13. Oktober 2009
Seit Beginn der Medienkrise vor circa acht Jahren hat sich die Situation für angehende Journalisten zugespitzt. Festanstellungen werden immer seltener vergeben, dafür wächst der Konkurrenzdruck unter den Tausenden von freien Journalisten. Besonders für Einsteiger, die noch nicht die nötigen Erfahrungen gesammelt haben, sind die ersten Jahre der Selbständigkeit riskant. Franoise Hauser, selbst freie Journalistin, verrät, worauf man gerade am Anfang achten sollte und wie sich Frischlinge gegenüber alten Hasen behaupten können.
Manch ein Journalist erinnert sich wehmütig an die Zeiten, in denen das Volontariat zwangsläufig in eine Festanstellung mündete. Doch die fetten Jahre des Journalismus sind vorbei: Seit 2001 geistert das Gespenst Medienkrise durch die Flure der großen Verlage. Gesunkene Werbeeinnahmen führten zu einem eklatanten Stellenabbau. Allein zwischen 2000 und 2003 verzehnfachte sich die Zahl der arbeitslosen Journalisten in Deutschland auf rund 9.000. Zu Beginn des Jahres 2008 schien die Krise endlich überwunden, doch dann kamen die Finanzkrise und damit ein weiterer Einbruch der Werbeeinnahmen. Medienkrise, die zweite Runde also. Auch diesmal setzen die Unternehmen wie beispielsweise Gruner und Jahr, die WAZ-Gruppe oder die Süddeutsche Zeitung zu großen Einsparungen an. Mit weitreichenden Folgen für die Nachwuchsjournalisten: Nur rund ein Drittel aller Volontäre wurde in den letzten Jahren nach Ende der Ausbildung übernommen, Tendenz sinkend. Und dies, obwohl die Anforderungen an Volontariatsbewerber in den letzten Jahren enorm gestiegen sind. Die meisten Verlage wünschen sich nicht nur ein abgeschlossenes Studium (Fachrichtung nebensächlich), sondern auch erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter, ja teils sogar einen Abschluss einer Journalismusschule! In Personalunion, versteht sich.
Anstelle von Festangestellten treten zunehmend freie Journalisten, die flexibel einsetzbar sind und natürlich nur bezahlt werden müssen, wenn sie der Verlag braucht. Wer den Weg in den Journalismus sucht und - sei es aus praktischen Gründen (keinen Volontariatsplatz bekommen) oder finanziellen Gründen (noch zwei Jahre in der WG?) kein Volontariat antritt - darf sich daher trösten: Früher oder später landen die meisten sowieso in der Selbständigkeit. Laut der aktuellen Studie des Deutschen Journalistenverbands DJV zur Lage der Freien in Deutschland haben sich rund 40 Prozent der derzeit aktiven Freien aus freiem Willen für ein Dasein als Selbständige entschieden. Darunter viele Frauen, für die eine freie Tätigkeit besser mit dem Familienalltag vereinbar ist. Dazu kommen viele, die keine feste Stelle als Redakteur finden können. Und es sind viele, die in die Medienwelt streben: Rund 2.600 Volontäre werden jedes Jahr ausgebildet, dazu kommen circa 3.500 Absolventen der Fächer Journalismus, Kommunikationswissenschaften, Publizistik und anderer artverwandter Fächer, die ebenfalls mit dem Dasein als Journalist liebäugeln, nicht zu vergessen Hunderte von Abgängern der Journalistenschulen. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch kaum, was schlichtweg daran liegt, dass sich im Grunde jeder als Journalist bezeichnen darf: Der Begriff ist nicht geschützt.
In der Medienwelt sind Alleskönner mit klarem Profil gefragt. Aber auch Experten mit medizinischem, technischem oder naturwissenschaftlichem Know-how sowie Exoten aus den klassischen Was-macht-man-damit-eigentlich-Fächern können hier endlich ihr Fachwissen an den Mann bringen. Ob der Einstieg in den Journalismus erfolgreich verläuft, hängt jedoch nicht nur von der großwirtschaftlichen Lage ab, sondern auch von Eigenmarketing und Hartnäckigkeit. Nicht zuletzt spielen der sprachliche Stil und Spaß an der Vermittlung von fremden Sachverhalten eine Rolle: Die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in knappe und verständliche Worte zu fassen, ist unabdingbar.
Auch das Fotografieren gehört mittlerweile zum Tätigkeitsfeld freier Journalisten. Dank des allgemeinen Sparkurses und des Siegeszuges der Digitalkamera entsenden nur noch wenige Zeitschriften eigens bezahlte Fotografen, um ihre Geschichten zu bebildern. Oft werden Fotos nicht einmal mehr separat entlohnt, sondern gelten als Grundvoraussetzung, um einen Text überhaupt verkaufen zu können.
Wer seine Berufswahl bereits im Studium trifft, sollte die Gelegenheit nutzen, während dieser Phase auch gleich schon erste Erfahrungen mit Redaktionen zu sammeln - sei es als freier Mitarbeiter oder als Praktikant. So knüpft man nicht nur wertvolle Kontakte für die Zeit nach dem Studium, sondern verschafft sich auch einen Einblick in die typischen Redaktionsabläufe. Wer zudem die Fachsprache der Redaktionen beherrscht, tut sich am Telefon allemal leichter, seine Texte zu verkaufen. Was mindestens genauso wichtig ist wie das Schreiben. Letztlich scheitern nämlich viele Freie nicht an Stil oder Ideenmangel: Zu wenig Ausdauer, zu wenig Kontakte, zu wenig Spezialisierung auf lukrative Bereiche, lautet das Fazit des DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken. Dass solche Defizite den Start in die Selbständigkeit zusätzlich erschweren, liegt auf der Hand.
Die Frage, was man als freier Journalist verdient, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Gerade Anfänger tun sich schwer, realistische Preise für ihre Artikel zu verlangen. Nach tagelanger Schreibarbeit, Detailrecherche und Bildersuche wartet auf den hoffungsvollen Nachwuchsjournalisten meist der Schock: Gleich der erste Verkaufsversuch klappt, die fünfseitige Geschichte wird gedruckt. Für 150 Euro. Man muss kein Rechenkünstler sein, um zu erkennen, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stehen. Viele Neulinge nehmen sogar Gratisaufträge entgegen, weil sie erst einmal Referenzen sammeln wollen.
Im Magazinbereich verdient der freie Journalist noch vergleichsweise gut. Die Spanne reicht von 50 bis zu 500 Euro pro Druckseite, wobei je nach Schrift und Satzspiegel zwischen 1.800 und 4.500 Zeichen auf eine Seite passen - diese Zeichenfrage muss also unbedingt vor der Zusage geklärt werden! Spitzenjournalisten mit viel Erfahrung und gutem Eigenmarketing können natürlich auch mehr verdienen. Bei der Endsumme macht sich die Textlänge bemerkbar: Es kann erheblich günstiger sein, einen längeren Text zum schlechteren Preis zu verkaufen, als einen kurzen Text zum hohen Tarif, weil der zeitliche Mehraufwand beim Schreiben nicht unbedingt proportional zur Textmenge steigt. Oder um es deutlich zu sagen: Wer 10.000 Zeichen für 400 Euro verkauft, hat hinterher mehr verdient als der Schreiber mit einem kurzen 2.000-Zeichen-Text für 200 Euro. Einige Zeitschriften zahlen nach Tagessätzen, wobei dies bei Einsteigern eher selten ist. Erscheint der Text in einem Magazin, darf er ein Jahr lang nicht anderweitig erscheinen, es sei denn, es wurden andere Umstände schriftlich vereinbart.
Tageszeitungen zahlen generell ein gutes Stück schlechter als Zeitschriften, dafür sind die Anforderungen an literarische Qualität und Bildgröße meist geringer. Zwischen 20 Cent und einem Euro liegt die Vergütung pro Normzeile (meist 50 Zeichen). Das entspricht bei einer Artikellänge von rund 5.000 Zeichen und einer mittelmäßigen Bezahlung von 70 Cent pro Zeile gerade mal 70 Euro. Dafür dürfen die dort veröffentlichten Artikel, sofern nichts anderes vereinbart wurde, aber auch am nächsten Tag wieder an andere Abnehmer verkauft werden.
Genauso mager sind die Löhne im Online-Journalismus. Selbst große Magazine und Zeitungen zahlen oft nicht mehr als rund 100 bis 150 Euro für 4 000 bis 5.000 Zeichen. Wer komfortabel verdienen will, muss daher geschickt planen und die Möglichkeiten der sogenannten Zweitverwertung nutzen. Zu Deutsch: Texte und Bilder mehrfach verkaufen. Und verhindern, dass die Texte gleich bei der ersten Verwertung im Internet landen. Viele Zeitungen und Zeitschriften setzen ihre Texte selbstverständlich auch auf ihre Website. Ist der Text erst einmal im Internet gelandet, ist er meist auf ewig verfügbar, daher auch nicht mehr weiter verwertbar und als potentielle Einkommensquelle verbrannt. Einen bereits existierenden Text mit zeitlich begrenzter Relevanz (zum Beispiel über ein aktuelles Ereignis) noch einmal online auszuschlachten, kann jedoch auch bei geringer Entlohnung noch interessant sein.
Einen positiven Aspekt gibt es bei allen Unkenrufen aber dennoch: So niedrig die Einkommen der Freien sind, sie sind wenigstens stabil. Laut der DJV-Studie zur Lage der Freien in Deutschland ist das durchschnittliche Einkommen der Freien zwischen 1998 und 2008 mit der Inflationsrate gestiegen und damit de facto gleich geblieben.
Dennoch: Ein großer Teil der Freien kann vom Schreiben alleine nicht leben. Zumindest nicht im unabhängigen Journalismus. Wer sich nicht scheut, hin und wieder auch für PR-Agenturen oder Firmenzeitschriften zu arbeiten, steht finanziell meist besser da: In der Öffentlichkeitsarbeit und Werbung werden doppelte, ja teils sogar dreifache Honorare gezahlt. Die Kehrseite: Die inhaltliche Tiefe der Texte nimmt eher ab, und der Journalist wird zum Lohnschreiber. Es kommt nicht mehr auf eine möglichst objektive und ausgewogene Berichterstattung an, sondern auf die Fähigkeit, den Leser möglichst schnell für ein Produkt zu begeistern.
Nicht jedermann mag sich darauf einlassen. Wer lieber im reinen Journalismus bleibt, muss sich um eine eigene Nische bemühen, ein Alleinstellungsmerkmal, das dafür sorgt, dass ihm nicht jeder beliebige andere Journalist Konkurrenz machen kann.
Von den klassischen Ressorts Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Lokales, Reise, Politik und Lifestyle sind vor allem Kultur, Lokales und Reise am schlechtesten bezahlt. Wohl auch, weil besonders viele Freie in diese Bereiche streben und der Konkurrenzdruck daher besonders groß ist. Wer es schafft, sich in Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft zu etablieren, hat bessere Chancen auf einen guten Verdienst.
Nicht zuletzt lassen sich fachliche Schwerpunkte eventuell auch auf dem Buchmarkt ausschlachten. Allzu eng darf der persönliche Themenradius jedoch nicht werden: Auftraggeber vergeben gerne Folgeaufträge an ihnen bereits bekannte Freie. Lässt sich dieser jedoch nur für einen kleinen Bereich einsetzen, gerät er schnell wieder in Vergessenheit.