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| Norbert Franck |
06. Dezember 2004
...über die Bedeutung wissenschaftlicher Arbeitstechniken im Studium und warum sie an deutschen Hochschulen so wenig praktiziert werden.
Norbert Franck ist Autor des Buches "Handbuch wissenschaftliches Arbeiten":
? Es gibt schon viele Handbücher und Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten. Warum, glauben Sie, ist Ihres dennoch notwendig?
: Entscheidend ist die Perspektive. Ich habe kein "Was man wissen sollte"-Buch geschrieben. Vielmehr gehe ich von den Schwierigkeiten aus, die viele Studierende mit wissenschaftlichem Arbeiten haben. Wie erschließe ich mir zum Beispiel ein Thema? Wie strukturiere ich Information? Wie entwickelt man eine Fragestellung? Im Hochschulalltag beschränken sich Hilfestellungen für Hausarbeiten und Referate häufig auf Hinweise wie: Lesen Sie doch mal bei Habermas nach. Bei so wenig Anleitung sollte man sich nicht wundern, wenn Hausarbeiten und Referate keine Glanzleistungen werden.
? Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Studierende zu kämpfen haben?
: Das Hauptproblem beim Referat ist, daß es nicht als soziale Situation wahrgenommen wird, in der man eine Zuhörerschaft hat, die man für das Thema interessieren muß. Studierende denken häufig, sie müßten im Referat darstellen, was sie alles wissen. Darum geht es aber nicht. Wichtig ist, ein Thema so aufzubereiten, daß es für andere informativ ist und man gerne zuhört. Beim Schreiben von Hausarbeiten ist die zentrale Schwierigkeit, daß Studierende zu sehr an schlechten Vorlagen kleben. Das heißt am eher unverständlichen Stil, der einem in der wissenschaftlichen Literatur begegnet und der einen auch ein Stück fesselt. Man hat in der Fachliteratur oft absichernde Formulierungen oder Hunderte von Fußnoten, statt einer klaren, pointierten Aussage. Dabei wäre es viel wichtiger, deutlich zu machen: Worum geht es in meiner Arbeit, was ist meine Fragestellung, zu welchen Ergebnissen komme ich?
? Umfragen zufolge halten Professoren die meisten der Studierenden für nur mittelmäßig, ein Drittel sogar für "nicht studierfähig". Teilen Sie diese Ansicht?
: Diese Klagen haben Tradition. So lange es die moderne Universität gibt, wird darüber geklagt, daß Studierende nicht studierfähig seien. Man kann das auch umgekehrt formulieren: In einer Umfrage aus diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen sagt ein Drittel der Studierenden, daß sie sich von der Schule schlecht vorbereitet fühlen. Es wird also viel geklagt - nützlicher wäre es, praktische Hilfestellungen zu leisten. Leider ist die Lehre zumindest im Grundstudium bei Professoren nicht sehr beliebt. Das Lehren bringt einen in der Karriere nicht voran und wird häufig als lästige Pflicht erlebt. Die Lehrenden konzentrieren sich zudem primär auf die Inhalte. Das Wie des wissenschaftlichen Arbeitens wird zu wenig berücksichtigt. Daß das Erarbeiten des Themas, die Art der Präsentation eine eigene Qualifikation darstellt, die man sich erwerben muß, wird eher vernachlässigt.
? Was müßten die Universitäten konkret tun, um Schlüsselqualifikationen zu vermitteln?
: Das Vermitteln der wissenschaftlichen Arbeitstechniken müßte durchgängiges Prinzip von Lehrveranstaltungen werden. Wenn etwa Studierende ein Referat halten, dann sollte in der Rückmeldung nicht nur vermittelt werden, ob dieser oder jener Autor richtig wiedergegeben wurde, sondern auch, ob das Thema verständlich dargestellt war, ob der Vortrag Interesse geweckt hat, ob der Einsatz von Medien gelungen war. All das sollte in die Beurteilung mit einfließen. Fakt aber ist: Viele Studierende erwarten schon gar nicht mehr, daß sie an der Universität etwas für ihren Beruf lernen. Sie denken, sie können dort vielleicht etwas über diese Theorie oder jenes Phänomen lernen - und gehen dann aber zu Career-Centern um sich die "richtigen" Qualifikationen anzueignen.
? Wissenschaftliches Arbeiten - nach Ihrer Definition ist das in erster Linie die Aufforderung, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Wird an deutschen Universitäten zu wenig gedacht?
: Ohne eigene Gedanken arbeitet man nicht wissenschaftlich, sondern wird allenfalls zum Knecht oder zur Magd dessen, was andere bereits gedacht oder geforscht haben. Selber denken ist auch das Patentrezept gegen Langeweile im Studium. Mein Eindruck ist, daß viele Studierende, die ein Thema zum Bearbeiten bekommen, keine Begeisterung dafür entwickeln, weil sie es nicht auf eigene Lebenssituationen, auf eigene Fragestellungen, auf aktuelle Auseinandersetzungen beziehen. Wenn das aber gelingt, kann Studieren eine spannende Sache sein. Doch dazu braucht man Neugier, den Impuls, selbst etwas rausfinden zu wollen.
? Werden Studenten an der Universität dazu ermutigt?
: Eher nein. Im Vordergrund steht das Erfüllen der Formalien, das Referieren von Autoritäten. Es gibt Fachbereiche, wo selbst den Doktoranden im Vortrag das "Ich" verboten wird. Das verstärkt die Haltung, als hätte der Vortragende selbst mit Wissenschaft gar nichts zu tun, sondern sei nur ein Medium der Literatur. Man zieht sich auf gesichertes Wissen zurück, statt offene Fragen zu riskieren. Ich denke, daß man Wissenschaft in der ersten Person machen muß. Studierenden möchte ich noch mit auf den Weg geben: Nutzen Sie die Chance, die eine Universität bietet. Schauen Sie auch, was in anderen Fächern gemacht wird. Sie sollten begreifen, daß das Studium eine große Chance ist, seinen Horizont zu erweitern, sich persönlich weiterzuentwickeln. Wo kann man sonst lernen, ein Problem analytisch zu durchdringen, es aufzubereiten, es zu präsentieren?