wußte, daß einem Massenphänomen nichts Unangenehmeres drohen kann als üble Nachrede. Seine Micky Maus, die er als Retterin der eigenen Existenz vergötterte, durfte nicht wieder untergehen.

Aus der Schußlinie

Deshalb ließ er Micky im Film immer wieder neue Gefährten zugesellen, die all die wilden oder naiven Eigenschaften übernahmen, die die Maus so beliebt gemacht hatten: Pluto erbte die Rolle des Prügelknaben, Goofy die des Dummerchens, Donald Duck die des Cholerikers. Alle diese Helfer übernahmen bald selbst Hauptrollen, denn selbstverständlich sind bedauernswerte, schlichte oder zornige Gemüter viel interessanter als ein Musterknabe, wie ihn Micky Maus nun gab. Zur Freude Disneys gelang es aber durch diesen Kniff, das Publikum bei der Stange zu halten. Und sein Micky war aus der Schußlinie heraus.

Allerdings auch aus dem Scheinwerferlicht. Die Filme liefen immer schlechter, weil sie langweilig wurden. Meist waren die Handlungsorte auf eine biedere ländliche Umgebung beschränkt, mit der Disney das große Publikum im Mittleren Westen, woher er selbst stammte, ansprechen wollte. Doch zur gleichen Zeit setzte der 1930 ins Leben gerufene Comic strip mit Micky Maus zu einem erzählerischen und graphischen Höhenflug an, der seine Titelfigur aus einem kleinstädtischen Amerika in die große Welt katapultierte, und diese Parallelaktion, die mit der Filmabteilung bei Disney nicht abgesprochen war, verdankt sich vor allem dem Zeichner Floyd Gottfredson.

Im Tal des Todes

Er hatte das Glück, im Mai 1930 in eine bereits laufende Erzählung einzusteigen, die Walt Disney selbst noch als Szenarist begonnen hatte. Alles schien nach vertrautem Muster zu laufen: Minnie soll eine Erbschaft antreten, plötzlich verlagert sich die Handlung in eine Art Spukschloß, und es kommt eine Gruppe Erbschleicher ins Spiel, darunter auch Kater Karlo als ständige Nemesis von Micky Maus. Dann übernahm Gottfredson, und er modelte die Handlung zu einer Kriminalerzählung um, die ihr Finale im Tal des Todes fand. Mickys anarchisches Potential wurde in eine Beschützerrolle überführt, und so sollte es bleiben - bis heute.

Gottfredson war ein viel zu brillanter Zeichner, als daß ihn heimische Dekors befriedigt hätten. Er sah, was Hal Foster mit „Tarzan“ machte, Alex Raymond mit „Secret Agent X-9“ oder Chester Gould mit „Dick Tracy“. Daraus modelte er sich seinen spezifischen Erzählstil zurecht: spannende Detektivgeschichten in exotischer Umgebung. Niemand konnte wie er Meeresszenerien zeichnen, und er erprobte die modernsten Mittel, die ihm der Kunstbedarfshandel zur Verfügung stellte. Gottfredson setzte Rasterfolien ein und experimentierte mit speziellen Tuschen, um neue Schattierungseffekte zu erzielen. Bald war er so akribisch in seinen Darstellungen geworden, daß er sich erst Szenaristen suchte, die ihm die Geschichten schrieben, und dann andere Zeichner, die ihm das Tuschen seiner Bleistiftvorzeichnungen abnahmen. Er selbst verwendete seine Zeit lieber für Recherche.

Opulente Abenteuerepen

Damit machte er Schule, den niemand hatte vor ihm geglaubt, daß man auch bei einer ursprünglich als komisch konzipierten Comic-Serie Qualitätsmaßstäbe wie bei den opulenten Abenteuerepen anlegen mußte, wenn man wirklich großen Erfolg haben wollte. Micky Maus hatte in den dreißiger und frühen vierziger Jahren wirklich großen Erfolg, und nicht wenige der Erzählungen hätten auch für Filme der Schwarzen Serie oder Hardboiled-Krimis getaugt.

Das Amerika, wie Floyd Gottfredson es porträtierte, war bevölkert von Dunkelmännern: Verbrechern, Spionen, Betrügern, Saboteuren, Terroristen, Wahnsinnigen. Er setzte alle graphischen Mittel ein, um die richtigen Stimmungen für diese Figuren zu erzeugen. Man sollte gar nicht glauben, wie viele mittelalterliche Gemäuer sich in der Welt von Micky Maus finden. Alles, was einmal spezifisch ländlich-amerikanisch gewesen war, wurde nun zu American Gothic. Und dieses Genre wiederum stand der europäischen Kultur so nahe, daß die Micky-Maus-Comics sich in der Zwischenkriegszeit auch auf dem alten Kontinent größter Beliebtheit erfreuten. Das sollte sie später retten.

In Amerika eine Katastrophe

Als nämlich erst durch die Papierrestriktionen im Zweiten Weltkrieg die Comic-Segmente der amerikanischen Tageszeitungen immer mehr schrumpften und dann diese Platzverluste nach Kriegsende nicht mehr rückgängig gemacht wurden, verlor der Comic strip seinen Nimbus. Hefte waren jetzt Trumpf, und da diese im Gegensatz zu den Zeitungen von Kindern gelesen wurden, legte man keinen Wert mehr auf besondere Sorgfalt. Die amerikanischen Micky-Maus-Comics seit den fünfziger Jahren sind dementsprechend eine Katastrophe.

Aber der Geist von Gottfredson überlebte in Europa, und zwar konkret in Italien, wo er seine eifrigsten Schüler fand. Vor allem Romano Scarpa und Giovan Battista Carpi schufen neue Geschichten, die zwar auch für die dortigen Hefte namens „Topolino“ (der italienische Name von Micky Maus) bestimmt waren, aber keine übertriebene Rücksicht auf kindliche Gemüter nahmen. In Italien hatte man noch Disneys Überzeugung verinnerlicht, daß gerade Kinder das beste Qualitätsgespür besitzen. Entsprechend wurde dort erzählt: ohne Gewaltexzesse, aber glaubwürdig insofern, daß Polizisten wie Verbrecher durchaus mit Waffen agierten, daß Micky und Goofy häufig an Leib und Leben bedroht waren, daß das Böse auch einmal davonkommen durfte, wenn es der Spannung dienlich war (auf deutsch sind manche dieser Geschichten nur zensiert gedruckt worden). So konnten berüchtigte Schurken aus Gottfredsons Kanon wie die Professoren Zweck und Duplex oder das Schwarze Phantom in Italien zu weiteren Auftritten gelangen, während Gottfredson diese extrem bedrohlichen Charaktere nicht wiederzuverwenden wagte.

Hochinteressante Variationen

Hinzu kam ein ganz neues Element: die Parodie. Italienische Szenaristen schrieben berühmte Romane so um, daß die Rollen mit dem vertrauten Disney-Personal gefüllt werden konnten, und da sie es mit großer Sorgfalt und weitgehender Freiheit taten, entstanden dabei hochinteressante Variationen, die nichts von der Biederkeit der „Illustrierten Klassiker“ hatten - einer Comic-Reihe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Kindern große Literatur durch Bildgeschichten schmackhaft zu machen, was sich als hoffnungsloses Unterfangen erwies, weil die lieblosen Adaptionen erst gar keine Lust auf das Original entstehen ließen.

Das war im Falle der italienischen Disney-Geschichten ganz anders. Hier arbeiteten in den fünfziger Jahren gleich mehrere hochtalentierte junge Zeichner, während in Amerika die bereits seit den dreißiger Jahren etablierte Disney-Elite etwaigen neuen Talenten den Weg versperrte. Und in Italien wurde die graphische Tradition der Großmeister Gottfredson und Barks fortgesetzt, während diese Zeichner selbst ihren heute als klassisch empfundenen Stil in den fünfziger und sechziger Jahren stark modifizierten, weil sie versuchten, moderne Entwicklungen der amerikanischen Comics zu übernehmen. Auch wenn beide überzeugt waren, nie besser gezeichnet zu haben als jeweils zum Ende ihrer Karrieren, genügt ein simpler Blick auf den Einfallsreichtum und das graphische Können eines Romano Scarpa in den fünfziger und sechziger Jahren, um festzustellen, wer das Erbe der großen Disney-Tradition damals besser verwaltet hat.

Ein gelungener Micky-Maus-Western

Mit welchem Geschick von Scarpa und seinen Kollegen die unterschiedlichsten Quellen für Disney-Abenteuer fruchtbar gemacht werden, ist erstaunlich. Gegenüber dem monotonen Erzählstil der amerikanischen Detektivgeschichten um Micky Maus lotete man in Italien alle Möglichkeiten des Genres aus. Selbst vor dem dreisten Plagiat der ersten Episode der Western-Serie „Blueberry“, der wir unseren neunten Band der Comic-Klassiker gewidmet haben, schreckte man nicht zurück - und heraus kam ein gelungener Micky-Maus-Western.

Das setzt sich fort bis in die Gegenwart. Wenn es interessante Experimente mit Micky Maus gab, dann vollzogen sie sich in Europa. Daß aus „Micky Monstermaus“ des deutschen Zeichners Ulrich Schröder nicht mehr wurde als eine einzelne Geschichte, ist angesichts der Virtuosität, mit der hier Horrorfilmelemente mit der Saubermaus Micky verknüpft werden, sehr zu bedauern. In Amerika druckte man Schröders Arbeit zusammen mit Gottfredsons Gruselabenteuer „Mickey Mouse in Blaggard Castle“ ab. Und es war wieder Italien, das in den neunziger Jahren dem jungen Zeichner Cesar Ferioli eine Chance gab, als er den Ur-Micky in kurzer Hose wieder zum Leben erweckte, womit auch heutigen jungen Lesern eine Ahnung von dem vermittelt wird, was einmal den Charme von Micky Maus ausgemacht hat.

Floyd Gottfredson: Geboren am 5. Mai 1905 in Kaysville, Utah, gestorben am 22. Juli 1986 in Kalifornien. Gottfredson fand 1928 kurz nach der Erfindung von Micky Maus im Disney-Studio Anstellung als Trickfilmzeichner. Er war mit der Figur also gut vertraut, als Disneys Chefzeichner Ub Iwerks im Mai 1930 jemanden suchte, der ihm die Gestaltung des täglichen Micky-Maus-Zeitungsstrips abnehmen könnte. Dieser Aufgabe blieb Gottfredson dann für fünfundvierzig Jahre treu, wobei ihm seine wechselnden Szenaristen bis 1955 ausgedehnte Fortsetzungsgeschichten schrieben, ehe die Serie auf Weisung des Vertriebs auf täglich abgeschlossene Gags umgestellt wurde. Im Ruhestand führte Gottfredson einige seiner berühmtesten Szenen als Aquarelle aus, doch der große Nachruhm zu Lebzeiten, wie er Carl Barks erreichte, wurde ihm nicht zuteil.

Micky Maus: Walt Disney und Ub Iwerks entwickelten ihre bekannteste Figur aus der Not heraus: Den bisherigen Star des Studios, Oswald, das glückliche Kaninchen, hatten sie verloren, weil Disney versäumt hatte, sich die Rechte an der Figur zu sichern. Bei Micky Maus, die zu Beginn nichts anderes war als Oswald mit gestutzten Ohren und verlängertem Schwanz, hielt er deshalb alles unter Kontrolle. Als er dann den Mut hatte, zwei bereits fertiggestellte stumme Kurzfilme wieder in der Schublade verschwinden zu lassen, weil der Tonfilm seinen Siegeszug begonnen hatte, und sofort einen eigenen Micky-Maus-Tonfilm produzierte, war sein Glück gemacht. Am 18. November 1928 hatte der Debütfilm „Steamboat Willie“ Premiere, und binnen weniger Monate war Micky ein Weltstar. 1930 wurde der Micky-Maus-Comic-strip gestartet, und als 1951 die Disney-Comics auch in die Bundesrepublik kamen, erhielt das Heft den Namen „Micky Maus“. Die folgenden Jahrzehnte ließen den Comic-Helden Micky - Filme gab es schon längst nicht mehr - zu einer eher langweiligen Figur degenerieren. Doch von den achtziger Jahren an betrieb der Disney-Konzern eine Imagekorrektur, die neue Filme hervorbrachte und der Maus ihre alte Gestalt in der kurzen roten Hose zurückgab. Trotzdem ist sie heute vor allem als Markensymbol von Disney bekannt.

Text: F.A.Z. vom 17. Dezember 2005
Bildmaterial: Abbildung aus dem vorgestellten Band

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