18. Juni 2007
Ein gern zitierter Spruch über die ach so kultivierten Angelsachsen und die als trampelig verschrienen Germanen geht so: Die Briten sind zu höflich, um ehrlich zu sein. Und die Deutschen sind zu ehrlich, um höflich zu sein. In der Arbeitswelt spielen solche Vorurteile durchaus eine Rolle. Wer als Kollege und Mitarbeiter in einer der rund 3.500 britischen Firmen in Deutschland akzeptiert und geschätzt sein möchte, muss auf seine Umgangsformen achten.
Man glaubt es kaum, doch Englisch sprechen und British English sprechen - das sind zwei Welten. Viele Deutsche, die durch Kundenkontakt die Übernahme ihrer Firma oder durch bewusste Wahl eines Arbeitgebers aus dem Vereinigten Königreich in die britische Unternehmenskultur eintauchen, stolpern am Anfang über vermeintliche Kleinigkeiten.
›Okay‹ heißt zum Beispiel nicht okay, erzählt Achim Bothe, ein zupackender junger Mann Mitte zwanzig, der bei der BP Gelsenkirchen GmbH als Assistent der Geschäftsführung arbeitet. Für die Briten sei ein Okay viel zu schwach. Ich bin bei einem solchen Kommentar schon gefragt worden: ›Was ist dein Problem? Was können wir verbessern?‹ Wenn dein Gegenüber etwas wirklich gut findet, dann ist das eher ›very excellent‹.
Seine Erfahrungen hat Bothe vor allem durch trial and error gesammelt und sich britische Höflichkeit und Schliff zu eigen gemacht. Denn als der Öl-Multi British Petrol 2001 das deutsche Aral-Tankstellennetz übernahm, zogen von heute auf morgen britische Gepflogenheiten in Bothes Arbeitsalltag ein.

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Briten sind sehr formell und legen großen Wert auf Akkuratesse und höfliche Umgangsformen. Bei E-Mails beispielsweise schreibt Bothe nicht mehr frei raus im Stakkato-Ton. Ich gebe mir mehr und mehr Mühe, sagt er. Zunächst lobe ich den Ansatz des anderen und füge dann einige Kommentare oder zusätzliche Anregungen an. Zudem haben viele ins Deutsche übernommene englische Redewendungen für Briten eine andere Bedeutung als bei uns. Mechthild Bülow, die als selbständige Politikberaterin und Coach in Berlin kulturelle Brücken zwischen Deutschland und England baut, betont eindringlich, dass sich der britische Sprachstil grundsätzlich vom Deutschen unterscheide. Sprachliche Softeners wie ›Please‹, ›Sorry‹, ›Thank you‹ oder ›Excuse me‹ haben eine extrem hohe Bedeutung für die Briten, sagt sie. Damit macht man deutlich, dass man ein Gespür für die Beziehungsebene in einem Gespräch hat. Und genau das wird erwartet.
Diplomatie heißt also das Zauberwort im Umgang mit britischen Kollegen und Vorgesetzten. Das hat auch Bothes Kollegin, die Diplomkauffrau Nina Brill, gelernt. Die 27-Jährige koordiniert bei der Deutschen BP AG in Bochum das Thema Biokraftstoffe geschäftsbereichsübergreifend. Anfragen zum Thema erreichen sie aus verschiedenen Geschäftseinheiten in London und aus ganz Europa. Manchmal wird sie mit Dingen konfrontiert, über die sie sich nur wundern kann. Trotzdem bleibt sie cool. ›Das ist Quatsch‹ - ein Satz, wie man ihn im Deutschen spontan verwenden würde, muss man sich verkneifen, sagt Brill. Da antwortet man dann freundlich: ›Das ist vielleicht in anderen Ländern so, aber in Deutschland sind zum Beispiel die gesetzlichen Regelungen soundso‹.
Gerade Berufseinsteiger müssen häufig umlernen. So galt John Binet, 24-jähriger Marketing Assistant für die Zahnbürstenmarke Dr. Best bei GlaxoSmithKline in Bühl, während eines halbjährigen Praktikums in der Europa-Zentrale von GlaxoSmithKline in London anfangs als zu forsch. Die Briten finden die Deutschen oft zu direkt, sagt Binet. Wir sprechen Probleme schnell und ohne Umschweife an. Das macht man in Großbritannien nicht. Seitdem redet der Betriebswirt zunächst über Unverfängliches - zum Beispiel übers Wetter. Erfolgreich leitet er am deutschen Standort inzwischen ein internationales Projektteam für die Weiterentwicklung einer Kinderzahnbürste.
Der britische Humor kommt oft so trocken, dass man kaum merkt, dass bestimmte Floskeln wie nur scherzhaft gemeint sind.
Ein sprachlicher Schlagabtausch gilt hierzulande als sportliche Angelegenheit. Man darf sich auch mal unterbrechen, sagt Mechthild Bülow. In Großbritannien wäre man damit unten durch. Die Briten setzen eher auf eine Dramaturgie aus Understatement, Humor und Selbstironie.
Gerade wenn Deutsche eigensinnig sind und mit durchaus guten Vorschlägen vorpreschen wollen, beißen sie schnell auf Granit. Frank Winterwerb, der beim Staubsaugerhersteller Dyson in Köln für Human Resources zuständig ist, hat schon erlebt, dass solche Kollegen im Headquarter in Malmesbury nicht besonders beliebt sind. Er warnt: Wer seine Ideen durchsetzen möchte, kann Akzeptanzprobleme bekommen. Jede Meinung ist willkommen, aber nicht, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will. Allerdings werde Lob für die Leistung einzelner Personen auch schon mal in einem größeren Verteiler verschickt und könne völlig unerwartet kommen.
Erfahrungen, die Berufseinsteiger in den USA oder mit Amerikanern gemacht haben, helfen auf der Insel nicht unbedingt weiter. Jörg Hoppe war mehrere Jahre für das US-Unternehmen Wal-Mart tätig. Seit acht Monaten arbeitet der 35-Jährige als Development Director bei Gazeley Properties, einem Logistik-Immobilienentwickler in Frankfurt am Main, dessen Hauptsitz im britischen Milton Keynes liegt. Die Amerikaner sind eher kumpelhaft im Umgang und öffnen sich schnell, hat Hoppe festgestellt. Ein Brite würde das nie tun. Sie sind viel reservierter und geschäftlicher. Eine Anrede wie ›Hey guys!‹ oder ›Hey buddy!‹, wie man sie aus Amerika schon mal hört, ist bei den Briten natürlich verpönt.
Wer sich ein bisschen Mühe gibt, kann die klassischen Vorurteile gegenüber Deutschen, dass sie nämlich ungehobelt und plump seien, leicht entkräften. Hoppe weiß inzwischen sogar, wie man im Königreich mit kleinen Witzen einen Lacher erreicht. Der britische Humor kommt oft so trocken, dass man kaum merkt, dass bestimmte Floskeln wie ›This was really bullshit!‹ nur scherzhaft gemeint sind, sagt er. Am besten antwortet man dann mit einer leicht ironischen Steigerung des Ganzen - so nach dem Motto: ›Wenn wir uns richtig angestrengt hätten, hätte wir das auch alles noch schlimmer machen können‹.
Grundsätzlich sind Firmen aus Großbritannien gegenüber Deutschen jedoch aufgeschlossen. Das zeigt sich auch daran, dass Hoppe seit kurzem in Milton Keynes einen deutschen Chef hat. Das A und O für eine solche Karriere ist eine exzellente Beherrschung der englischen Sprache und ihrer Feinheiten. Auch eine britisch eingefärbte Vita bringt Pluspunkte. Andreas Meyer-Schwickerath, Geschäftsführer der British Chamber of Commerce in Berlin, sagt: Briten schätzen die gute Ausbildung deutscher Absolventen und ihre Sprachkenntnisse. Gern gesehen sind Auslandspraktika.
Auch Oliver Aust, 31 Jahre jung, brachte die richtigen Voraussetzungen für den Sprung in ein Unternehmen mit Hauptsitz auf der Insel mit. Er studierte Europäische Politik an der LSE in London, danach war er als Lobbyist in Brüssel für die Automobilindustrie tätig. Jetzt ist er Pressesprecher bei easyJet Deutschland.
Viele britische Firmen wachsen und interessieren sich auch für deutsche Kandidaten, beobachtet er. Absolventen und Young Professionals bekämen in britischen Firmen zudem mehr Eigenverantwortung, was ihm besonders gut gefalle. Bei äußerst flachen Hierarchien könne er viele Dinge ohne lange Dienstwege selbst entscheiden.
Die Bundesrepublik ist schon jetzt mit rund 100 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr nach den USA Großbritanniens zweitwichtigster Handelspartner. Und das Image der Kraut-Esser wird ständig besser. Deutschland wird als ein modernes Land wahrgenommen, sagt Aust. Das hängt nicht zuletzt mit der Fußballweltmeisterschaft vom letzten Sommer zusammen. Auch eine Frau als Kanzlerin werde als fortschrittlich angesehen. Die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre habe sich ironischerweise ebenfalls positiv auf das Ansehen ausgewirkt. Seitdem wir Deutschen auch mal Schwäche zeigten, seien wir in England prompt viel beliebter, meint der easyJet-Pressesprecher.