20. November 2006
Ein bißchen unkonventionell wirken sie, locker, kreativ und doch äußerst leistungsfähig. Aber wie sehen das Insider, die dort arbeiten? Wir haben nachgefragt: Sind die Nordlichter wirklich so nett, oder machen sie bloß gutes Marketing?
Bei Ikea fühlen sich alle gleich. Das liegt daran, daß die Ideen und individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen sehr ernst genommen werden, findet Beatrix Cramer, Verkaufsentwicklungschefin (VEC) beim unmöglichen Möbelhaus aus Schweden. Sie arbeitet seit eineinhalb Jahren bei Ikea, den Sprung zur VEC schaffte sie im April. Das blau-gelbe Ikea-Outfit trage ich aber weiterhin, sagt die 26jährige Absolventin der European Business School (ebs) in Oestrich-Winkel. Und am Wochenende oder im Weihnachtsgeschäft krempelt sie die gelben Ärmel hoch, um im Verkauf zu helfen und im Lager mit anzupacken.
Privilegien wie teure Einzelbüros, Sonderparkplätze oder eigene Assistenten gibt es bei Ikea nicht. Auch Deutschland-Chefin Petra Hesser sitzt mit im Großraumbüro. Wer ein Anliegen hat, sagt einfach Hey, Petra. Man duzt sich bei Ikea, von der Spülkraft bis zum Top-Manager. Es ist ein respektvolles ›Du‹, unterstreicht Pia Palmu, die das Personalmarketing bei Ikea leitet.
Auch in anderen schwedischen Unternehmen mit Sitz in Deutschland ist das Du üblich. Zum Beispiel bei Teleca Systems, einem schwedischen IT- und Kommunikationsdienstleister mit Niederlassungen in Nürnberg und Bochum. Das Unternehmen beschäftigt 3.800 Mitarbeiter in 17 Ländern. Hierzulande sind es derzeit 200, in den nächsten Monaten sollen 30 junge Informatiker, Elektro- oder Nachrichtentechniker eingestellt werden.
Bei Gesprächen mit schwedischen Kollegen oder Kunden fühlt man sich schnell wohl, weiß Wolfgang Stahl, der als Director Program Office von Nürnberg aus Großprojekte leitet. Seiner Erfahrung nach gehen Schweden sehr auf ihre Gesprächspartner ein, das Du vermittelt Vertrautheit. Aber Vorsicht: Schwedische Geschäftspartner vermeiden zwar jede offene Konfrontation, üben aber dennoch Kritik. Sie verpacken die Kritik nur besser, erklärt Stahl. Lobt ein Schwede etwa eine recht interessante Präsentation, hat er sich wahrscheinlich gelangweilt.
Die Nachfahren der Wikinger treffen Entscheidungen grundsätzlich gemeinsam. Ein Durchregieren von oben nach unten, wie es in vielen südeuropäischen Ländern üblich ist, gibt es hier nicht. Geert Hofstede, emeritierter Professor für Internationales Management an der Universität Maastricht, nennt einen Grund: Skandinavien stand nie unter römischer Zentralgewalt; hier regierten die Stämme sich selbst. Die geringe Machtdistanz sei deshalb tief in die mentale Software eingegraben.
Zu Anfang hatte ich den Eindruck, daß die Schweden bei ihren Diskussionen ›schwimmen‹ und wenig zielgerichtet vorgehen, erinnert sich Teleca Deutschland-Chef Stahl. Doch der Eindruck trügt. Sie diskutieren ihre Bedenken sehr gründlich. Daraus ergeben sich dann Entscheidungen, die gemeinsam getragen werden. Bauchentscheidungen von Einzelkämpfern gebe es nicht. Bei Ikea läuft es ähnlich. Hier trifft kein Vorgesetzter eine Entscheidung für sich allein, sagt auch Pia Palmu.
Daß die Schweden in Deutschland gute Geschäfte machen, ist vielleicht eine Spätfolge der alten Handelstradition, die beide Länder bereits vor der Zeit der Hanse verbunden hat. Auch heute noch ist Deutschland einer der wichtigsten Wirtschaftspartner des Landes, und schwedische Produkte sind hierzulande nicht mehr wegzudenken: Seien es Möbel von Ikea, Klamotten von Hennes & Mauritz, Milchtüten von Tetrapak oder Autos, Busse und LKW von Saab, Scania und Volvo.
http://www.ikea.de
Im Geschäftsjahr 2005 erwirtschaftete Ikea einen Umsatz von 2,77 Milliarden Euro. Das entspricht einer Umsatzsteigerung von 11,3 Prozent. Deutschland blieb - wie auch in den vergangenen Jahren - mit einem Marktanteil von 19 Prozent der wichtigste Markt für IKEA, gefolgt von den USA (11 Prozent), Großbritannien (11 Prozent), Frankreich (9 Prozent) und Schweden (8 Prozent). Ikea beschäftigt in Deutschland rund 11.650 Mitarbeiter.
http://www.telecasystems.de
In Deutschland setzte Teleca-Systems 2005 rund 27 Millionen Euro um. Das Unternehmen beschäftigt hier 200 Mitarbeiter, weltweit sind es 3.800. Die Präsenz in Europa soll kontinuierlich ausgeweitet werden. Auf der Kundenliste des schwedischen IT-Unternehmens stehen Namen wie AMS, Ericsson, Motorola, Nokia, Orange, Panasonic, Saab, Sagem, Samsung, Siemens, Sony Ericsson, T-Mobile, Telia, Vattenfall, Vodafone und Volvo.