16. Oktober 2008
Business-Knigge 

Zeitarbeit

Von wegen nur Hilfsarbeiterjobs!

Von Freia Peters




24. November 2003 
Zeitarbeitsfirmen zahlen schlecht und nutzen ihre Mitarbeiter aus. Dieses Image hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Ab Januar 2004 bindet ein aus der Hartz-Kommission hervorgegangenes Gesetz die Personaldienstleister an Tarife. Die Branche hofft dadurch auf mehr qualifizierte Mitarbeiter. Schon jetzt sind zehn Prozent der deutschen Zeitarbeiter Akademiker.

Gute Jobs für Akademiker in der Zeitarbeit? Das soll es geben? Zum Kerngeschäft gehören Hochqualifizierte für die meisten Zeitarbeitsfirmen in der Tat nicht. "Noch nicht!" sagt Sylvia Knecht vom Deutschen Industrie Service, kurz DIS. Das Unternehmen hat den höchsten Akademikeranteil der rund 4.000 Zeitarbeitsfirmen auf dem deutschen Markt. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter besitzt einen Hochschulabschluß. "Derzeit bieten wir 850 offene Stellen", sagt Knecht. Sie geht davon aus, daß sich der Zeitarbeitsmarkt in den nächsten Monaten und Jahren "extrem schnell entwickeln wird". Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft wird erwartet, daß im Jahr 2030 rund die Hälfte aller Arbeitsplätze zeitlich befristete Projektarbeiten sind.

„Wir unterscheiden uns nicht groß von anderen Arbeitgebern.“

Zeitarbeit - das ist eine "Ménage à trois". Die Zeitarbeitsfirma stellt einen Arbeitnehmer ein und überläßt ihn dann einem Kunden. Die Differenz zwischen der Bezahlung des Kunden und dem Lohn des Mitarbeiters ist der so-genannte Cross profit des Unternehmens. Die drei größten Zeitarbeitsfirmen auf dem deutschen Markt, Adecco, Randstad und Manpower, vermitteln meist Hilfsarbeiterjobs und haben den Ruf, schlecht zu bezahlen. Doch es gibt auch Zeitarbeitsfirmen, die hauptsächlich mit Hochschulabsolventen arbeiten und gute Bedingungen garantieren. Wer etwa über DIS einen Job in der Zeitarbeit finden will, muß eine schriftliche Bewerbung einreichen und ein Vorstellungsgespräch führen. "Wir unterscheiden uns nicht groß von anderen Arbeitgebern", sagt Sylvia Knecht. "Nur findet der Einsatz unserer Mitarbeiter eben nicht in unseren Räumen statt." Aber der Bewerber werde genauso streng unter die Lupe genommen - und kann sich genauso gut eine Absage einhandeln. Das realisieren viele Hochschulabsolventen nicht und sehen die Zeitarbeitsfirma nur als Notlösung. Woran die Bewerber oft kranken, sei Selbstüberschätzung, findet Knecht. Sie erlebt es regelmäßig, daß Bewerber ihre Sprachkenntnisse als "verhandlungssicher" einstufen, beim Test aber übers Urlaubsniveau kaum hinauskommen. Bei den meisten Firmen bekommt der Mitarbeiter auch dann Lohn gezahlt, wenn gerade kein Einsatz für ihn zu finden ist. Die Bezahlung ist bei DIS vergleichsweise hoch. "Für uns ist der Tarifvertrag kein Thema", sagt Sylvia Knecht. Die Firma wirbt damit, in fast allen Fällen sogenanntes Equal treatment zu bieten. Der Kunde - etwa Daimler-Chrysler, Volkswagen oder Beiersdorf - verpflichtet sich dazu, den Zeitarbeiter in Sachen Lohn und Urlaub genauso zu behandeln wie einen Festangestellten.

Ab 2004 Bezahlung nach Tarif
Die Zeitarbeitsfirmen, die kein Equal treatment bieten, müssen ab dem 1. Januar 2004 im Rahmen des neuen "Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" nach Tarif zahlen. "Die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne liegen dann zwischen 6,85 und 15,50 Euro in der Stunde", sagt Tanja Siegmund von Adecco, dem weltweit größten Personaldienstleister mit Hauptsitz in der Schweiz. "Die Akademiker liegen da natürlich im oberen Bereich", versichert sie. Von den 29.000 Mitarbeitern bei Adecco sind nur acht Prozent Akademiker.



Noch weniger sind es bei Randstad, dem deutschen Zeitarbeitsriesen, dessen Kerngeschäft die Vermittlung von Hilfsjobs bildet. "Durch den Branchentarifvertrag werden wir aber für qualifiziertere Mitarbeiter interessanter", glaubt Randstad-Sprecherin Petra Timm. Schon jetzt verzeichnet sie wesentlich mehr Anfragen von Studenten oder Abgängern als noch vor anderthalb Jahren. Von Vorteil sei, daß es mit dem neuen Gesetz keine maximale Überlassungsdauer mehr geben werde. Bisher konnten die Zeitarbeitsfirmen ihre Mitarbeiter höchstens für 24 Monate vermitteln. Ab Januar ist diese Grenze aufgehoben.

„Legalisierte Sklaverei“

Claudia Striezel freut sich schon darauf. Die Betriebswirtschaftlerin ist derzeit bei Adecco angestellt und arbeitet als Sekretärin im Springer Verlag in Berlin. 880 Euro verdient sie im Monat. "Legalisierte Sklaverei" nennt sie das. Im kommenden Jahr wird es dann wegen des neuen Gesetzes eine Gehaltserhöhung geben. Trotz hoher Qualifikation hat Claudia Striezel zwei Monate auf einen Einsatz gewartet. Selbst bei Zeitarbeitsfirmen sei es im Moment "schwer reinzukommen", sagt die 28jährige. "Die großen Agenturen agieren oft nur behäbig", ist ihre Erfahrung, weshalb sie die Empfehlung gibt, sich auch an kleine, regionale Anbieter zu wenden.

Etwa an Heidrun Jürgens Zeitarbeitsfirma in Hamburg. Die Philosophie der Agentur an der Außenalster lautet: je kleiner, desto individueller. Die Verweildauer der externen Mitarbeiter liege im Schnitt bei drei bis vier Monaten. "80 Prozent haben nach ihrem Einsatz einen festen Job", sagt Jürgens. Lufthansa, Warner Brothers und der NDR gehören zu ihren Kunden, die Entscheider der Firmen kennt sie meist persönlich. Heidrun Jürgens arbeitet hauptsächlich mit Hochschulabsolventen. Im August konnte sie neun Akademiker in feste Stellen entlassen. "Klebeeffekt" nennt man das in der Branche - ein bei Heidrun Jürgens durchaus willkommenes Phänomen: "Das ist ja für uns ein Kompliment, wenn wir so gute Mitarbeiter vermitteln, daß man die gleich behalten will." Gegegenwärtig sucht Airbus über Heidrun Jürgens 20 Ingenieure für ein viermonatiges Projekt - sechs sind schon eingestellt.

Arbeit auf Probe
Manche Bewerber sehen in der Projektarbeit der Zeitarbeit sogar einen Vorteil: Wer sich noch nicht sicher ist, wo er hin will, kann auf diese Weise verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. "Zu uns kommen viele Absolventen frisch von der Uni", bestätigt Heidrun Jürgens, die in Vorstellungsgesprächen auch schon einmal beratend tätig wird. In ein paar Jahren, prophezeit sie, werde die Zeitarbeit nicht mehr nur für die Krankheitsvertretung in Anspruch genommen. Dann kalkulierten die Firmen mit einem Anteil an flexibler Belegschaft. "Bei unseren niederländischen Nachbarn ist das bereits der Fall", bestätigt ihre Kollegin Sylvia Knecht von DIS.

„80 Prozent haben nach ihrem Einsatz einen festen Job.“

Dort habe Zeitarbeit einen ganz anderen Stellenwert. "Die vermitteln Piloten, Lehrer und Ärzte." In Deutschland sind es immerhin schon Betriebswirtschaftler, Ingenieure und Informatiker.

Weitere Informationen unte:

www.adecco.de

www.dis.ag

www.randstad.de

www.zeitarbeit-juergens.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor