19. Dezember 2009

Praktikumsknigge

Keiner mag die Oberschlauen

Von Matthias Wegner




19. Januar 2004 
Eines hat sich unter Praktikanten herumgesprochen: Wer später eine Chance auf eine Festanstellung haben möchte, sollte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Manche verkennen aber, daß der bleibende Eindruck auch ein positiver sein sollte - und benehmen sich kräftig daneben.

Tilma S. wird ihren Kollegen in lebhafter Erinnerung bleiben, obwohl sie nur wenige Wochen bei dem privaten Radiosender als Praktikantin gearbeitet hat. Inbrünstig jeden Musiktitel mitsingend, fegte sie gleich am ersten Tag durch die Redaktions- und Studioräume. Die gleiche Unbekümmertheit legte sie im Gespräch mit den Redakteuren an den Tag, denen sie ständig ins Wort fiel. Entsprechende Einwände konterte sie mit einem entwaffnenden "Ich bin nun einmal Berlinerin." Keine Frage: Tilma S. hatte Schwung, dennoch konnte sie das Praktikum am Ende nach ernsthafter Prüfung nicht als durchschlagenden Erfolg verbuchen.

„Hier kam beispielsweise mal jemand herein und wollte sehr erfahrenen Kollegen beibringen, wie sie zu arbeiten haben. So etwas kann ich auf den Tod nicht leiden.“

„Es kommt immer wieder vor“, weiß auch Marco Vollmer, der bei der Deutschen Welle Praktikanten auswählt und betreut, "daß grundlegende Dinge des täglichen Miteinanders nicht beachtet oder gar nicht erst beherrscht werden. Das ist oft die Keimzelle von Konflikten." Insbesondere zeigen manche Nachwuchskräfte die ausgeprägte Neigung zur Selbstüberschätzung. "Wir versuchen, derartigen Leuten möglichst schnell den Zahn zu ziehen - auch um Kündigungen möglichst zu vermeiden", so Vollmer. Was meistens, aber nicht immer klappt. Nur in Ausnahmefällen werden Praktikanten aufgrund charakterlicher Defizite vor die Tür gesetzt. Schwierig wird es jedoch nach einem solchen Praktikum, den Kontakt zu dem betreffenden Unternehmen zu halten und dort möglicherweise später noch einmal anzuklopfen.

Dieter Schütz, der bei der Commerzbank in Frankfurt seit Jahren die Praktikanten auswählt, findet die "Oberschlauen" am allerschlimmsten. "Hier kam beispielsweise mal jemand herein und wollte sehr erfahrenen Kollegen beibringen, wie sie zu arbeiten haben. So etwas kann ich auf den Tod nicht leiden." Schütz hat über die Jahre noch zwei andere Praktikantentypen kennengelernt, die ihn zur Verzweiflung treiben.

Zum einen, die "unsensiblen, aber ruhigen" Zeitgenossen, die beispielsweise ungefragt Briefe lesen oder auf Schreibtischen herumwühlen, an denen sie nichts zu suchen haben. Und dann gibt es auch den Klassiker, der nur stumm dasitzt und alle Viertelstunde gequält fragt, was er als nächstes machen soll. "Ich verlange Selbständigkeit. Deswegen nehmen wir auch grundsätzlich keine Schüler als Praktikanten." Immerhin 30 Prozent aller Praktikanten, die bei der Commerzbank unterkommen, lassen sich laut Schütz mindestens einer der drei Gruppen zuordnen.

Die Balance zu finden zwischen Zurückhaltung und Selbständigkeit, zwischen Interesse und Übereifer - das ist eine der großen Herausforderungen für jeden Praktikanten. Natürlich kann ein Praktikum auch dazu dienen, erst einmal ordentlich baden zu gehen und aus den Fehlern möglichst schnell zu lernen. Die meisten Firmen und Institutionen haben für derlei Grenzerfahrungen allerdings weder Zeit noch Verständnis.

„Was bei uns nicht gerne gesehen wird, ist, wenn jemand um 18 Uhr den Stift fallen läßt oder sich gegenüber Wochenendarbeit grundsätzlich verweigert.“

Caroline Reese von der renommierten Werbeagentur "Zum Goldenen Hirschen", die viele Praktikanten beschäftigt, versucht deswegen, etwaige Defizite bereits in den Bewerbungsgesprächen auszuloten - aber auch die Bereitschaft, im Bedarfsfall Privates dem Beruflichen unterzuordnen: "Was bei uns nicht gerne gesehen wird, ist, wenn jemand um 18 Uhr den Stift fallen läßt oder sich gegenüber Wochenendarbeit grundsätzlich verweigert. Es sei denn, die Großmutter feiert ihren 80. Geburtstag." Wichtig für ein erfolgreiches Praktikum ist, wie von den meisten Arbeitgebern immer wieder betont, die Fähigkeit zur Selbstkritik. In der Fernsehredaktion der Deutschen Welle kommt es beispielsweise immer wieder vor, daß ein Praktikant voller Stolz einen Moderationstext vorlegt und dann erleben muß, wie ihn der Abnahmeredakteur gnadenlos zerpflückt. "Es gibt Praktikanten, die das persönlich nehmen und sehr ungestüm reagieren, wenn jemand an ihrem Kunstwerk herumfeilt", so Vollmer - eine nicht gerade professionelle Reaktion.

Und dann sind da natürlich auch die tagtäglichen Fettnäpfchen, die selbst auf Praktikanten mit besten Absichten lauern: Wie lange darf die Mittagspause sein? Werden private Telefonate geduldet? Was ziehe ich an? All diese Fragen lassen sich zumeist durch teilnehmende Beobachtung klären. Schwieriger wird es, wenn es um den Kern der sozialen Kompetenzen geht. Gerade jetzt, wo in vielen Unternehmen Stellen abgebaut werden, wittern Mitarbeiter mit wachsender Tendenz Konkurrenz, wenn Praktikanten ins Haus kommen. Schließlich werden immer häufiger feste Stellen in Praktikantenplätze umgewandelt.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor