18. Dezember 2009

Ziel: Berufseinstieg

Ohne Praktikum läuft gar nichts

Von Tobias Wiethoff




19. Januar 2004 
Die Zeiten, als Praktikanten vor allem zum Kopieren abkommandiert wurden, sind endgültig vorbei. Unternehmen lassen sich ihre Praktikantenprogramme heute viel Geld kosten, weil sie aus den Teilnehmern die Führungskräfte von morgen rekrutieren. Daran hat auch die Wirtschaftsflaute nichts geändert.

Eine Weisheit können deutsche Studenten fast schon im Schlaf aufsagen: Grau ist alle Theorie, die besten Noten zählen nichts ohne Praxiserfahrung. Auch Studenten notorisch brotloser Fächer wie der Geistes- oder Sozialwissenschaften haben gelernt, daß ihnen ihr Abschluß nicht viel mehr einbringt als den Verdacht intellektueller Selbstgenügsamkeit. Den Beweis ihres Nutzens für den Arbeitsmarkt müssen sie selbst liefern - zum Beispiel in Form von Praktikumsbescheinigungen. "Mindestens zwei Praktika sind ein absolutes Muß", sagt Anja Wegmann, High-Potentials-Beraterin bei Kienbaum in Gummersbach. "Darunter geht gar nichts."

Auch die Universitäten haben den Ruf nach mehr Praxisnähe vernommen und schreiben in den Prüfungsordnungen vor allem technischer oder wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge zunehmend Pflichtpraktika oder gleich ganze Praxissemester vor. Das gilt in besonderem Maße für Fachhochschulen und die neuen Studiengänge zum Master oder Bachelor. "An Hochschulen mit Credit-Point-System können Pflichtpraktika sogar in die Prüfungsnote einfließen", weiß Ralf Rudolf, Leiter des Hochschulmarketings bei der Deutschen Bank in Frankfurt.

Auf unsere knapp 600 Praktikumsplätze kamen im vergangenen Jahr 4.000 Interessenten."

Die Wirtschaft stellt Forderungen, aber sie eröffnet auch Chancen. Galten Kopierer und Kaffeemaschine früher als durchaus sinnvolle Einsatzgebiete für Praktikanten, erkennen die Unternehmen in den Gästen heute die Mitarbeiter von morgen. Laut einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) stehen Stellenanzeigen und Praktika gemeinsam auf dem ersten Platz, wenn nach Verstärkung für das Unternehmen gesucht wird. "Es gibt einen starken Trend, Mitarbeitern schnell Verantwortung zu übertragen", sagt Kienbaum-Beraterin Wegmann. "Hat sich der Bewerber schon in einem Praktikum bewährt, läßt sich die Einarbeitungszeit verringern und die Ausfallquote minimieren" - Praktika als Instrument eines effizienten Nachwuchs-Recruitings. Die höhere Wertschätzung der Praktikanten schlägt sich auch in den Aufgaben nieder, die ihnen in den Unternehmen übertragen werden. Nach einer Kienbaum-Umfrage beschäftigt sich ein Praktikant zu 80 Prozent mit operativen und eigenen Projekte. Nur 20 Prozent der Zeit verbringt er demnach mit bloßer Zuarbeit. Im Bewußtsein, daß sich mit Weitsicht unterm Strich Kosten sparen lassen, stecken vor allem die großen Unternehmen viel Geld in strukturierte Praktikantenprogramme. Mehrere Mitarbeiter sind bei der BASF Aktiengesellschaft in Ludwigshafen allein für diesen Zweck abgestellt. Praktikanten nehmen an einer zentralen Einführungs- und später an gemeinsamen Fachveranstaltungen teil, bekommen einen persönlichen Betreuer an die Seite gestellt und können im Hauptstudium mit einer monatlichen Vergütung von 770 Euro rechnen. "Wir haben es uns zum Prinzip gemacht, Führungspositionen im Unternehmen aus den eigenen Reihen zu besetzen. Deshalb möchten wir unseren Führungsnachwuchs gerne so früh wie möglich kennenlernen", heißt es auf den Internetseiten des Unternehmens. Es folgt die freundliche Aufforderung: "Unsere Einladung gilt! Jetzt liegt es nur noch an Ihnen."

„Der Druck ist gestiegen, den Lebenslauf mit möglichst guten Namen zu veredeln.“

Ganz so weit, wie es diese Worte verheißen, öffnen sich die Tore für Bewerber dann freilich doch nicht. "Auf unsere knapp 600 Praktikumsplätze kamen im vergangenen Jahr 4.000 Interessenten", sagt Angela Engel vom Management Recruiting der BASF. Bei der Deutschen Bank, die 700 Praktikantenstellen in Frankfurt und weitere 500 bundesweit zu vergeben hat, ist sogar vom Faktor 20 die Rede. "Die Zahl der Bewerber hat bei uns in den vergangenen Jahren stark zugenommen", sagt Ralf Rudolf. Das habe zum einen mit dem ständig gewachsenen Stellenwert von Praxiserfahrung zu tun. Für die Big Player der jeweiligen Branche kommt aber ein Weiteres dazu: "Bewerber wollen nicht einfach irgendein Praktikum absolvieren. Der Druck ist gestiegen, den Lebenslauf mit möglichst guten Namen zu veredeln", so Rudolf. Sich nur auf die großen Unternehmen zu stürzen, wäre aber nicht nur wegen der Konkurrenzlage unklug: "Der Mittelstand trägt die Wirtschaft. Kleine Firmen haben manchmal mehr zu bieten", sagt Bewerbungsberater Horst Siewert aus Reutlingen. "Oft werden einem dort die verantwortungsvolleren Aufgaben übertragen." Die Industrie- und Handelskammern (IHK) gehören zu den wichtigsten Vermittlern von Praktikumsplätzen - fast alle unterhalten entsprechende Börsen im Internet. Allerdings sind es auch vor allem die kleineren Firmen, die angesichts der zurückliegenden Rezession Praktikumsstellen gestrichen oder Vergütungen gekürzt haben.

„Manche mißbrauchen Praktikanten als hochflexible Arbeitsmarktreserve.“

Manchmal kommt dann beides zusammen: viel Verantwortung für wenig beziehungsweise gar kein Geld. Wenn dann noch an den Idealismus appelliert werden kann, ist die Grenze zur Ausbeutung schmal. Der halbe deutsche Kulturbetrieb stützt sich auf die Einsatzbereitschaft von Praktikanten, die oft die gleiche Arbeit verrichten wie Angestellte, aber selten eine Vergütung dafür erhalten. "Manche mißbrauchen Praktikanten als hochflexible Arbeitsmarktreserve", klagt Christian Kühbauch, Leiter des Projekts "Students at Work" beim DGB-Bundesvorstand in Berlin. Gerade Geisteswissenschaftler laufen zuweilen Gefahr, sich aus der akademischen Kunstwelt in den Aktionismus einer Praktikantenkarriere zu flüchten, bis dann irgendwann die Zahl der Praktikumsbescheinigungen die der Scheine im Studienfach übersteigt. "Bei der Zahl der Praktika gilt schon: je mehr, desto besser", sagt Kienbaum-Expertin Wegmann. "Aber die Stellen dürfen keinen Fun-Charakter haben, und es muß immer ein roter Faden erkennbar sein."

„Von der Praktikumsvergütung läßt sich die Sozialversicherung schwer finanzieren, weswegen viele versuchen, weiter an der Hochschule eingeschrieben zu bleiben - eine Grauzone.“

Wegen ihres gestiegenen Stellenwertes für die Unternehmen haben die Praktikantenprogramme die Wirtschaftkrise insgesamt ohne größere Blessuren überstanden. "Nach unserer Einschätzung wurde an dieser Stelle nicht gespart, eher im Gegenteil", sagt VDI-Sprecher Michael Schwartz. Tatsächlich hat etwa die BASF die Zahl der Praktikantenplätze im vergangenen Jahr von knapp 600 auf rund 800 erhöht. Bei anderen Unternehmen wie etwa DaimlerChrysler ist von einer stabilen Entwicklung die Rede. Wenn Bewerbungsberater Siewert dennoch eine deutliche Verlängerung der Vorlaufzeit auf bis zu ein halbes Jahr beobachtet, dann hängt das eher mit der gestiegenen Nachfrage zusammen. Schließlich wird arbeitslosen Hochschulabsolventen empfohlen, lieber noch ein Praktikum zu absolvieren, als eine häßliche Lücke im Lebenslauf aufreißen zu lassen. Daß diese Methode der Überbrückung aber auch ihre Schattenseite hat, weiß DGB-Experte Kühbauch aus seiner Beratungspraxis: "Von der Praktikumsvergütung läßt sich die Sozialversicherung schwer finanzieren, weswegen viele versuchen, weiter an der Hochschule eingeschrieben zu bleiben - eine Grauzone." Praktika können von wenigen Wochen bis zu einem Jahr dauern - die genaue Länge ist Verhandlungssache. Sogenannte Schnupperpraktika dienen lediglich dazu, einen kurzen Einblick in ein Berufsbild oder ein Unternehmen zu gewinnen, um sich danach mit gezielteren Vorstellungen weiter zu bewerben. Grundsätzlich sollte ein Praktikum aber aus Sicht von Kienbaum-Beraterin Wegmann mindestens drei Monate dauern. Einige Unternehmen ziehen sechs Monate vor, was sich in den Semesterferien nicht mehr bewerkstelligen läßt. Allerdings erkennen einige Hochschulen freiwillige Praktika als Beurlaubungsgrund an. "Ein Praktikum von dieser Länge wird im Lebenslauf schon honoriert", ist sich Anja Wegmann sicher.

„Ich erlebe immer wieder, daß sich Praktikanten für rechtlos halten.“

In jedem Fall handelt es sich bei einem solchen Praktikum um ein ausgewachsenes Beschäftigungsverhältnis - mit allen damit verbundenen Pflichten, aber auch Ansprüchen. "Dazu gehört nicht zuletzt die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall", betont Christian Kühbauch vom DGB. "Ich erlebe immer wieder, daß sich Praktikanten für rechtlos halten."

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004
Bildmaterial: C.Fellehner, Labor