19. Januar 2004
Welche Fragen in einem Bewerbungsgespräch auf den Tisch kommen, ist heute kein Geheimnis mehr. Ratgeber in Hülle und Fülle haben die Standardfragen bekanntgemacht und dazu geführt, daß Bewerber mit auswendig gelernten Standardantworten erstens Personaler langweilen und zweitens die Chance verpassen, mit ihrer Persönlichkeit zu punkten. Es geht auch anders.
"Ein Bewerbungsgespräch ist sicher der schlechteste Zeitpunkt, zu schauspielern oder gar auswendig gelernte Texte aus Ratgebern herunterzubeten", ist Jens Plinke überzeugt, der beim Recruiting-Dienstleister Access in Köln für den Bereich "Candidates Attraction & Care" verantwortlich ist. Letztendlich seien doch beide Seiten an einem möglichst authentischen und realistischen Eindruck voneinander interessiert: "Das Unternehmen möchte wissen, was Sie als Bewerber können und wie Sie als Mensch gestrickt' sind, denn eine Neueinstellung bedeutet auch immer gleichzeitig eine Investition", so Plinke. Gleichzeitig wolle der Bewerber ja auch sein zukünftiges Arbeitsumfeld einschätzen: Wie sieht der Aufgabenbereich aus? Werde ich mit den Vorgesetzten und den Kollegen zurechtkommen? Welche Perspektiven kann mir das Unternehmen bieten? Wenn die Personaler vorgestanzte Fragen stellen und der Bewerber darauf ebenso standardisiert antwortet, dann ist das nicht viel mehr als eine gut geprobte und ziemlich langweilige Theatervorstellung. Gleichzeitig wäre es unklug, allzu naiv oder schlicht unvorbereitet auf die Fragen zu reagieren - damit hat sich schon mancher ins Aus katapultiert. Anhand klassischer Personalerfragen erklärt der Personalexperte, wie die Gratwanderung zwischen authentischer Selbstdarstellung und Tritt ins Fettnäpfchen gelingt.
1. "Wie sehen Ihr Ausbildungsweg und Ihre bisherige Praxiserfahrung aus?"
"Das haben Sie doch alles schon in meinem Lebenslauf gelesen", wäre eine ehrliche Antwort, die aber an der Intention des Fragenden völlig vorbeigeht. Der gibt dem Bewerber mit dieser Frage nämlich die Chance, "aufzutauen" und erst einmal das zu präsentieren, was er zu Hause vorbereitet hat. Das ist eine gute Gelegenheit, den roten Faden im Lebenslauf freizulegen. Hier sollte man klare Schwerpunkte setzen, indem man sich auf die markanten Stationen konzentriert: ausgewählte Praktika, Auslandsaufenthalte, Studienprojekte. Bewerber können hier punkten, wenn sie aktiv von sich aus anhand konkreter Beispiele ihre Erfahrungen und Charaktereigenschaften darstellen und belegen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Wie haben diese Erfahrungen Sie persönlich weitergebracht? An der Stelle kann man ruhig lebhaft werden und die Leidenschaft für das, was man auf die Beine gestellt hat, für sich sprechen lassen. Man sollte aber nicht vergessen, auf den Punkt zu kommen: Das Neuseeland-Projekt mag noch so spannend gewesen sein - nach drei bis vier Minuten schalten die Gesprächspartner ab.
2. "Wie würden Sie sich selbst kurz charakterisieren?"
Beliebt ist auch die Variante "Was sind Ihre drei größten Stärken und Schwächen?" Wer an dieser Stelle sagt: "Meine größte Schwäche ist Ungeduld", wird vor allem eins bei seinen Gesprächspartner erreichen: Ungeduld. Denn genau diese Antwort hören sie seit Jahren mehrmals täglich. Bewerber sollten diese Frage lieber dazu nutzen, Ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis zu stellen: Wo stand mir eine Schwäche schon einmal im Wege? Was tue ich, um mit meinen Schwächen umzugehen? Schwächen können auch Dinge sein, die man vielleicht nicht so gerne tun. Man sollte eines nicht vergessen: Jeder Mensch zeichnet sich durch Stärken und Schwächen aus. Wichtig ist, daß jeder seine Schwächen kennt, damit umgehen kann und anderen die Chance gibt, diese Schwachpunkte mit ihren Stärken auszugleichen. Gerade das ist es, was gute Teams auszeichnet. Trotzdem ist Vorsicht bei diesem Punkt angebracht: Nicht jede Schwäche ist für das Vorstellungsgespräch das richtige Thema.
3. "Warum interessieren Sie sich speziell für unser Unternehmen?"
Hier zeigen Sie, daß Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben: Glänzen Sie mit Ihrem Wissen über das Unternehmen und über die Branche, in der es tätig ist. Zählen Sie aber nicht, wie in einer Prüfung, einfach Fakten auf. Steigen Sie ruhig in eine Fachdiskussion ein: Über Produkte, Projekte oder Kampagnen. Erzählen Sie von Ihren Praktika aus der gleichen Branche. Was hat Ihnen gefallen? Was hat Sie besonders interessiert? Je entspannter Sie in diesem Gesprächsteil sind, desto größer ist der Gefallen, den Sie sich und ihren Gesprächspartnern tun: Sie stellen sich als ernstzunehmenden, angenehmen Kollegen vor. Werden Sie aber nicht zu geschwätzig, und prahlen Sie nicht mit Ihrem Wissen - nicht vergessen: Sie sitzen immer noch in einem Bewerbungsgespräch.
4. "Stellen Sie bitte eine Projekttätigkeit aus Ihrer bisherigen Praxiserfahrung vor."
Wo sind Sie hier an Grenzen gestoßen? Was war der größte Lerneffekt für Sie während dieses Projektes? Diese Fragen zielen - ganz ähnlich wie die Frage nach Schwächen - auf die Persönlichkeit. Die Personaler wollen wissen, wie realistisch der Bewerber sich selbst einschätzen kann. Wie groß ist die Fähigkeit und Bereitschaft, aus Erfahrungen zu lernen? Steht der potentielle Kollege auch zu Mißerfolgen oder streitet er Rückschläge ab? Über das Eingeständnis, auch einmal an Grenzen gestoßen zu sein, zeigt ein Bewerber "Standing". Man kann ruhig gestehen, einmal ein Ziel nicht erreicht zu haben. Wesentlich ist, man sollte Fehler nie zweimal machen und klare Schlüsse aus seinen Erfahrungen ziehen. Auf die Frage: "Was würden Sie in Zukunft anders machen?" sollten man eine gute Antwort haben.
5. "Warum bewerben Sie sich genau für diesen Aufgabenbereich?"
"Weil mein großer Bruder das Gleiche macht", sollte man jetzt nicht antworten, auch wenn es der Wahrheit entsprechen mag. Gefragt sind die eigene Motivation, die eigene Entscheidung und der feste Wille, genau in diesen Aufgabenbereich zu gehen. Idealerweise beschäftigt man sich mit dieser Frage schon während des Studiums - sie ist elementar für die Karriereplanung. Wer in seinem Lebenslauf einen roten Faden durch Studienschwerpunkte, Praktika und Diplomarbeit aufzeigen kann, der genau auf diesen Aufgabenbereich zuläuft, hat die besten Karten im Bewerbungsgespräch. Personaler wird es immer freuen, wenn Bewerber von sich aus aktiv Beispiele aus Ihrem Lebenslauf heranziehen, mit denen sie ihre Aussagen fundieren können. Gibt es diese Beispiele nicht, sollte man doppelt gut vorbereitet sein und sich in Ruhe eine plausible Strategie überlegt haben: Man kann auch eine Kehrtwende im Leben beschreiben, um etwa einen Quereinstieg zu begründen. Daß starke Erfahrungen einem Lebenslauf eine völlig neue Richtung geben, kommt in den besten Familien vor, man muß nur mal Biographien lesen.
6. "Welche beruflichen Ziele wollen Sie in drei bis fünf Jahren erreicht haben?"
Konzernchef" ist keine gute Antwort. Hier sollte man zeigen, daß man seine Perspektiven realistisch einschätzen kann. Hier soll man sagen, wie die Vorstellungen aussehen: Möchte ich mittelfristig Personalverantwortung übernehmen oder lieber eine Expertenlaufbahn einschlagen? Niemand muß bis ins letzte Detail aufzählen können, was er in fünf Jahren genau erreicht haben will, es geht eher um eine Definition der groben Richtung, in die sich der Bewerber entwickeln möchte. Er sollte bereits Aussagen dazu treffen können, in welchen Bereichen er zukünftig Verantwortung übernehmen will: zum Beispiel für Kunden, Budgets oder Projekte. Es ist definitiv kein K.-o.-Kriterium, wenn jemand keine Personalverantwortung übernehmen will. Das gilt allerdings nicht, wenn sich jemand um ein Traineeprogramm bewirbt - diese Programme sind klar auf Führungsnachwuchs ausgerichtet. Die Frage nach Zielen können Bewerber auch ganz geschickt nutzen, indem sie das Gespräch auf ihr erstes Jahr im Unternehmen richten. Schließlich erwarten auch sie einiges: eine fundierte Einarbeitung, sukzessive Übernahme von Verantwortung, den schnellen Aufbau einer soliden fachlichen Basis und eines Netzwerkes etc. Der Bewerber sollte hier Flexibilität und Offenheit für weitere berufliche Entwicklungsmöglichkeiten signalisieren. Abschließend kann man noch fragen, ob sich dies so mit den Möglichkeiten bzw. Erwartungen des Unternehmens deckt oder ob es Alternativen gibt. Vielleicht findet man auf diesem Weg noch weitere interessante Optionen, die man gar nicht in Betracht gezogen hatte. Oder man findet unter Umständen heraus, daß das Unternehmen, bei dem man sich gerade vorstellt, gar nicht das Richtige für einen ist.
7. "Was haben Sie für Gehaltsvorstellungen?"
Diese Frage wird meist kurz vor Ende des Interviews gestellt und zwar von den Personalern. Man sollte also über die derzeit marktübliche Bezahlung informiert sein, zum Beispiel durch Gehaltsstudien und Tarifverträge im Internet. Dann sollte man seine Kosten bedenken: fixe Ausgaben wie Miete, Auto, Familie auf der einen Seite, variable Ausgaben wie Hobbys und Urlaub auf der anderen Seite. Hieraus leitet sich die Spanne des Zieleinkommens ab. Mit Blick auf die Fixkosten sollte man sich auch eine klare Meinung darüber bilden, in welchem Umfang man bereit ist, einen variablen Anteil im Einkommen zu akzeptieren, was im Rahmen einer erfolgsabhängigen Vergütung heute immer häufiger der Fall ist. Generell gilt, daß man die Gehaltsvorstellung als Bruttojahreseinkommen angeben soll, in dem ein gegebenenfalls gezahltes Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie variable Anteile bereits enthalten sind. Wenn man ein Angebot erhält, das am unteren Ende der Skala liegt, sollte man berücksichtigen, daß sich durch die Steuerprogression letztendlich doch keine großen Unterschiede des Nettoeinkommens ergeben. Gerade in der derzeitigen Marktlage sollte man kein Angebot ablehnen, bei dem sonst alles paßt, nur weil das Jahresgehalt um 1.000 Euro unter der Vorstellung des Bewerbers liegt. Der kann ja immer noch versuchen, eine vertraglich vereinbarte Gehaltserhöhung nach Bestehen der Probezeit oder nach zwölf Monaten zu vereinbaren. Wichtig für Berufseinsteiger: Vielfach haben sie so gut wie keinen Verhandlungsspielraum bei Einstiegsgehältern, weil es hier klare, tariflich festgesetzte "Gehaltsbänder" gibt. Dies gilt insbesondere, wenn man sich bei einem Großunternehmen bewirbt.
8. "Warum sollten wir gerade Sie einstellen?"
Für viele Bewerber ist das die Horrorfrage schlechthin. Genauso ist sie auch gemeint: Die Personaler testen Streßresistenz, sie klopfen das Selbstbewußtsein ab und prüfen, wie der Bewerber mit Provokationen umgehen kann. Man sollte einfach gelassen bleiben und kann mental zu Frage Nummer eins zurückkehren: Ich bin der Richtige für den Job, das zeigen meine Erfahrungen, meine Qualifikationen, meine Leidenschaften, kurz: mein Lebenslauf. Im übrigen sollte man folgendes präsent haben: Man ist bereits zum Gespräch eingeladen worden. Dies bescheinigt die Tatsache, daß man grundsätzlich interessant ist für das Unternehmen. Jetzt liegt es an jedem selbst, auch persönlich zu überzeugen.
Tip:
Im User-Forum unter www.access.de kann man sich rund um die Uhr mit anderen Bewerbern zu Erfahrungen und Strategien in Bewerbungsprozessen austauschen.