30. August 2008
Business-Knigge 

Arbeitsamt

Coaching zum Nulltarif

Von Tina Hüttl



24. November 2003 
Den Besuch beim Arbeitsamt zögern viele jobsuchende Akademiker so lange wie möglich hinaus - zu Unrecht: Die speziell eingerichteten Hochschulteams können schon vor dem Abschluß wertvolle Hilfestellung geben. Zur Vermittlung wenden sich Absolventen aber besser an private Dienste.

Eine lange Reise als Belohnung? Diese Pause gönnte sich Alexandra Deiler nicht, sie wollte so schnell wie möglich einen festen Job. Dabei war die 26jährige das, was man eine Musterstudentin nennt: Ihr geisteswissenschaftliches Studium an der Universität Köln hat sie schneller als in Regelstudienzeit abgeschlossen, im Anschluß noch die Doktorarbeit in Theaterwissenschaften drangehängt.

„70 bis 80 Prozent des Arbeitsmarktes für Akademiker laufen nicht über ausgeschriebene Stellen.“

"Gleich nach der Verleihung der Doktorwürde habe ich mich wieder an den Computer gesetzt, um Bewerbungen zu schreiben." Bisher kamen nur Absagen, nicht selten mit der Begründung "überqualifiziert". Erst spät hat Alexandra Deiler einen Termin beim Hochschulteam des Arbeitsamtes ausgemacht. "Ich dachte immer: Direkt nach der Uni zum Arbeitsamt, das hab ich mit meinem Abschluß nicht nötig."

Die Sucharbeitslosigkeit von Akademikern hat sich in den vergangenen zwei Jahren von zweieinhalb auf fünf Monate verdoppelt. Wie Alexandra Deiler zögern viele Absolventen einen Besuch beim Arbeitsamt so lange hinaus, bis sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Doch die Angebote und Hilfen der Bundesanstalt für Arbeit sind besser als ihr Ruf. Seit etwa vier Jahren gibt es an allen wichtigen Bildungsstandorten in Deutschland sogenannte Hochschulteams. Sie beraten und vermitteln Studenten und Absolventen kostenlos bis zu einem Jahr nach dem Abschluß. Allerdings variieren Qualität und Serviceleistungen der knapp 60 Teams je nach Standort. Beschränkt sich das Hochschulteam München beispielsweise auf die Beratung, ist beim Berliner oder Kölner Team im Zuge der Initiative "Arbeitsamt 2000" die Vermittlung und Förderung von Studenten und Absolventen bereits fest integriert.

Hermann Decker, Berater des Hochschulteams Köln, rät Studenten, bereits zwei Semester vor dem Abschluß den Kontakt aufzunehmen. "Je früher heute Netzwerke zu potentiellen Arbeitgebern geknüpft werden, desto besser." Bereits ein halbes Jahr vor den letzten Prüfungen können sich Studenten beim Arbeitsamt als arbeitssuchend registrieren lassen. Am sinnvollsten ist es laut Decker jedoch, sich zwei Monate vor Abschluß arbeitslos zu melden, da dann das breiteste Angebot vor allem an Fortbildungen genutzt werden kann. Generell übernehmen die Hochschulteams der Arbeitsämter Bewerbungskosten - bis zu 260 Euro pro Jahr - und Fahrtkosten, die für Vorstellungsgespräche anfallen. In Köln sowie an einigen anderen Standorten wird Absolventen, die ein Jobangebot außerhalb des Tagespendelbereichs annehmen, zudem eine Mobilitätshilfe in Höhe von 4.000 Euro gewährt - Nachfragen zahlt sich also aus.

Doch die finanziellen Hilfen sind nicht alles. Für Berufseinsteiger lohnt sich auch das Coaching-Angebot der Hochschulteams. "70 bis 80 Prozent des Arbeitsmarktes für Akademiker laufen nicht über ausgeschriebene Stellen. Deshalb ist es für Uniabgänger wichtig, Selbstbewußtsein und Eigeninitiative zu entwickeln sowie eigene Ressourcen bewußt zu erschließen", rät Decker. Im Coaching, das entweder als Einzelgespräch mit Beratern oder als Workshop angeboten wird, lernen Studenten, die eigenen Potentiale zu analysieren, aber auch Bewerbungsunterlagen richtig zu formulieren.

„Das Problem ist, daß Jungakademiker für private Vermittler nicht interessant genug sind.“

Darüber hinaus bieten die meisten Hochschulteams ein ganzes Spektrum an kostenlosen Informationsveranstaltungen, Firmenbesuchen, Workshops und Seminaren zu Themen wie Rhetorik, Zeit- und Projektmanagement und interkulturelle Kommunikation. Allerdings sollten sich auch hier Studenten frühzeitig anmelden. Einen Überblick zu den Angeboten geben die Hochschulteams in ihren jeweiligen Semesterprogrammen, die in den Universitäten und Arbeitsämtern ausliegen.

Eine Woche nach dem ersten telefonischen Kontakt sitzt Alexandra Deiler zur Einzelberatung im 14stöckigen Hochhaus des Arbeitsamtes in Köln. Berater Decker ärgert sich seit Jahren über den abschreckenden Standort des Hochschulteams, mit Sprechstunden direkt an der Universität könne man die Studenten viel besser erreichen. Im Gespräch drängt Alexandra Deiler vor allem auf konkrete Hilfe bei der Vermittlung. In einem Profiling werden ihre beruflichen Fähigkeiten und Interessen erfaßt, die dann in das System des Stelleninformationsservice SIS des Arbeitsamtes eingegeben werden. Mit möglichen Arbeitgebern in Kontakt zu treten - diese Hoffnung wird erst einmal enttäuscht. "Momentan kennen wir hauptsächlich Arbeitgeber, die Ingenieure, Wirtschafts-, Naturwissenschaftler oder Informatiker suchen", sagt Decker. Doch der Berater kann der Bewerberin aufzeigen, wie sie sich auf dem unübersichtlichen Markt der Spezialbörsen und privaten Vermittlungsdienste zurechtfinden kann.

Bei der Zusammenarbeit der Arbeitsämter mit privaten Vermittlern hat ein Stimmungsumschwung stattgefunden. Die Arbeitsämter sehen in ihnen heute weniger eine Konkurrenz als eine Erweiterung ihres Services. "Das Problem ist jedoch, daß Jungakademiker für private Vermittler nicht interessant genug sind", sagt Decker. Der Präsident des Bundesverbandes privater Arbeitsvermittler, Dieter Spornberger, bestätigt diesen Eindruck: "Hochschulabsolventen haben den Nachteil, daß sie vom Arbeitsamt keinen Vermittlungsgutschein bekommen, weil sie keine Leistungen beziehen." Die Kosten von bis zu 2.500 Euro können und wollen aber die wenigsten Absolventen selbst bezahlen.

Ganz ohne Gutschein arbeitet alma mater, der bekannteste Spezialist in der Vermittlung von Studenten und Hochschulabsolventen - allerdings inzwischen nur noch online: "Der Arbeitsmarkt für Akademiker ist überregional, einzelne Niederlassungen sind überholt", sagt Peter Groß, Vorstandsvorsitzender von alma mater. Zur Rekrutierung von Bewerbern zieht der private Vermittler zweimal im Jahr mit dem alma-mater-Mobil zur Hochschultour los. Oft sind Arbeitgeber mit an Bord. Die Vernetzung mit über 30.000 Lehrstühlen garantiert, daß jeder Student erfährt, wann das Mobil am Campus auftaucht.

Im Mobil geben Studenten und Absolventen ihre persönlichen Daten ein, woraus der Computer einen automatischen Lebenslauf erstellt. Einmal wöchentlich erhält darauf jeder Bewerber per E-Mail ein Update, welche Jobangebote für ihn interessant sind. Rund 200.000 Bewerber hat alma mater auf diese Weise erfaßt, auf der Angebotsseite sind sie mit mehr als 10.000 Unternehmen vernetzt. "Die Erfolgsquoten sind aufgrund unserer engen Kundenkontakte für Bewerber sehr gut, zudem ist unser Service für die Studenten kostenlos", sagt Groß. Beim Hochschulteam am Arbeitsamt ist manch einer neidisch auf solche Vermittlungserfolge. Doch Ende dieses Jahres kommt das "virtuelle Arbeitsamt" - eine Suchmaschine, die alle freien Stellen im Netz bündeln soll.

Weitere Informationen unter:

www.arbeitsamt.de

Einen Überblick über die Standorte der Hochschulteams gibt:
www.arbeitsamt.de/hst/services/

Private Vermittler, die mit dem Arbeitsamt zusammenarbeiten:
www.arbeitsamt.de/hst/markt

Bundesverband privater Arbeitsvermittler:
www.bvpav.org


www.alma-mater.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004