11. Oktober 2008
Business-Knigge 

Jobvermittler

Auszug aus dem Jammertal

Von Tobias Wiethoff




24. November 2003 
Der Arbeitsmarkt für Akademiker bietet seit einiger Zeit ein trostloses Bild: Auch Absolventen vermeintlich krisenfester Studiengänge tun sich schwer, eine angemessene Anstellung zu finden. Nun wird von Experten die Trendwende beschworen. Mittelfristig soll sowieso alles besser werden - statt eines Überschusses steht ein Mangel an Akademikern ins Haus. Kurzfristig helfen vielleicht die Dienste der verschiedenen Jobvermittler weiter.

Eine ganz objektive Katastrophe ist das, was viele junge Akademiker seit gut zwei Jahren auf dem Arbeitsmarkt erleben. Einen gelungenen Berufsstart hinzulegen, war auch vorher nicht einfach. Im Nachhinein stellt es sich als Kinderspiel dar. In schöner Regelmäßigkeit widmen sich die Medien den Einzelschicksalen verhinderter Juristen, Journalisten oder Betriebswirte, die 20, 50, 100 Bewerbungen schreiben und noch nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Selten fehlt in den Berichten der Hinweis, daß man sich in diesen Berufsgruppen ehedem den Job habe "aussuchen können" - die Arbeitslosigkeit als Sühne früherer Privilegien.

"Tatsächlich konnte man im Jahr 2000 mit einer Arbeitslosenquote von 2,6 Prozent sogar von Vollbeschäftigung bei Hochqualifizierten sprechen", sagt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

„Viele Akademiker leben in prekären Verhältnissen.“

Der Abstand zu den übrigen Erwerbstätigen ist noch da, aber er hat sich verringert. Rund 264.000 arbeitslose Akademiker verzeichnete die Bundesanstalt für Arbeit Ende August. Knapp zwei Jahre zuvor waren es noch 180.000 - ein überdurchschnittlicher Anstieg. Nicht erfaßt sind in diesen Zahlen zudem jene, die mangels Jobangebot eine Ehrenrunde an der Universität drehen oder sich aus dem Stand auf das Risiko der Selbständigkeit einlassen. "Viele Akademiker leben in prekären Verhältnissen", weiß Schreyer.

Die Misere trifft nicht alle Berufsgruppen gleichermaßen. Es gibt Oasen, in denen eine Sonderkonjunktur herrscht. So ist etwa die Zahl arbeitsloser Ärzte derzeit so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Nach Angaben der Bundesärztekammer kann jedes zweite Krankenhaus offene Stellen nicht mehr besetzen. Zudem erhöhten die Bundesländer nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei der Pisa-Studie ihre Bildungsausgaben, was die ohnehin starke Nachfrage nach Lehrern weiter anheizte. Davon profitierten zum Teil auch Absolventen, die in ihrem anvisierten Job kein Unterkommen fanden, meist Ingenieure oder Naturwissenschaftler. "Es gab überall Quereinsteigerprogramme", sagt Manfred Bausch von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn. "Ob die Lage angesichts der staatlichen Haushaltslöcher allerdings so günstig bleibt, ist schwer abzuschätzen."

Licht und Schatten finden sich zum Teil direkt nebeneinander in der gleichen Berufsgruppe. Den Maschinenbau- und Elektroingenieuren geht es viel besser als den Bau- und Vermessungsingenieuren, die wie die Architekten unter dem weitgehenden Erliegen der Bautätigkeit zu leiden haben. Bei den Biologen, ansonsten zu den Sorgenkindern des Arbeitsmarkts zu rechnen, zahlen sich jetzt Studienschwerpunkte in den Fächern Molekularbiologie, Biochemie, Bio- oder Gentechnologie aus. Dagegen bläst Betriebswirten, die auf Marketing gesetzt haben, verstärkter Gegenwind ins Gesicht. Noch größere Bedeutung kommt in der Krise naturgemäß der Abschlußnote zu. "Juristen mit Prädikatsexamen werden immer noch mit Kußhand genommen", sagt Kienbaum-Beraterin Bauer. Den anderen blieb der Weg in den Öffentlichen Dienst und in große Privatunternehmen zuletzt weitgehend versperrt. Doch auch unter den Juristen gibt es echte Krisengewinnler: die Spezialisten für Insolvenzrecht.

Geisteswissenschaftler trifft die Depression in mehrfacher Hinsicht. Durch die größte Medienkrise der Nachkriegszeit befindet sich ein klassisches Tätigkeitsfeld - Journalismus, Verlagswesen, Werbung und PR - im Zustand anhaltender Dürre. Andererseits wartet die Privatwirtschaft angesichts des Überangebots an Fachkräften auch nicht gerade auf Quereinsteiger. Dennoch weigert sich ZAV-Experte Bausch, in den Geisteswissenschaftlern die Hauptleidtragenden der gegenwärtigen Misere zu sehen. "Um deren Zukunft mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Wer diese Fächer studiert, ist über mögliche Probleme im Bilde und im Gegensatz etwa zu Ingenieuren darin geübt, informelle Netzwerke zu knüpfen."

Auf diese Stärke kommt es in Zeiten der Krise mehr als sonst an. Es gilt, den verdeckten Stellenmarkt zu erschließen, über den Schätzungen zufolge mehr als zwei Drittel aller verfügbaren Jobs besetzt werden. Der Stellenmarkt der Tageszeitungen gibt derzeit ohnehin ein trostloses Bild ab. Nach Angaben der ZAV schrumpfte die Zahl der dort veröffentlichten Stellenangebote für Akademiker seit dem Höchststand im Jahr 2000 um mehr als 70 Prozent. Dagegen errechnete die Bundesanstalt für Arbeit (BfA) für ihre eigenen Dienststellen ein etwas geringeres Minus in Höhe von 40 Prozent. Das könnte darauf hindeuten, daß die Firmen angesichts eines enormen Einsparungsdrucks vorübergehend auf kostengünstige Mittel des Recruitments setzen. Manche beschränken sich inzwischen sogar darauf, Jobangebote auf ihrer Internetseite auszuschreiben. Zuletzt verzeichneten die Arbeitsämter in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen Stellenzuwächse - unter allen Vorboten einer Erholung des Akademiker-Arbeitsmarktes ist das der valideste. Ohnehin sind sich die Experten einig, daß den Hochqualifizierten mittelfristig wieder beste Berufschancen blühen. Allerdings bezieht sich diese Prognose erst auf das nächste Jahrzehnt. "In den nächsten Jahren erwarten wir einen Akademikermangel," sagt Arbeitsmarktforscherin Franziska Schreyer vom IAB. Als Gründe für diese Prognose nennt sie den ungebrochenen Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft, den Bevölkerungsrückgang und die in den 90er Jahren gesunkene Studierneigung. "Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Studium auf jeden Fall", so Schreyer.

Arbeitslosigkeit ist ein Acht-Stunden-Job.

Aber schon vorher wird sich rein statistisch gesehen einiges zum Besseren wandeln und das ausgerechnet in den jetzt benachteiligten Berufen - Stichwort "Schweinezyklus". "Schon in zwei Jahren werden Bauingenieure wieder gesucht", ist sich Michael Schwartz vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf sicher. "Wir warnen davor, dieses Fach jetzt nicht mehr zu studieren." Auch vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien in Berlin, kurz Bitkom, ergeht der Rat: "Antizyklisch studieren! Schon in absehbarer Zeit wird es einen Mangel an IT-Spezialisten geben", so Sprecher Stefan Grob.

Wer jetzt oder eben in absehbarer Zeit ohne Job dasteht, hat von solchen Tips nichts mehr. In dieser Lage hilft nur eine Erkenntnis: Arbeitslosigkeit ist ein Acht-Stunden-Job. Betroffene müssen auf der ganzen Klaviatur der Stellensuche spielen, und dazu zählen auch die Angebote der unterschiedlichen Jobvermittler, wie sie im folgenden vorgestellt werden. Das Nachsitzen an der Universität etwa für eine Promotion bringt nur etwas, wenn es sich später als sinnvolle Stufe der Karriereplanung darstellen läßt. Bei Geisteswissenschaftlern kann ein Doktortitel dagegen sogar das weltfremde Image untermauern. "Sie sollten lieber etwas Praktisches machen", rät Susan Bauer von der Personalberatung Kienbaum in Gummersbach, "etwa eine Sprache lernen."

Weitere Informationen unter:

www.arbeitsamt.de/zav/

www.iab.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor