19. Januar 2004
Als Geisteswissenschaftler irgendwo einen Praktikumsplatz zu ergattern, ist keine große Kunst. Bei den Topadressen einer Branche unterzukommen, gelingt hingegen nur wenigen. Versuchen sollte man es aber trotzdem, denn ein Praktikum beispielsweise bei der EU-Kommission, beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel oder der Werbeagentur Scholz & Friends schmückt den Lebenslauf ungemein und erhöht spätere Jobchancen.
Der Spiegel
"Wir erhalten jeden Tag drei bis vier Bewerbungen. Da muß man schon mit irgend etwas Besonderem auf sich aufmerksam machen", sagt Carsten Türke von der Personalabteilung des Spiegel. Einen Kandidaten für das Politikressort adele etwa die ehrenamtliche Mitarbeit bei Amnesty international, ein Bewerber fürs Feuilleton könne sich auszeichnen, wenn er nebenher Bühnenbilder für das aufstrebende Off-Theater malt. "Und im Wirtschaftsressort kommen wiederum bereits absolvierte Praktika bei großen Firmen gut an", weiß Türke. Generell gilt: Je genauer der Praktikant in das jeweilige Ressort paßt, desto besser. "Die Entscheidung liegt dann bei den Ressortleitern, an die wir die Bewerbung weiterleiten" - und die erwärmen sich natürlich schneller, wenn jemand Fachwissen mitbringt. Wer es dann in die Redaktion von Deutschlands renommiertestem Nachrichtenmagazin schafft, kann nicht unbedingt gleich einen eigenen Artikel veröffentlichen. "Oft wird aber gemeinsam an einem Thema recherchiert", sagt Türke. Immerhin: Praktikant und Redakteure stehen dann gleichberechtigt unter dem Text.
Der Spiegel Carsten Türke
Personalabteilung
Brandstwiete 19
20457 Hamburg
Scholz & Friends, Ufa, taz
In Zeiten der Stellenknappheit sind Spezialisten gefragt - die Chancen von Quereinsteigern sind eher gering. Es gibt allerdings auch Praktikumsplätze für Studenten, die bislang allenfalls grobe Vorstellungen von ihrem späteren Beruf haben. "Wir haben ein Konzept entwickelt für Studenten, die noch nicht hundertprozentig wissen, wo sie unterkommen wollen", sagt Jannis Tsalikis von Scholz & Friends in Berlin, eine der erfolgreichsten Werbeagenturen Deutschlands. Wer also "irgendwie in die Medien" gehen will, für den gibt es ein Praktikum namens "creative village": Der Student arbeitet zwei Monate bei Scholz & Friends, zwei Monate bei der Ufa in Potsdam und zwei Monate bei der Tageszeitung taz - für 260 Euro monatlich. Nach einem halben Jahr können die "high media potentials" einen fünfminütigen Film vorweisen, eine selbst produzierte taz-Beilage und eine PR-Broschüre. Ein arbeitsloser Absolvent des "creative-village"-Programms? Ist Tsalikis nicht bekannt. Aber auf neun Plätze kommen auch an die 300 Bewerbungen. Einer, der angenommen wurde, kennt das wichtigste Rezept: "Man braucht wilde Ideen", empfiehlt Jon Frickey, derzeit "creative-village"-Praktikant, und erzählt von einer Kollegin, die einen Koffer als Bewerbung eingeschickt hat. "Wem es gelingt, die Auswahlkommission zu überraschen, der hat gute Karten." Freundlichkeit nennt der 24jährige Design-Student als weiteres Kriterium. "Es gibt viele, die so tun, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Da ist es erfrischend, wenn jemand sympathisch ist und Erfreuliches 'rüberbringt", so der Amerikaner.
creative village c/o Scholz & Friends Berlin
Karen Bodamer
In der Dampfbrotbäckerei
Wöhlertstraße 12 - 13
10115 Berlin
www.creativevillage.de (keine Bewerbungen online)
EU-Kommission
Das gleiche läßt sich wohl vom Praktikum bei der EU-Kommission sagen. Wer sich für die Übersetzungsabteilung bewirbt, dem winken 735 Euro im Monat. In der Verwaltung, in die es hauptsächlich Politik- und Jurastudenten zieht, ist die Vergütung allerdings niedriger. Ausdrücklich erwünscht sind derzeit Bewerbungen von Studenten der Erziehungswissenschaften, Psychologie und Luft- und Raumfahrtechnik. Ein Praktikum in Brüssel hat schon Studenten der unterschiedlichsten Fachrichtungen inspiriert: "Das internationale Flair zu atmen, das motiviert dann wieder für die Schreibtischarbeit", beschreibt Anne Klinger, Lateinamerikanistik-Studentin aus Köln ihre Erfahrungen in Belgien. Einen Abschluß dürfen die Studenten noch nicht haben. 16.000 Bewerbungen gehen jährlich im Praktikantenbüro in Brüssel ein. Um die Chancen auf einen der 1.200 Plätze zu erhöhen, ist ein Referenzschreiben hilfreich, etwa von einem Dozenten oder dem Chef eines zurückliegenden Praktikums. Wer den Weg zur EU abkürzen möchte, kann es auch bei der deutschen Vertretung der Kommission in Berlin versuchen - hier zählt man weitaus weniger Bewerbungen. Zweimonatige Praktika werden in der Presse-, der Kommunikationsabteilung und der Dokumentation angeboten. Das Anschreiben sollte bereits auf die jeweilige Abteilung bezogen sein. "Bei der Suche nach einer Schwangerschaftsvertretung haben wir auch schon auf ehemalige Praktikanten zurückgegriffen", sagt Gabriele Grigat, die die Bewerbungen koordiniert. Etwa neun Praktikanten sind ständig im Haus. Grigat rät durchaus dazu, ein bis zweimal nach der Zusendung einer Bewerbung nachzuhaken: "Nur nicht zu oft, das wird schnell nervig." Allerdings sind die Praktika bei der EU-Kommission in Berlin unbezahlt - genau wie die beim Deutschen Bundestag.
Gabriele Grigat
Europäische Kommission
Unter den Linden 78
10117 Berlin
Praktikantenbüro
B100 1/7
Europäische Kommission
B-1049 Brüssel
http://europa.eu.int/comm/stages/index_de.htm
Bundestag
"Eine Schlüsselqualifikation gibt es bei uns eigentlich nicht", sagt Michael Reinold, ein Sprecher des Bundestages. "Wir haben einen bunten Blumenstrauß an Einsatzmöglichkeiten." Wer ganz nah dran an der politischen Arbeit sein und für einen Abgeordneten arbeiten möchte, sollte seine Bewerbung direkt an diesen richten - alle Parlamentarier sind auf der Homepage des Bundestages aufgelistet. Praktikantenplätze gibt es auch in den Fraktionen, in den Ausschußsekretariaten, bei der Öffentlichkeitsarbeit und im Besucherdienst. 400 Praktikanten haben im vergangenen Jahr einen Einblick in die Arbeit des deutschen Parlamentes gewonnen. "Je gezielter die Bewerbung ist, desto besser", sagt auch Reinold. "Jemand, der sich bei Greenpeace engagiert, hat im Umweltreferat sicherlich gute Chancen. Prinzipiell sollte natürlich auch Interesse am politischen Geschehen vorhanden sein."
Deutscher Bundestag
Verwaltung
Personalreferat ZV 2
Platz der Republik 1
11011 Berlin
vorzimmer.zv2@bundestag.de