23. Juni 2008
Interview mit Uta Schulz, interkulturelle Trainerin und Inhaberin der Firma SveTys mit Sitz in Reinbek bei Hamburg
? Frau Schulz, gibt es grundlegende Unterschiede zwischen Deutschen und Skandinaviern?
: In den skandinavischen Ländern - und vor allem in Schweden - herrscht die allgemein verbreitete Grundannahme, dass sich niemand profilieren soll. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist, das ist das Extrakt dieser ungeschriebenen Basis des Zusammenlebens. Die Menschen benutzen dafür den Begriff Janteloven oder Jantelagen - das sogenannte Gesetz von Jante: Man soll immer für den anderen mitdenken und Verantwortung übernehmen, alle sind gleich.
? Spielt diese Kultur auch im Arbeitsleben eine Rolle?
: Ja, zum Beispiel ist die Rolle des Chefs eine andere. Er sieht sich als Coach des Teams, sorgt dafür, dass sich die anderen wohl fühlen und dass jeder sein Potential entfalten kann. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Das ist ein anderes Konzept als das der deutschen Führungskräfte, die sich für das Planen und Entscheiden, das Delegieren und Kontrollieren zuständig fühlen.
? Wie wirkt sich das im Arbeitsalltag aus?
: Der skandinavische informelle Führungsstil schafft ein offenes und kreatives Arbeitsklima. Das ist sehr angenehm und inspirierend. Der Einzelne hat im Job sehr weitreichende Verantwortungen, die er selbstverständlich wahrnimmt. Auch die Einstellung zum Risiko ist eine andere - man hat keine Angst, etwas Dummes zu tun oder zu sagen. Bei Fehlern suchen alle zusammen nach Ursache und Lösung und nicht nach dem Sündenbock.
? Was empfinden Deutsche in skandinavischen Unternehmen sonst noch als fremd?
: Sie stoßen sich an der skandinavischen Diskussionskultur. Deutsche setzen gern These gegen Antithese, kontern. Die Skandinavier hingegen diskutieren im Konsens. Das wirkt auf uns, als würde um den heißen Brei herumgeredet. Es erscheint uns zäh und ineffektiv, als gebe es kein Ziel, auf das man hinarbeitet. Irgendwann einigt man sich dann trotzdem.
? Heißt das etwa auch, dass in skandinavischen Unternehmen keine Kritik geübt wird?
: Wenn etwas mit der Leistung nicht stimmt, dann kommen Skandinavier oft mit Verbesserungsvorschlägen: Was meinst du, wenn wir es so und so machen. Ich fände es besser, wir würden das so regeln und so weiter. Das sind dann schon Alarmzeichen. Um dem vorzubeugen, sollte man unbedingt immer das Gespräch mit Kollegen und Vorgesetzten suchen und fragen, ob das eigene Vorhaben okay ist.
? Gibt es typische Fettnäpfchen?
: Mit Titeln geht man nicht hausieren. Der Doktor oder wohlklingende Positionsbezeichnungen sind in Skandinavien auf Visitenkarten ungewöhnlich - so etwas gilt als peinlich. Wissen muss man, dass auch Menschen in hohen Positionen im Beruf alltäglich oder freizeitlich gekleidet auftreten. Deutsche irritiert das bisweilen so sehr, dass sie denken, sie hätten es mit dem falschen Gesprächspartner zu tun.
? Wie sollte man sich bei Bewerbungen verhalten?
: Bloß nicht übertreiben beim Selbstmarketing! Man sollte sachlich und jobbezogen seine Erfahrungen und bisherigen Aufgaben darstellen, und es ist auch erwünscht, mit ein paar Worten seine private Situation zu beschreiben.
? Die meisten Skandinavier sprechen sehr gut Englisch. Kommt man damit im Berufsleben zurecht?
: In Schweden ist es zum Beispiel üblich, dass man zwei Kaffeepausen macht - eine morgens und eine nachmittags. Dann wird geklönt und beruflich das ein oder andere ausgetauscht - natürlich in der Landessprache. Wer nur Englisch spricht, grenzt sich dabei aus. Man bekommt einfach zu wenig mit.
? Auf uns Deutsche wirken vor allem die Finnen sehr schweigsam und introvertiert. Wie geht man am besten damit um?
: Wer nicht aus Finnland kommt, hat oft Probleme damit, dass die Finnen wenig reden. Manchmal scheint es, als sei das Schweigen für die Finnen schon eine Form von Unterhaltung. Finnen haben eine minimierte Gestik und Mimik, wirken manchmal wie eine kalte Wand. Deutsche können sehr schlecht mit diesem Schweigen umgehen, sie werden nervös. Dabei beweist der Finne Respekt, wenn er nach einer Frage erst einmal eine Pause macht. Das heißt, er denkt nach. Man muss ihm diesen Zeitraum geben, Geduld aufbringen und das aushalten. Die Antwort kommt dann schließlich wohlformuliert, scharf, glasklar und sachbezogen.
? Ist Work-Life-Balance im hohen Norden ein Thema?
: Eine Überstundenkultur wie in Deutschland ist in den skandinavischen Ländern unüblich, weil sonst die Familie nicht mehr funktioniert. Das Motto lautet: Wer Überstunden machen muss, ist schlecht organisiert. Man arbeitet intensiv und hart, solange man im Job ist. Dann ist das Privatleben dran.