19. Dezember 2009

Keine Bewerbung light

Der schwierige Weg zum Praktikum

Von Tobias Wiethoff




19. Januar 2004 
Praktika sind nicht nur unausweichlich, viele machen sogar Spaß und bringen einen kräftigen Motivationsschub fürs Studium. Doch am Anfang muß erst einmal eine Hürde überwunden werden: die Bewerbung. Wer denkt, daß für Praktika niedrigere Standards gelten, täuscht sich gewaltig.

Ein Praktikum ist noch keine Festanstellung, aber es kann mit etwas Glück zu einer werden. Deshalb sollten Interessenten schon bei der Bewerbung aufs Ganze gehen und nichts dem Zufall überlassen. Das fängt mit der Auswahl passender Adressaten an. War früher die postalische Initiativbewerbung fast der einzig gangbare Weg, hat das Internet die Möglichkeiten vervielfacht. "Stellenbörsen sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die meisten von ihnen haben zugleich eine Rubrik für Praktika", sagt Birgit Adam, Autorin des Ratgerbers "Der clevere Praktikumsführer". Die Liste reicht von A wie akademiker-online.de bis W wie worldwidejobs.de. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) haben die Praktikumsangebote ihrer Mitglieder inzwischen ebenfalls ins Netz gestellt. Allerdings fehlt es noch an der bundesweiten Koordination. "Aber Interessenten suchen ja ohnehin meist regional", sagt Roland Lentz von der IHK Darmstadt, der unter www.praktikant24.de immerhin einen Überblick über das Stellenangebot der elf hessischen Kammern aufgeschaltet hat.

Online-Bewerbung

Viele große Unternehmen wickeln das Bewerbungsverfahren für Praktika heute am liebsten komplett online ab. Offene Stellen werden auf den entsprechenden Webseiten ausgeschrieben, auch die Bewerbungsformulare sind dort vielfach schon hinterlegt. "Bei uns kann man zusätzlich persönliche Karriereseiten mit der gesuchten Stelle einrichten", sagt Silke Walters von DaimlerChrysler in Stuttgart. "Darauf haben dann all unsere Standorte in Deutschland Zugriff." Da sich viele Unternehmen nicht mit Datenbergen belasten wollen, läuft das Auswahlverfahren häufig folgendermaßen ab: Der Bewerber füllt das Eingabetool aus, das Unternehmen trifft daraufhin eine Vorauswahl, führt vielleicht noch telefonische Kurzinterviews und fordert erst dann die vollständige Mappe an. Bei der BASF Aktiengesellschaft geht man einen anderen Weg: "Wir möchten von den Bewerbern schon am Anfang so viel wie möglich erfahren", sagt Angela Engel vom Management Recruiting. Zeugnisse und andere aussagekräftige Unterlagen sollen deshalb eingescannt und der Bewerbung per Attachment angefügt werden. Unternehmen mit speziellen Praktikanten-Seiten im Internet erläutern dort in der Regel präzise, was sie von Bewerbern erwarten. Wer diese Hinweise genau liest, kann sich überflüssige Mühe ersparen. So hat die Kontaktaufnahme zur Deutschen Bank beispielsweise erst ab dem Vordiplom Sinn, während bei der BASF auch schon Bewerber im Grundstudium zum Zuge kommen.

Telefonischer Erstkontakt

Bei Unternehmen ohne Stellenausschreibung oder standardisiertem Praktikantenprogramm müssen Interessenten sich die Mühe machen und den Kontakt von sich aus aufnehmen - am Telefon führt da kaum ein Weg vorbei. "Bei geschickter Ansprache kann man Interesse wecken, selbst wenn an die Einrichtung von Praktikantenstellen bislang gar nicht gedacht war", verspricht IHK-Experte Lentz. So lasse sich ein Unternehmen vielleicht ködern, indem man ein bestimmtes Projekt vorschlägt, das der anderen Seite Vorteile bringt, aber exakt auf die eigenen Stärken zugeschnitten ist. Über genau diese Stärken wie über das Profil des Unternehmens muß man sich freilich vorher Klarheit verschafft haben. Auch scheinbar harmlose Telefonanfragen verlangen Vorbereitung: "Die können schnell in ein Kurzinterview münden", weiß Ratgeber-Autorin Adam. Erst recht muß natürlich das formelle Bewerbungsschreiben verständlich machen, warum der Interessent sich gerade dieses Unternehmen ausgesucht hat und welche Vorkenntnisse ihn für die Mitarbeit prädestinieren. Allgemein gilt für die Abfassung wie für das ganze Bewerbungsverfahren: "Mühe geben! Qualität hochhalten!", so Anja Wegmann, High-Potentials-Beraterin bei Kienbaum.

Auswahlverfahren

Bei der Sichtung der Bewerber wird in den Unternehmen höchst unterschiedlicher Aufwand getrieben - von der Entscheidung nach Aktenlage bis zur Veranstaltung eines Assessment Centers. Teilweise verfolgen Abteilungen in ein und demselben Unternehmen unterschiedliche Strategien: "Unser Personalwesen ist dezentral organisiert, wir haben kein einheitliches Verfahren", sagt DaimlerChrysler-Sprecherin Walters. "Einige Fachbereiche wählen selber aus, andere überlassen das der Personalabteilung, einige veranstalten Vorstellungsgespräche, andere begnügen sich mit einem Telefoninterview." Da die Unternehmen Praktika aber inzwischen als Instrument des Nachwuchs-Recruitings ansehen, müssen Bewerber zunehmend den harten Weg gehen: "Wir suchen unsere Praktikanten ähnlich intensiv aus wie unsere Mitarbeiter", sagt Ralf Rudolf von der Deutschen Bank. "Wir führen strukturierte Interviews in bis zu zwei Gesprächsrunden." Nach einer Kienbaum-Studie setzen inzwischen fast alle großen Unternehmen auf persönliche Vorstellungsgespräche. Sie dauern im Schnitt 60 Minuten. In 85 Prozent der Fälle geht ein Telefoninterview voraus.

Vorstellungsgespräch

Im Vorstellungsgespräch, zu dem man natürlich pünktlich und in gepflegter Kleidung erscheinen sollte, müssen sich Bewerber auf die üblichen unangenehmen Fragen einstellen: "Erzählen Sie doch einmal, was Sie über unser Unternehmen wissen", oder "Was halten Sie für Ihre größte Schwäche?" oder "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" Seinerseits sollte der potentielle Praktikant sicherstellen, daß man im Unternehmen etwas mit seiner Arbeitskraft anzufangen weiß. "Mit einem Kommen Sie mal vorbei, dann sehen wir weiter' sollte man sich nicht zufrieden geben", rät IHK-Experte Lentz. Er empfiehlt, für die Dauer des Praktikums ein klar definiertes Projekt zu vereinbaren, das zu den eigenen Kernkompetenzen paßt und den Lebenslauf sinnvoll ergänzt. "Solche Nachfragen werden honoriert, auch weil sie Interesse dokumentieren", ergänzt Kienbaum-Beraterin Wegmann. Ein mögliches Projekt gehört dann auch in den schriftlichen Vertrag, den abzuschließen Lentz beiden Seiten empfiehlt. Zumindest in großen Unternehmen gehört er ohnehin zum Standard.

Der Vertrag regelt dann auch die leidige Frage der Vergütung. Leicht machen es den Bewerbern in diesem Punkt erneut die Großunternehmen, die fast durchgängig ordentlich bezahlen und die Summen meist auch - gestaffelt nach Studiumsfortschritt - auf ihren Internetseiten angeben. In den meisten anderen Fällen ist die Vergütung Verhandlungssache. Birgit Adam nennt in ihrem Ratgeber einen Richtwert von 350 bis 400 Euro im Monat. Man sollte seine Entscheidung aber nicht allein vom Geld abhängig machen. Auch unbezahlte Praktika können einen großen beruflichen Sprung bedeuten - sofern sie nicht zum studienbegleitenden Dauerzustand werden.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor