21. Dezember 2009

Deutsch-koreanisches Miteinander

„Baby, we can do that“

Von Margarete Hucht




14. Mai 2007 
Vor wenigen Jahrzehnten noch ein Agrarland, hat Südkorea längst zum Sprung in die Oberliga der Industrienationen angesetzt. Das ferne, fremde Land ist hierzulande vor allem als agiler Player in der Automobil- und Unterhaltungselektronikindustrie präsent. Doch der gemeinsame Arbeitsalltag für Deutsche und Koreaner ist nicht immer leicht. Vor allem die straffen Hierarchien in den Arbeitsabläufen schmecken manchem Westeuropäer nicht so gut. Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Koreaner schätzen nichts mehr als gute und zuverlässige Beziehungen im Job.

Samsung in Schwalbach. Es ist Mittagszeit. Geschäftige Menschen haben Hunger. Sie trudeln im Firmenrestaurant ein, studieren das Menü und halten nach Bekannten Ausschau. Koreaner nicken anderen Koreanern zu und sichern sich einen Platz an einem Tisch mit Asiaten. In Grüppchen finden nacheinander auch die Deutschen zueinander und genießen die stressfreien Minuten beim Essen.
Die Mittagspause ist in der deutschen Samsung-Zentrale die Zeit der zwei Welten. Andreas Mirbach, 36 Jahre alt und Finance Manager im Unternehmen, weiß warum. „Das Bedürfnis, zwischendurch mal in der Landessprache zu sprechen, ist groß“, sagt er, „weil man einfach auch mal in der Umgangssprache reden möchte.“ Lachen, mal einen Witz erzählen, entspannen - in der Muttersprache geht das einfach besser.


Die Mitarbeiterschaft bei Samsung teilt sich in zwei Nationalitäten - ein Drittel Südkoreaner, zwei Drittel Deutsche. Die englische Sprache ist das wichtigste Bindeglied zwischen den Kulturen. Vor allem die älteren Koreaner gelten aber als „schwer verständlich“. Manches Gespräch braucht Geduld. „Die Koreaner haben eine sehr eigene Betonung und Aussprache - ich habe ein gutes halbes Jahr gebraucht, mich daran zu gewöhnen“, sagt Malte Heyer, der als Product Manager bei der Kia Motors GmbH in der Frankfurter City arbeitet und dort Marken wie den Opirus, Magentis, Carnival oder Carens betreut.

Sevilay Gökkaya, Bereichsleiterin Marketing & PR bei Hyundai Deutschland in Neckarsulm, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „In einer Unterhaltung mit einem hohen Manager bei der Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft war ich recht verärgert, weil der immer sagte: ›Baby, we can do that.‹ - Der konnte kein ›M‹ sprechen und meinte eigentlich: ›Maybe, we can do that.‹“

Jinchul Choi, interkultureller Berater bei Siemens VDO Automotive in Bebra in Nordhessen, empfiehlt, sich für solche Fälle ein paar Brocken Koreanisch einzuprägen, um das Eis zu brechen. „Koreaner sind im Allgemeinen sehr schüchtern, Englisch zu sprechen“, sagt er, „auch wenn sie es können. Sie haben Angst vor Fehlern und fürchten, dadurch ihr Gesicht zu verlieren. Sie brauchen ein bisschen Zeit, um ihre Hemmungen abzubauen.“

Im Grunde wünschen sich Koreaner nichts mehr, als in harmonischer Atmosphäre im Business zum Erfolg zu kommen. Das Interesse am anderen reicht weit über die rein geschäftlichen Angelegenheiten hinaus. Samsung-Manager Mirbach erzählt: „In der Anfangszeit war ich sehr erstaunt, wie interessiert die Koreaner an privaten Dingen sind. Da kommen Fragen wie ›Wie alt sind Sie?‹, ›Sind Sie verheiratet?‹, ›Haben Sie Kinder?‹ - und falls das nicht der Fall ist, gerne auch: ›Warum nicht?‹. Falls jemand Single ist, kann es auch schon mal passieren, dass der Chef versucht, eine Verabredung zu arrangieren.“

Diese traditionelle Neugier hat auch praktische Gründe. Dorothea Hoppmann, Dozentin am Lehrstuhl für Sprache und Kultur Koreas der Ruhr-Universität Bochum, erklärt das so: „Koreaner sind darauf geeicht, den anderen einzuordnen. Dazu muss man wissen, dass sich der Status eines Menschen auch stark in der Sprache abbildet. Je nach Rang werden unterschiedliche Endungen in der Anrede verwendet.“

Deutsche Mitarbeiter in koreanischen Firmen müssen damit leben, dass der Job sich oft bis weit in die Freizeit hineinschleicht. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich auch die Abende mal freihält und sich dann mit seinem Vorgesetzten ganz privat unterhält“, sagt Mirbach. „Das kann sich auch spontan ergeben. Aufs Jahr gesehen passiert das sicher zehn- bis zwanzigmal.“

Im Gegenzug kann man die Koreaner bei solchen Gelegenheiten „ganz privat“ erleben. Stress und Anspannung fallen von ihnen ab. Alkohol spielt bei diesem Übergang vom „Job-Job“ in die „Job-Freizeit“ eine nicht unerhebliche Rolle. „Wenn man gerne Alkohol trinkt, dann wird einem das hoch angerechnet.“ Und ein Anlass zum Trinken findet sich immer - sei es der gute Wochen- oder Monatsabschluss oder irgendeine günstige Entwicklung. „Es wird einem ständig zugeprostet“, sagt der Finance Manager, der am Tage die Auslandsgeschäfte von Samsung Deutschland absichert. „Schnäpse sind en vogue. Und es kann auch gut sein, dass ein Kollege dann sehr persönlich wird und sein Herz ausschüttet.“ Am nächsten Morgen im Büro geht es dann wieder ganz professionell zu - Diskretion ist selbstverständlich.

Auch Frauen prosten mit. „Koreaner lieben Alkohol“, formuliert Sevilay Gökkaya. „Und beim Trinken sind sie nicht zimperlich. Sie nehmen den besten Whiskey, den es gibt, und schütten ihn ins Bier.“ Wissen muss man für solche Gelegenheiten: Man schenkt sich nie selbst ein. Man trinkt miteinander - nicht allein.

Gemeinsame Freizeitunternehmungen haben einen hohen Stellenwert im koreanischen Geschäftsleben, man sollte es sehr ernst nehmen. Anja Katharina Haftmann, Personal- und Organisationsentwicklerin in Dortmund mit Schwerpunkt „Koreanisches Arbeitsleben“ sagt: „Wer sich in einer Kollegengruppe ausschließt, hat dauerhaft verloren und seinen Status als ›Teil des Ganzen‹ verspielt. Wer bei gemeinsamen Aktivitäten zu Haue bleibt, macht einen Fehler.“ Auch Sport spielt eine große Rolle. Bei Kia Motors etwa gibt es für alle Mitarbeiter kostenlose Sportangebote - wie Tennis, Badminton oder Bowling.

„Wer bei gemeinsamen Aktivitäten zu Haue bleibt, macht einen Fehler.“

Das gemeinsame Essen unter Kollegen und mit Vorgesetzten hat auch deshalb hierzulande eine gewichtige Bedeutung, weil in fast allen koreanischen Tochterfirmen die Schlüsselpositionen mit Asiaten besetzt sind. Kia Motors hat beispielsweise einen koreanischen Präsidenten und einen deutschen Geschäftsführer. Für die einzelnen Fachabteilungen gibt es jeweils koreanische Koordinatoren. Sie fungieren als Mittler zwischen den deutschen oder auch koreanischen General Managern und den Verantwortlichen in Korea.

Dass man sich in diese Strukturen reibungslos einfügt, wird kompromisslos erwartet. Respekt vor Vorgesetzten wird nicht nur hoch geschätzt, sondern eingefordert. „Wenn zum Beispiel Delegationen aus Korea kommen, werden sie von unseren höheren Managern in Empfang genommen, die sie auch durch die Gebäude führen. Von den Mitarbeitern wird erwartet, dass sie dann höfliche Distanz wahren“, berichtet Jörg Wiedemann, Pressesprecher von Hyundai Europe in Offenbach. „Den Chef erkennt man schon am Gang. Er läuft aufrecht, bewegt sich wie ein Staatspräsident“, erzählt Sevilay Gökkaya.

Die 31-jährige Karrierefrau sieht in der hierarchischen, koreanischen Unternehmensführung durchaus Vorteile: „Wenn eine Entscheidung getroffen wurde, dann ist sie Gesetz“, sagt sie. „Alle richten sich danach.“ Mit ›law and order‹ habe das nichts zu tun, meint sie. Sie beschreibt die übliche Praxis vielmehr so: „In deutschen Firmen werden die Entscheidungen oben getroffen, und die Mitarbeiter setzen sie um. In koreanischen Unternehmen werden Lösungen von den Mitarbeitern in Projektgruppen auf operativer Ebene vorbereitet und dann auf verschiedenen Ebenen auf Plausibilität geprüft. Das Management setzt am Schluss nur noch die Unterschrift darunter. Das dauert länger, ist aber unglaublich effektiv. Beim ›Go‹ stehen alle Mitarbeiter bereits für die Umsetzung bereit.“

Hyundai Deutschland mit seinen rund 130 Mitarbeitern funktioniert ähnlich. Derzeit arbeiten dort alle Teams auf Hochdruck an der Einführung eines neuen Modells in der sogenanten Golf-Klasse, das in Europa und für den europäischen Markt gebaut wird. Auch hier wurden grundlegende strategische Vorgaben wie Positionierung, Preis oder Zielgruppen für das neue Fahrzeug nicht von der Geschäftsführung festgelegt, sondern in Projektgruppen auf unterschiedlichen Ebenen entwickelt und dann von der Geschäftsleitung bewertet und entschieden. Auch Vorschläge für den Namen des neuen Modells kamen aus dem gesamten Unternehmen.

Nichtsdestotrotz ist gerade die straffe Führung für Deutsche oft ein Kulturschock. „An die Hierarchie muss man sich gewöhnen. Es ist auch nicht unbedingt gefragt, wenn man in Anwesenheit höherstehender Manager die eigene Meinung äußert“, sagt Pressesprecher von Hyundai Europe, Wiedemann. Ohne Feingefühl und Aufgeschlossenheit geht es in der deutsch-koreanischen Geschäftswelt nicht. „Vorteile haben hier sicherlich Kollegen, die nicht ›rein deutsch‹ vorgebildet sind und über eine gewisse internationale Erfahrung verfügen“, sagt Wiedemann.

Folgende Beiträge zu unserer Serie „Fremde Arbeitskulturen in Deutschland“ sind bereits erschienen und können unter
http://www.hochschulanzeiger.de/unternehmenskultur
nachgelesen werden:

- USA (Mai 06): Richtig benehmen bei US-Firmen in Deutschland

- Frankreich (Juni 06): Erfolg bei französischen Firmen in Deutschland

- Japan (Oktober 06): Wie ticken eigentlich japanische Unternehmen?

- Schweden/Skandinavien (November 06): So tickt der Norden

- Italien (Januar 07): Business alla italiana

- Indien (März 07): Arbeiten bei indischen Firmen in Deutschland

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor